Interview | Maximilian Schachmann “Der ganze Oberkörper fühlt sich an wie ein blauer Fleck”

Stand: 16.06.2022 13:10 Uhr

Hinter Radprofi Maximilian Schachmann liegen herausfordernde Monate. Der gebürtige Berliner verpasste wegen Krankheit mehrere Rennen im Frühjahr und musste an seinem Comeback arbeiten. Auch bei der Tour de Suisse läuft es nicht wie geplant.

rbb|24: Maximilian Schachmann, Sie fahren momentan bei der Tour de Suisse mit. Während der dritten Etappe am Dienstag waren sie kurz vor dem Ziel in einen Massensturz verwickelt und sind das Rennen mit einem zerfetzten Shirt zu Ende gefahren. Wie geht es ihnen?
 
Maximilian Schachmann: Heute ist es ein bisschen besser. Aber gestern, bei der vierten Etappe, habe ich den Sturz schon deutlich gespürt. Es war einer meiner heftigeren Stürze seit längerem. Es war halt direkt vorm Ziel: Noch viereinhalb Kilometer, leicht abschüssig, bei 60 Kilometern pro Stunde. Da habe ich mit dem Rücken und dem Kopf voll den Asphalt geküsst.

Was macht man bei so einer Verletzung, wenn klar ist, dass es bei der nächsten Etappe weitergeht. Kommen Pflaster auf den Rücken? Können die offenen Wunden überhaupt heilen?
 
Ich habe überall Verbände auf dem Rücken und den ganzen Stellen. Aber die Abschürfungen sind nur ein Teil. Es geht auch eher darum, dass man im Körper diesen Schlag bekommen hat. Man spürt das einfach in der ganzen Muskulatur. Der ganze Oberkörper fühlt sich an wie ein blauer Fleck.

Durch den Sturz sind Sie vom zweiten auf den 17. Platz zurückgefallen und haben nun einen deutlichen Rückstand. Wie frustrierend ist das?
 
Das ist natürlich sehr, sehr ärgerlich. Das war mein erster Gedanke im Ziel. Ich habe halt an dem Tag doppelt verloren: Zum einen meine Haut und dann noch 53 Sekunden in der Gesamtwertung, weil es 1,5 Kilometer vor der 3-Kilometer-Marke war. Aber am Ende gehört das zum Sport dazu. Klar ist das ärgerlich, aber mal gewinnt man, mal verliert man.

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Der bittere Sturz fügt es sich auch ein bisschen in Ihre bisherige Jahresbilanz ein. Erst eine Corona-Infektion und dann noch ein weiterer Infekt im Frühjahr, der sie von den Rennen abgehalten hat. Wird man dann irgendwann abergläubisch, weil es sich anfühlt, als ob einen das Pech verfolgt?
 
Abergläubisch bin ich jetzt nicht, aber es ist sehr, sehr anstrengend. Mental ist das sehr, sehr anstrengend und ätzend, wenn man einfach nicht in diesen Erfolgsflow hineinkommt. Aber ich bin jetzt froh, dass ich am Ende keine Knochenbrüche davongetragen habe. Dass ich jetzt weiterfahren kann. Natürlich spüre ich es. Es hat mich auch ein bisschen an Leistung gekostet. Das habe ich auch gestern gespürt, aber ich hoffe, dass es dann schnell wiederkommt.

Vor allem bei den Rennen im Frühjahr haben Sie in den Vorjahren immer wieder geglänzt. Paris-Nizza konnten Sie schon zwei Mal gewinnen ...
 
Klar war es nicht schön, am Anfang des Jahres die ganzen Radsportmonumente zu verpassen. Die werden halt nicht wiederholt am Ende des Jahres. Aber ich konnte halt nichts tun. Die Saison war nun mal so, wie sie eben war. Von daher habe ich meinen Fokus ziemlich schnell auf das gelegt, was noch kommt.

Wie schauen Sie auf den Rest der Saison? Ist die Tour de France ein Thema?
 
Definitiv. Der Kader wird nächste Woche bekanntgegeben und ich hoffe, ich bekomme mein Ticket und stehe in Kopenhagen am Start. Wir müssen erstmal schauen, wie die Nominierung jetzt aussehen wird, und dann hoffe ich, mit der besten Verfassung, die ich je hatte, am Start zu stehen. Mal schauen, ob das funktioniert. Ein Etappensieg ist natürlich etwas, was das Klassement aufwertet und ein Ziel darstellt.

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In ein paar Stunden schwingen Sie sich wieder aufs Rad, um die fünfte Etappe mit 193 Kilometern zu fahren. Was ist Ihr Plan für den Rest der Tour de Suisse?
 
Die bisherigen Etappen waren schon sehr, sehr schwer und die kommenden werden noch schwerer. Jetzt geht es ums Gesamtklassement. Es geht aber auch ins Hochgebirge. Für mich geht es nach der verkorksten Saison auch darum zu sehen, wo ich jetzt stehe. Der Sturz war alles andere als optimal. Mit der Perspektive Tour de France geht es jetzt auch darum, mich komplett davon zu erholen und von daher schaue ich jetzt Tag für Tag, wie es läuft.
 
Gute Besserung und vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Lynn Kraemer, rbb sport.

Sendung: rbb24 Inforadio, 16.06.2022, 13:15 Uhr