Girmay Biniam aus Eritrea gewinnt den Klassiker Gent-Wevelgem

Radsport Radprofi Biniam Girmay: Klassikersieg für Afrika

Stand: 28.03.2022 13:24 Uhr

Mit dem Sieg bei Gent-Wevelgem hat Biniam Girmay Geschichte geschrieben. Als erster Radprofi aus Afrika gewinnt er einen großen Klassiker und kann damit einen ganzen Kontinent im Radsport voranbringen.

Von Tom Mustroph

Ein neuer Stern strahlt am afrikanischen Radsporthimmel: Biniam Girmay. Sein Stern strahlt schon seit dem vergangenen Herbst, als er beim U23-Straßenrennen der Weltmeisterschaft WM-Zweiter wurde. Das bescherte ihm zum zweiten Mal in Folge die Ehrung zu Afrikas Radsportler des Jahres.

"Wichtiger Sieg für das Team und Afrika"

"Biniam Girmay ist der vielversprechendste Radsportler aus Afrika. Er hat bereits André Greipel im Sprint geschlagen. Seine Leistung bei der WM war kein Zufall. Man wird noch viel von ihm hören", erklärte die französische Radsport-Legende Bernard Hinault, der der Jury angehörte. Der fünfmalige Tour-de-France-Sieger behielt recht mit seiner Prognose. Am Sonntag (27.09.2022) gewann Girmay den bedeutenden Frühjahrsklassiker Gent-Wevelgem im Sprint einer vierköpfigen Spitzengruppe.

"Ich kann es nicht fassen", sagte der 21 Jahre junge Radprofi aus Eritrea hinterher – und fand dann doch schnell die Worte, die dem historischen Ereignis angemessen waren: "Es ist ein wichtiger Sieg für mich, für mein Team und für Afrika."

Tatsächlich handelt es sich um den ersten World-Tour-Sieg eines schwarzen afrikanischen Sportlers. Chris Froome, in Kenia geboren, später erst für Südafrika und dann für Großbritannien startend, hat zwar eine ganze Menge mehr World-Tour-Rennen gewonnen. Aber ging eben als der "weiße Kenianer" in die Radsportgeschichte ein. Seine größten Triumphe fuhr er ohnehin als Brite ein.

Eritrea - Läuferparadies und Radsportland

Eritrea, eines der ärmsten Länder der Welt, hat als ehemalige italienische Kolonie eine große Leidenschaft für den Radsport. Daniel Teklehaimanot, zwölf Jahre älterer Landsmann von Girmay, trug vor sieben Jahren für einige Tage das Bergtrikot bei der Tour de France. Die Übertragungen der Etappen fanden in vollbesetzten Kinosälen statt.

Teklehaimanot rückte damals das Läuferland Eritrea als potenzielles Klettererparadies in den Fokus des europäisch geprägten Radsports. Erste Berichte über die Radsportleidenschaft in Eritrea erschienen. "Jedes Wochenende gibt es bei uns ein Rennen auch in den Jugendkategorien, alle zwei Monate eines rings um Asmara", beschrieb Girmay in einem Zoom-Interview aus dem Trainingslager seines Rennstalls Intermarché Wanty Gobert die beeindruckende Rennszene in seiner Heimat.

"Im richtigen Moment gesehen werden"

Immerhin 16 Profis stellt das Land mittlerweile im Straßenradsport, drei davon in der World Tour, einen im Pro-Continental-Bereich und die anderen zwölf in der dritten Kategorie. Aber die ganz großen Siege fehlten bislang. Das liegt Girmay zufolge auch an mangelnder Aufmerksamkeit der europäischen Rennställe. "Es gibt so viele gute Radsportler in Eritrea, so viel Leidenschaft. Aber du musst auch Glück haben. Du musst im richtigen Moment gesehen werden", meinte er.

Die richtigen Momente sind die großen afrikanischen Rennen wie die Tour of Rwanda oder die Tropicale Amissa Bongo in Gabun. An diesen Rennen nehmen auch Rennställe aus Europa teil, Scouts sperren die Augen auf. Zu den kleineren Rennen komme aber kaum jemand, klagte Girmay. "Wenn wir mehr schwarze Fahrer haben wollen, müssen europäische Continental-Rennställe den afrikanischen Radsport stärker beachten", forderte er.

Unterstützung durch UCI-Juniorenakademie

Girmay selbst gehörte als 18-Jähriger zum World Cycling Center des Radsport-Weltverbandes UCI in Aigle. Dort werden Talente aus zahlreichen Nationen gefördert. "Ich habe dort viel gelernt. Denn die Umstellung von afrikanischen Rennen nach Europa ist doch sehr groß", blickte Girmay auf die Anfänge zurück. Das betraf grundlegende Sachen wie das Klima, aber auch Essen, Trainingsumfänge und Positionierung in den Rennen. "Er legt nicht so viel Wert auf das Grundlagentraining. In Eritrea macht man gern die Sachen, die einem gefallen, vor allem die hohen Intensitäten", erzählte Luc Chelian, Trainer Girmays während dessen Zeit beim mittlerweile aufgelösten französischen Rennstall Delko, im Gespräch der Website "directvelo".

Mittlerweile dürfte Girmay aber auch beim Grundlagentraining zugelegt haben. Denn der Erfolg bei Gent-Wevelgem bestätigte nur die gute Form, die Girmay schon in den ersten Wochen der Saison gezeigt hatte. Er gewann die Trofeo Alcudia, ein Rennen der Mallorca-Challenge-Serie, und ließ dabei Männer wie Top-Sprinter Pascal Ackermann und Michael Matthews, 2017 Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France, hinter sich. Bei der Fernfahrt Paris-Nizza kam er drei Mal unter die Top 10, beim Klassiker Mailand-Sanremo wurde er Zwölfter.

Monumental - Frühling im Radsport

Sportschau Tourfunk, 21.03.2022 12:00 Uhr

Erst Giro d'Italia, dann WM

Im Mai soll Girmay beim Giro d'Italia erstmals bei einer Grand Tour antreten. Dafür zieht er sich jetzt auch nach Hause zurück, will auf 2.000 Metern Höhe trainieren. "Es war lange so abgemacht, dass ich nach drei Monaten in Europa wieder nach Hause komme. Ich vermisse meine Familie", sagte er in Wevelgem. Die Familie besteht aus einem radsportbegeisterten Vater und einem älterem Bruder, der ihn mit 13 Jahren vom Fußball zum Radsport brachte, und mittlerweile auch aus seiner Frau und der einjährigen Tochter.

Seine Rückkehr in den europäischen Radsport ist für den Eintagesklassiker Eschborn-Frankfurt am 1. Mai geplant. Dort, und erst recht beim Giro, will Girmay an seine Erfolgsserie anknüpfen. Sich selbst sieht als einen Rennfahrertyp wie den dreimaligen Weltmeister Peter Sagan. "Ich mag ihn als Rennfahrer. Mein Potenzial ist seinem ähnlich. Ich kann klettern und sprinten", sagte er.

Sein erstes Regenbogentrikot möchte er sich gern im September bei den WM in Australien überstreifen, da wohl noch in der U23-Kategorie. Sicher ist er sich auch, dass es irgendwann den ersten schwarzen Weltmeister bei den Großen geben wird. Vielleicht schon 2025, wenn die WM in Ruanda stattfindet. Das wird dann eine große Woche für den Radsport in Afrika. Und für einige weitere große Tage für sich, sein Team und seinen Kontinent dürfte Girmay bis dahin auch gesorgt haben.