Bettina Rulofs, leitende Autorin der Studie.

Gewalt im Sport "Strukturen schaffen, dass Kinder im Sport sicher sind"

Stand: 02.10.2022 09:00 Uhr

Laut einer aktuellen Studie haben 20 Prozent der Befragten sexuellen Missbrauch im Sport erlebt. Peer Vorderwülbecke hat darüber mit der Sportsoziologin Bettina Rulofs gesprochen.

Bettina Rulofs ist Professorin für Sportsoziologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln und die Expertin in Deutschland, wenn es um das Thema sexuellen Missbrauch im Sport geht. Vor fünf Jahren hat sie mit der "Safe Sport"-Studie erstmals für belastbares Datenmaterial im Spitzensport gesorgt.  Nun hat sie kürzlich die "Sicher im Sport"-Studie vorgelegt, die den sexuellen Missbrauch im Breitensport belegt. Darüber hinaus hat sie am 20. September eine Studie vorgestellt, in der 72 Fälle von schwerem Missbrauch im Sport wissenschaftlich analysiert worden sind. Peer Vorderwülbecke hat mit Bettina Rulofs gesprochen

Frau Rulofs, mit all den Daten, die Sie da jetzt haben: Welche Dimension hat der sexuelle Missbrauch im Sport? Lassen Sie uns dabei auf die schwerste Variante schauen, also auf den direkten sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt. Wie groß ist dieses Problem im deutschen Sport?

Rulofs: Das können wir ansatzweise auf Basis unserer Studie "Sicher im Sport" beantworten. Das ist eine Studie, bei der wir Vereinsmitglieder in der Breite des Sports in Deutschland befragt haben. Und hier sehen wir, dass rund 20 Prozent der Befragten angaben, schon mal eine Form von sexualisierter Grenzverletzung oder sexueller Gewalt mit Körperkontakt erlebt zu haben. Aber hier ist es eben so, dass da auch eine Spannweite an Handlungen mit dabei ist. Da werden eben beispielsweise auch unangenehme Berührungen mit darunter fast werden. Wenn wir das ein bisschen kleiner halten und wirklich auf die schweren Fälle schauen, dann sind das wenige Fälle. Also wir sehen hier in der Stichrobe, dass etwa ein bis zwei Prozent von Vorfällen berichten, die eben auch als schwere sexuelle Gewalt bezeichnet werden können im Hinblick auf sexuelle Berührungen, gegen den Willen oder auch in Richtung Vergewaltigung.

Der Sport hat ja zweifellos ein gutes Image. Eltern, die ihre Kinder zum Sport bringen, haben wahrscheinlich auch ein gutes Gefühl dabei. Inwieweit müsste man da tatsächlich Warnung aussprechen und klar sagen: Der Sport ist nicht immer ein sicherer Ort, er kann auch gefährlich sein. Oder wie würden Sie das formulieren?

Ja, diese Warnung müssen wir für unsere gesamte Gesellschaft aussprechen. Überall da, wo sich Kinder und Jugendliche aufhalten, kann es auch unter Ausnutzung von Autoritätspositionen unter Ausnutzung von Funktionsrollen die Erwachsene übernehmen, kann es eben leider auch zu sexuellen Missbrauch kommen. Ob das nun im Sport ist, bei den Pfadfindern, bei der Kirche oder auch in der Schule -  in allen Bereichen wo Kinder und Jugendliche unterwegs sind, müssen wir alle wachsam sein für dieses Thema. Das trifft nicht nur den Sport, aber unser Fokus in den zuletzt veröffentlichten Studien war eben der Sport. Darum geht es: Wie können wir im Sport Bedingungen und Strukturen schaffen, dass Kinder hier sicher sind und gut aufgehoben sind.

Sie haben jetzt schon andere Beispiele genannt. Aber warum ist denn der Sport möglicherweise besonders gefährdet? Oder bietet vielleicht für mögliche Täter ein besonderes leichtes Umfeld, um diesen Missbrauch auch umzusetzen?

Je nachdem, in welchem Bereichen des Sports wir uns befinden, ob das der Breitensport ist oder der Wettkampfsport, gibt es besonderen Bedingungen. Im Breitensport ist es beispielsweise so, dass wir hier regelmäßig sehr viele freiwillig mithelfende Personen benötigen, um überhaupt den Sport anzubieten, so wie er in den Vereinen angeboten wird. Das ist ja ein großes ehrenamtliches Engagement, das da stattfindet. Grundsätzlich ist das erstmal als sehr, sehr positiv zu bewerten. Aber das hat auch zur Konsequenz, dass hier viele Personen in die Vereine und Verbände hineinkommen, die eben freiwillig ihre Mithilfe anbieten und mit Kindern und Jugendlichen dann zusammen sind und arbeiten. Und da sind auch mitunter die Zugangshürden nicht so besonders groß. Die Ehrenamtlichen werden eben auch ganz dringend nötig, damit überhaupt Wettkämpfe im Breitensport beispielsweise stattfinden können. Und das ist eine mögliche oder ein möglicher Risikobereich im Breitensport.

Wie sieht es im Leistungssport aus?

Im Leistungssport sind das andere Strukturen. Da gibt es enge Abhängigkeitsverhältnisse. Da ist auch eine sehr starke gemeinsame Orientierung im Hinblick auf den Erfolg sehr weit verbreitet. Da tun alle etwas dafür, dass es am Ende auch gut klappt mit dem sportlichen Erfolg. Und wenn es so eine starke Ausrichtung in diese eine Richtung gibt, dann wird oftmals nicht genügend aufmerksam darauf geschaut, ob es allen auch wirklich gut gehen. Dabei und darunter können unter Umständen, wenn es Täter dort gibt, die eine Absicht haben, Kindern Gewalt anzutun. Da könnte es dann eben auch sein, dass Kinder leider für die Befriedigung von Bedürfnissen von Erwachsenen missbraucht werden.

Wie funktioniert der sexuelle Missbrauch im Sport? Gibt es da Strategien, die mehr oder weniger von allen Tätern ähnlich angewendet werden?

Also in den einzelnen Fällen ist es schon immer sehr unterschiedlich. Aber was wir schon sehen, sind so typische Muster, wie sich Täter auch Kindern nähern, wie sie das gesamte Umfeld und zum Beispiel auch die Eltern in ein Vertrauensverhältnis einbinden, in eine gegenseitige Abhängigkeit und in ein Näheverhältnis. Den beteiligten Personen fällt es dann oftmals sehr schwer, zu erkennen, dass hier ein Missbrauch angebahnt wird. Das ist die systematische Strategie des Grooming. Das heißt, das Umfeld wird so manipuliert das alle den Täter als besonders positiv oder bewundernswert einschätzen und niemand davon ausgeht, dass das jemand ist, der eben auch tatsächlich am Ende Grenzen überschreitet.

Aus meiner persönlichen Erfahrungen, auch aus meinen Recherchen habe ich den Eindruck gewonnen, dass dieses Bewusstsein für die Gefahr des Kindesmissbrauchs in vielen Vereinen nicht angekommen ist. Wie sehen Sie das mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Wir hatten zu diesen Fragen vor sieben Jahren eine Studie durchgeführt. Im Rahmen der Safe Sport-Studie haben wir auch Sportvereine befragt. Damals war es so, dass beispielsweise die Hälfte der Sportvereine angegeben hatte, dass sie das Thema nicht relevant finden. Also die Prävention von sexualisierter Gewalt war sozusagen nicht in der Wahrnehmung der Hälfte der Sportvereine verankert. Gleichzeitig hatten wir gesehen, dass nur wenige Vereine damals ein Kinderschutzbeauftragten oder ein eigenes Schutzkonzept hatten. Das waren nur um die zehn Prozent. Wie das inzwischen aussieht, wissen wir nicht. Dazu haben wir keine neueren Daten. Wir sehen aber, dass in den Verbänden, die ja eine Stufe über den Vereinen stehen, dass da ein enormer Schub an Präventionsarbeit in den letzten Jahren stattgefunden hat, sodass sich einigermaßen optimistisch bin, dass da in den letzten Jahren viel Gutes und Positives passiert ist. Ob das ausreicht, kann ich nur als Fragen sozusagen in den Raum stellen. Da kann ich auch nur ermuntern, immer weiter nachzufragen, bei Vereinen anzuregen, das Vereine eigene Schutzkonzept entwickeln und auch dabei zu unterstützen, dass diese Konzepte gelebt werden. Das ist wichtig, dass es eine gemeinsame, geteilte Kultur der Verantwortung gibt für den Schutz von Kindern.

SpiO-Talk zum Thema "Sexuelle Gewalt im Sport" mit Bettina Rulofs

Im Moment wird ja ein „Zentrum für Safe Sport“ diskutiert. Ist das eine mögliche Lösung? Da würde man ja eine Institution schaffen, die deutschlandweit übergreifend als Ansprechpartner dient und vielleicht auch so eine Art Lobby für die Missbrauchsopfer sein könnte?

Ja, ich denke schon, dass das ein wichtiger Schritt ist in die richtige Richtung. Wenn wir hier so eine Art Clearingstelle hätten oder ein Kompetenz-Pool an Leuten, die eben dann auch in der Lage sind, die Vereine zu beraten, wenn es Missbrauchs-Meldungen gibt, dann könnte da sehr viel Gutes passieren. Denn tatsächlich ist es auch sehr gut nachvollziehbar, dass Ehrenamtliche im Sport sich schwer tun, ganz systematisch bei der Nachverfolgung von Meldungen und Fällen vorzugehen. Also hier wäre es wirklich toll, eine professionelle Kompetenz zu haben, besetzt mit Fachkräften, die eben zum Beispiel eine Telefon-Hotline bedienen können und entsprechende Meldungen entgegennehmen und dann systematisch auch diesen Missbrauchsfällen nachgehen können. Gleichzeitig müsste aber in diesem Zentrum auch noch mal ein eine Dynamik entstehen, damit sportrechtliche Fragen angegangen werden. Also: Wie kann zum Beispiel auch eine Trainer Lizenz entzogen werden? Oder wie kann ist sichergestellt werden, dass wenn Trainer zum Beispiel auch strafrechtlich tatsächlich schon belangt worden sind, dass sie nicht wieder in einem folgenden Verein in einem nächsten Verein arbeiten können.

Frau Rulofs, vielen Dank für dieses Gespräch.

Hilfetelefon und Anlaufstelle für Betroffene

Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch hat die Rufnummer 0800/2255530.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs erreichen Sie hier.