Frauen-Radsport: Premiere in der "Hölle des Nordens" Paris-Roubaix

Ellen van Dijk bei der Rad-WM in Flandern

Radsport

Frauen-Radsport: Premiere in der "Hölle des Nordens" Paris-Roubaix

Von Katharina Schubert

Seit 125 Jahren findet mit Paris-Roubaix die "Königin der Klassiker" statt – für Männer. Am Samstag (02.10.2021) werden erstmals auch die Frauen das Rennen bestreiten.

Wenn am Samstag die erste Frau die Ziellinie im ehrwürdigen Velodrom von Roubaix überquert, wird es ein Moment für die Geschichtsbücher sein. Denn zum ersten Mal findet beim Klassiker Paris-Roubaix auch ein Frauenrennen statt.

Einen Tag vor den Männern gehen die Fahrerinnen auf die Strecke, 116,5 Kilometer von Denain nach Roubaix stehen ihnen bevor. Die letzten 85 Kilometer decken sich dabei mit denen der Männer – inklusive des berühmt-berüchtigten Kopfsteinpflasters, welches in der langen Geschichte des Rennens schon den ein oder anderen Favoriten zu Fall brachte.

Ein historischer Moment für den Frauenradsport

Schon als der Rennveranstalter A.S.O. und der Radsport-Weltverband UCI im April 2020 verkündeten, dass mit Paris-Roubaix Femmes nun auch eine Frauen-Ausgabe stattfinden würde, war dies für viele Fahrerinnen ein historischer Moment.

Denn Paris-Roubaix – wegen seiner rauen Bedingungen auch die "Hölle des Nordens" genannt – gehört neben den Frühjahrsklassikern Mailand-Sanremo, der Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt im Herbst zu den fünf Monumenten des Radsports.

Jetzt auch Paris-Roubaix fahren zu können, sei unglaublich wichtig, so Tanja Erath, die für das Team TIBCO-SVB an den Start gehen wird, der Sportschau. "Das Rennen gibt es seit 125 Jahren, und es nimmt in unserem Sport einen riesigen Stellenwert ein. Gestern im Velodrom gestanden zu haben und zu wissen, dass man zum ersten Mal nicht nur als Zuschauerin, sondern als Athletin dabei ist, war ein ganz besonderes Gefühl."

Nach Paris-Roubaix: Zwei Radsport-Monumente fehlen noch

Mit dem ersten Frauen-Rennen in der "Hölle des Nordens" schließt sich wieder eine Lücke zwischen Männern und Frauen im Radsport, sagt Tokio-Olympiasiegerin Lisa Klein, die ihren Start wegen einer Schulter-OP jedoch kurzfristig absagen musste. Mit Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Flandern-Rundfahrt stehen aktuell drei Radsport-Monumente im Rennkalender der Frauen.

Zwei davon werden von der A.S.O. organisiert, die auch die Tour de France ausrichtet. Ihre Machtposition teilt sich die A.S.O. mit dem italienischen Rennveranstalter RCS Sport. Dieser hält die Rechte an den zwei verbleibenden Monumenten, die noch nicht für die Frauen offenstehen: Mailand-Sanremo und die Lombardei-Rundfahrt. "Ich bin gespannt, wann auch RCS Sport endlich merkt, dass der Frauenradsport attraktiv ist," sagt Lisa Klein.

Dass sich die A.S.O. im Frauenradsport engagiert, geschieht allerdings nur teilweise aus freien Stücken. So erklärten sich die Organisatoren zum Beispiel erst nach großem öffentlichem Druck durch Fahrerinnen und UCI dazu bereit, ab nächstem Jahr auch eine Tour de France für die Frauen zu auszutragen.

UCI-Reformen sorgen für Sichtbarkeit des Frauenradsports

Dass der Frauenradsport generell an Attraktivität und Sichtbarkeit dazugewonnen hat, liegt nicht zuletzt an den Reformen der UCI. 2016 reformierte der Radsport-Weltverband die Rennserie der Frauen und führte die UCI Women’s World Tour ein. Im Zuge dessen nahm die UCI die Rennveranstalter sowie Teams in die Pflicht.

So müssen die World Teams, quasi die erste Liga im Frauenradsport, eine Reihe von Bedingungen erfüllen, die vor allem die Trainings- und Lebensbedingungen der Fahrerinnen betreffen. Dazu zählen die Auszahlung eines Mindestgehalts, von Kranken- und Urlaubsgeld sowie Lohnfortzahlungen während des Mutterschutzes.

Die Rennveranstalter sind laut UCI-Vorgaben zu einer Live-Berichterstattung der jeweiligen Rennen verpflichtet. Geschieht dies nicht, droht die Streichung aus dem World Tour-Kalender.

Kopfsteinpflaster entscheidet nicht alleine über den Sieg

Luft nach oben ist auch beim Thema Preisgeld. Während sich Philippe Gilbert nach seinem Paris-Roubaix-Triumph vor zwei Jahren über 30.000 Euro freuen konnte, wird die Siegerin nur einen Bruchteil dessen mit nach Hause nehmen.

Das hält die Top-Fahrerinnen jedoch nicht davon ab, am Samstag in Denain an den Start zu gehen. Im Blick stehen die frisch gekürten Weltmeisterinnen Ellen van Dijk und Elisa Balsamo, aber auch Chantal van den Broek-Blaak und Lotte Kopecky gelten als Favoritinnen auf den Sieg. Besonders die kraftvollen Fahrerinnen hätten auf dem Kopfsteinpflaster einen Vorteil, so Tanja Erath.

Wind und Wetter als weitere Faktoren

"Es ist das härteste Kopfsteinpflaster, das ich je gefahren bin", sagt Olympiasiegerin Lisa Brennauer. Sie glaubt aber, dass sich das Rennen nicht alleine auf dem Kopfsteinpflaster entscheiden wird. "Auch Wind und Wetter können eine erhebliche Rolle spielen. Um zu gewinnen, braucht man gutes Teamwork, ein Quäntchen Glück und vor allem den Willen, nie aufzugeben."  

Am Samstagnachmittag wird feststehen, wer sich nach 125 Jahren als erste Siegerin von Paris-Roubaix in die Geschichtsbücher eintragen darf.

Stand: 30.09.2021, 17:46

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