DTM und ADAC GT Masters - neue Konkurrenz auf deutschen Rennstrecken

DTM-Rennen (l) und GT Masters

Serie: Die Zukunft des Motorsports

DTM und ADAC GT Masters - neue Konkurrenz auf deutschen Rennstrecken

Von Andreas Ahn

Während in der Formel 1, in der Formel E und in anderen Motorsport-Serien weltweit schon wieder um WM-Siege und -Punkte gefahren wird, starten in Deutschland in den kommenden Wochen zwei nahezu identische Formate in ihre Saison. Die DTM und das ADAC GT Masters. Ob diese Zweigleisigkeit funktioniert, das wird von Motorsport-Experten mit Spannung beobachtet.

Der Deutschen "liebste" Motorsport-Serie, die DTM, stand Ende 2020 vor dem Aus. Die beiden letzten verbliebenen Marken, Audi und BMW, hatten den Geldhahn zugedreht, wollten nicht mehr die sündhaft-teuren "Class One"-Fahrzeuge bauen und entwickeln. Mercedes war schon Ende 2018 aus der Serie ausgestiegen.

Gerhard Berger (61), der "neue" Macher der DTM, der mit seiner Firma Berger Motorsport AG die alleinige wirtschaftliche Verantwortung seit Ende des vergangenen Jahres trägt, setzt in der Mitte Juni startenden Saison auf ein GT3-Reglement, um die Marke "DTM" zu retten. Es ist dann nicht mehr Werks-, sondern werksunterstützter Kundensport - eine größere Vielfalt an Herstellern soll den Fans mehr Möglichkeiten geben, sich mit der "neuen" DTM zu identifizieren. 

Fünf Marken und 19 Piloten beim letzten DTM-Test

Der drei Tage vor Heiligabend geäußerte "Weihnachtswunsch" des Österreichers lautete realistisch: 20 Piloten und fünf Hersteller, also drei Rennfahrzeuge mehr als in der letzten DTM-Saison mit Audi und BMW. Knapp sechs Wochen vor dem Saisonauftakt in Monza konnte Berger beim letzten offiziellen DTM-Test auf dem Lausitzring tatsächlich fünf Marken (Audi, BMW, Ferrari, McLaren und Mercedes-AMG) sowie 19 Piloten präsentieren. Nicht ausgeschlossen, dass dies schon das letzte Wort ist.   

Für den ehemaligen Formel-1-Rennfahrer Berger spielt außerdem das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. "Unser Ziel ist es, Schritt für Schritt mehr Nachhaltigkeit zu implementieren. Zwischen 2025 und 2030 wollen wir CO2-neutral werden, und zwar nicht nur, was die Rennautos betrifft, sondern über die ganze Plattform hinweg - inklusive Partner, die dort vertreten sind", erklärte der jetzige Chef der DTM in einem Interview. Von vollelektrischen Renn-Prototypen mit bis zu 1000 PS über Hybrid-Technologie bis zu synthetischen Kraftstoffen und Wasserstoff - Gerhard Berger sieht den Motorsport und auch die DTM als Entwicklungstreiber für technische Innovationen: "Daher ist es wichtig, möglichst vielen Technologien auf der DTM-Plattform eine Bühne zu bieten."

DTM Electric ab 2023 geplant

Auf insgesamt fünf Säulen fußt die "neue" DTM. Neben der DTM nach dem neuen GT3-Reglement als Spitzensport für Hardcore-Fans steht die DTM-Trophy mit seriennahen und kostengünstigeren GT4-Sportwagen für Nachwuchsfahrer. Zudem gibt es eine DTM-Classic mit historischen DTM-Fahrzeugen, die DTM Electric ab 2023 mit batterie-elektrischen Prototypen (mit bis zu 1000 PS) und die DTM Esports für jüngere Motorsport-Enthusiasten, wo Rennen online per Computer gefahren werden.

Mit über 200 Rennen in der DTM und als langjähriger TV-Experte der Sportschau hat Manuel Reuter (59) einige Kapitel der DTM miterlebt und verfolgt die Entwicklungen in dieser Serie weiterhin: "Letztendlich ist die DTM auf ein Konzept zurückgegangen, das auf dem GT Sport basiert. Es werden die identischen Fahrzeuge sein, die auch im ADAC GT Masters beziehungsweise im internationalen GT Sport benutzt werden. Das tolle im GT-Sport ist, dass es weit über zehn Hersteller in Europa gibt, beziehungsweise weltweit sind es glaube ich 15 Hersteller, die ein einsetzbares Sportgerät haben."

Manuel Reuter: "Schade, dass man daraus nicht eine Serie gemacht hat" Sportschau 10.05.2021 00:54 Min. Verfügbar bis 10.05.2022 Das Erste

Konkurrenz ADAC GT Masters

Neben der DTM existiert jetzt schon seit 15 Jahren das ADAC GT Masters in Deutschland und den angrenzenden europäischen Ländern als nationale Konkurrenz. Hier kommen seit Anbeginn GT3-Fahrzeuge zum Einsatz. Die neue Saison mit sieben Veranstaltungen startet am Wochenende 15./16. Mai. Der Unterschied zur DTM: Im ADAC GT Masters teilen sich zwei Fahrer ein Rennfahrzeug. Die Renndauer ist mit 60 Minuten nur unwesentlich länger als in der DTM. Die Kosten pro Team je Saison sind um einiges niedriger als in der Konkurrenz-Serie. Das führt in dieser Saison dazu, dass mehr als 30 Autos von sieben Herstellern an den Start rollen werden. In der DTM hofft man nach dem Umbruch auf knapp 20 Fahrzeuge, fünf Fahrzeugmarken sind es hier.

Weiterer Pluspunkt für das ADAC GT Masters: Zum zweiten Mal nach den Saisons 2010 und 2011 wird vom Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) der Titel "Internationale Deutsche GT-Meisterschaft" ausgeschrieben. "Die Fans können sich auch in diesem Jahr auf ein tolles Starterfeld in der Deutschen GT-Meisterschaft freuen", sagt ADAC Sportpräsident Hermann Tomczyk: "Ein Teilnehmerfeld in dieser Größe und Stärke ist in diesen Zeiten nicht selbstverständlich und unterstreicht die weiter steigende Attraktivität der Serie."

Hans-Joachim Stuck (70), im Jahr 1990 DTM-Champion und zwei Mal Sieger der 24 Stunden von Le Mans (1986 und 1987), begrüßt auf der einen Seite die Entwicklung im nationalen Automobil-Rennsport und erklärt im exklusiven Interview mit der Sportschau: "Wir haben doch mit dem GT Sport eine wunderbare Art des Motorsports. Da gibt es wundervolle Fahrzeuge und es gibt viele Hersteller die Autos bauen, die sich weltweit miteinander messen können. Und die man auch auf der Straße sieht, und sieht: das ist ein BMW, das ist ein Ferrari, das ist ein Porsche, das ist ein Audi. Das ist doch toll, dass sich der Fan damit identifizieren kann." Auf der anderen Seite äußert er aber auch Kritik an der Zweigleisigkeit, die in Deutschland existiert.

Hans-Joachim Stuck: "Die tun sich ja nicht weh" Sportschau 10.05.2021 00:35 Min. Verfügbar bis 10.05.2022 Das Erste

Haug: "Konkurrenz belebt das Geschäft"

Norbert Haug (68), langjähriger Mercedes Motorsport-Chef und ausgewiesener Kenner der Rennszene in Deutschland, ergänzt in einem Zoom-Interview mit der Sportschau zur nationalen Zweigleisigkeit: "Es gab keine andere Alternative. Die Alternative hätte geheißen, gar keine DTM oder eine Verschmelzung (mit dem GT Masters, Anmerk. der Redaktion). Die Verschmelzung war offensichtlich nicht möglich, und da bin ich wieder bei dem Punkt Konkurrenz belebt das Geschäft. Man wird sich differenzieren, man wird sehen, wie das funktioniert."

Norbert Haug: "Der deutsche Motorsport kann sich nur wünschen, dass es beides gibt" Sportschau 10.05.2021 01:04 Min. Verfügbar bis 10.05.2022 Das Erste

Das ADAC GT Masters setzt also mehr auf Kontinuität als auf neue Ansätze oder Veränderungen. Nachhaltigkeit spielt aber auch hier eine Rolle. Dank eines neuen Serien-Sponsors (BWT; Wassertechnolgieunternehmen) haben Fans zukünftig die Möglichkeit, Einwegflaschen gegen wiederbefüllbare Wasserbehälter zu tauschen und kostenlos immer wieder aufzufüllen. Der ADAC ist zudem Partner der HYRAZE League, einer ab 2023 geplanten Motorsport-Serie, die in puncto Nachhaltigkeit in neue Dimensionen vorstoßen möchte.

Wasserstoff als Energieträger

Es handelt sich um die weltweit erste Automobil-Rennserie, die auf umweltfreundlich produzierten Wasserstoff als Energieträger setzt. Das Konzept hat die HWA AG entwickelt, ein Automobil-Veredler und Rennsport-Unternehmen mit Sitz im schwäbischen Affalterbach, quasi Nachfolger des bekannten AMG-Rennsport-Teams. Ab 2023 sollen zunächst Demo-Rennen mit den 800 PS starken Rennfahrzeugen in Deutschland bestritten werden. Danach will die Serie in Europa expandieren.

Der "grüne" Wasserstoff wird in Brennstoffzellen in Strom für vier Elektromotoren umgewandelt. Zusätzlich wird beim Bremsen Energie rekuperiert (rückgewinnen von Energie) und in Hochleistungs-Batteriezellen gespeichert. Bislang einzigartig ist die Idee, dass der anfallende Bremsstaub im Fahrzeug aufgefangen und anschließend umweltneutral entsorgt wird. Ein unkontrolliertes Entweichen in die Umwelt wie bisher gehört damit der Vergangenheit an. "Allradantrieb, Wasserstoff-Brennstoffzelle, eine relativ kleine Pufferbatterie, dazu eine elektrische Lenkung und ein 'brake by wire'-System, das der Umwelt jeglichen Bremsstaub erspart - viel mehr geht im Automobilbau der Zukunft nicht. Der HYRAZER ist eine Art Quantensprung und auch für autonomes Fahren bestens vorbereitet", schwärmt Martin Marx, Vorstand der HWA AG, vom Konzept seiner Firma.

Wasserstoff als Alternative: Die Zukunft des Motorsports? Sportschau 10.05.2021 02:48 Min. Verfügbar bis 10.05.2022 Das Erste

Realer Motorsport und E-Sport in Kombination

Überaus innovativ ist auch die Idee, realen Motorsport mit E-Sport zu verbinden. "Die Kombination aus Rennen mit real existierenden Fahrzeugen und simulierten Wettbewerben am Computer ist auch der Versuch, die junge Generation verstärkt vom Motorsport zu begeistern", erläutert Marx außerdem. Jedes Team besteht aus zwei Fahrern, es gibt jedoch keinen Fahrerwechsel im herkömmlichen Sinn. Ein Fahrer soll die realen Rennen fahren, der andere Fahrer an den zur Meisterschaft zählenden E-Sport-Veranstaltungen teilnehmen. Beide Ergebnisse fließen zu gleichen Teilen in die Meisterschaftswertung ein. Am Ende wird ein Team als Gesamtsieger beider Disziplinen geehrt - ein absolutes Novum in der Motorsportwelt.

Ein wenig hinken die ambitionierten Pläne momentan dem eigenen Zeitplan hinterher, bis 2023 ist aber noch ein wenig Zeit, um diese Serie zum Leben zu erwecken. "Nachhaltigkeit und Umweltverantwortung sind Forderungen, die längst von allen Gesellschaftsschichten und von allen Generationen reklamiert werden", sagt Martin Marx: "Diesem veränderten Zeitgeist muss sich auch der Motorsport stellen und entsprechende Alternativen bieten."

Nachhaltigkeit und Effizienz beherrschen das Denken und Handeln - in allen Bereichen. Zwei Aspekte, die den Motorsport der Zukunft prägen werden. Ein Weg, den der Motorsport in Zukunft gehen will, wahrscheinlich gehen muss, um den Fans in den nächsten Jahren spannende und bezahlbare Events anbieten zu können.

Stand: 10.05.2021, 14:02

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