Paralympics | Rückblick Zwischen Freude und Nachdenklichkeit - Paralympics-Bilanz des deutschen Teams

Stand: 13.03.2022 08:31 Uhr

Ukraine-Krieg, Corona-Blase, Ärger über Gastgeber China - die Paralympics in Peking verliefen nicht immer unbeschwert. Sportlich kann das deutsche Team allerdings ein unerwartet positives Fazit ziehen.

So viele unterschiedliche Emotionen hat selbst Friedhelm Julius Beucher selten erlebt. Und solch seltsame Paralympics schon gleich gar nicht. Deshalb muss der 75-jährige Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) auch ungewöhnlich lange überlegen, wie er das Fazit der Winterspiele in Peking in einem Satz zusammenfasst. "Mit Freude über die sportlichen Erfolge, aber auch mit sehr viel Nachdenklichkeit verlassen wir China", sagte Beucher in einem Bilanz-Interview.

Paralympics enden mit "gemischten Gefühlen"

Der überlagernden Trauer durch den Ukraine-Krieg, dem Frust über das Leben in der rigorosen Corona-Blase und dem Ärger über Ausrichter China mit schwierigen Transporten, Verboten von Friedensbotschaften und teilweise wohl zweifelhaft klassifizierten Sportlern steht aus deutscher Sicht ein erfreuliches Abschneiden mit vielen Emotionen gegenüber.

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Deutschland mit 19 Medaillen so stark wie 2018

"Ich bin unwahrscheinlich glücklich und euphorisiert über das Abschneiden", sagte Beucher, seit 2009 DBS-Präsident. Mit einem nach Rücktritten, Krankheiten und Verletzungen dezimierten Team, das mit geringsten Erwartungen angetreten war, holte der DBS mit 19 Medaillen so viele wie vier Jahren in Pyeongchang, wenn auch weniger Gold. Mit Rang sieben im Medaillenspiegel wurde das Ziel Top Ten erreicht, zudem behauptete Deutschland Rang eins im ewigen Medaillenspiegel.

"Das haben wir im Ansatz nicht erwartet und auch nicht erwarten können", sagt Beucher: "Vor allem gab es viele schöne Medaillen." Neben der erneuten Doppel-Paralympicssiegerin Anna-Lena Forster, die am Skihang die hohen Erwartungen erfüllte, holten die 15 Jahre alte Linn Kazmaier im Langlauf und die 18 Jahre alte Abschluss-Fahnenträgerin Leonie Maria Walter im Biathlon Gold.

"Küken-WG" sammelt Medaillen

"Das Schwarzwaldmädel und das Schwabenmädel aus der 'Küken-WG' haben eine sensationelle Geschichte geschrieben", sagte Beucher lachend: "Sie sollten nur Erfahrungen sammeln. Und dann sammeln sie gleich Erfahrung beim Medaillenabgreifen. Ich hoffe, dass sie eine Leuchtkraft entwickeln, die uns hilft, Nachwuchs zu generieren."

Während die Youngster ihre Erfolge scheinbar gelassen genossen, flossen auch viele Tränen. So bei Andrea Rothfuss, die nach Bronze im Riesenslalom unerwartet auch von ihren fünften Spielen mit einer Medaille zurückkehrte und diese emotional sogar über Slalom-Gold von Sotschi stellte.

Oder bei Eröffnungs-Fahnenträger Martin Fleig, der seine Karriere beendete und nach Gold in Pyeongchang diesmal im Zehn-Kilometer-Biathlonrennen Silber holte. Die Erfolge sind laut Beucher auch dem Team hinter dem Team zuzuschreiben: "Unsere Wachser sind Gold-Wachser, unsere Ärzte sind Künstler."

Organisationskomitee stoppt Friedenssignale

Vieles um den Sport herum verlief jedoch betrüblich. Während die vom Krieg geplagten Ukrainer als Zweite im Medaillenspiegel erfolgreich waren und vielerorts gefeiert und bejubelt wurden, wurden zahlreiche Friedenssignale gestoppt und verhindert. Laut Beucher nicht vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC), sondern vom Organisations-Komitee (OCOG). "Das OCOG hat mehr Einfluss auf die Ukrainer genommen als es dem IPC lieb war", sagt er vorsichtig.

Dem IPC bescheinigt der DBS-Präsident, mit dem Ausschluss der russischen und belarusischen Athleten "einen Riesenfehler innerhalb von 24 Stunden behoben zu haben. Und die Rede von IPC-Präsident Andrew Parsons war so gut, dass sie im chinesischen Fernsehen zensiert wurde."

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DBS-Präsident mahnt Klassifizierungen an

Unmut herrschte auch über die Einstufung vieler Chinesen, die klar die meisten Medaillen holten, obwohl sie zuvor nur eine Medaille im Curling gewonnen hatten. "Ärzte und Physios sagen mir, dass manche nicht in ihre Klasse gehören", sagt Beucher: "Dieses Gespenst der Klassifizierung tragen wir vor uns her. Das müssen wir regeln, sonst wird irgendwann von Schummel-Spielen die Rede sein."

Über eine halbe Million Corona-Tests

Die strikten Corona-Maßnahmen wirkten derweil. Nach einer offiziellen Erhebung wurden bis einschließlich Samstag (12.03.2022) während der Spiele 519.486 Tests entnommen. Davon waren sechs positiv, davon fünf Athleten oder Offizielle.