Oliver Bierhoff - Netzwerker mit hübschen Charts

Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff

Zukunft von Löw und Machtkampf beim DFB

Oliver Bierhoff - Netzwerker mit hübschen Charts

Von Marcus Bark

Oliver Bierhoff hat zur Lage der Fußballnation gesprochen. Der Direktor des Deutschen Fußball-Bundes zeigte dabei, dass er seine Arbeit als Netzwerker mit hübschen Charts betreibt. Ergebnisse sollen alles richten: die Stimmung an der Basis heben und sogar den Riss im Verband kitten.

Joachim Löw, dunkles T-Shirt, große Sonnenbrille, lehnt an einer Laterne. Das Foto, aufgenommen drei Tage nach dem verpatzten Auftaktspiel bei der Weltmeisterschaft 2018, enthielt gleich mehrere Botschaften. Die eine war, dass die aufgeregte Nation mal locker bleiben solle. Deutschland, der Weltmeister, werde die Gruppenphase schon überstehen, trotz des 0:1 gegen Mexiko.

Die andere Botschaft war eine persönliche. Sie ging an Oliver Bierhoff, seit dem 1. Januar 2018 "Direktor Nationalmannschaften und Akademie" beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), vorher stets als Manager der Nationalmannschaft bezeichnet. In dieser Eigenschaft suchte er nach dem Abgang von Jürgen Klinsmann 2006 auch stets das Quartier der Eliteauswahl des DFB aus.

Hopp, Campo Bahia, Evian

So ging die Nationalmannschaft in der Vorbereitung auf die EM 2012 in ein Hotel, das Dietmar Hopp gehörte, vielleicht gehört es ihm immer noch. Hopp ist Mitgründer eines sehr erfolgreichen Softwarekonzerns, er spielte mit Bierhoffs Vater zusammen an der Uni Karlsruhe in der Studentenauswahl, später war Bierhoff "Markenbotschafter" des Softwarekonzerns.

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Joachim Löw an einer Laterne in Sotchi

Botschaften in Sotschi: Joachim Löw

Eine EM später wohnte Deutschland während des Turniers in Evian. Der Weg zum Flughafen mit dem Bus war sehr weit, die Wahl des Quartiers am Genfer See daher merkwürdig. Es wurde Bierhoff die Frage gestellt, ob dies etwas damit zu tun habe, dass das Hotel einem Konzern gehöre, für den Bierhoff noch zu aktiver Spielerzeit mal geworben habe. Der Manager und der DFB dementierten entrüstet.

Watutinki oder Sotschi?

Aber es bleibt immer etwas hängen, und so wurde bei der Wahl des Quartiers immer sehr genau hingeschaut, zumal es ja auch das Campo Bahia gibt, das zur WM 2014 quasi eigens für den DFB in den brasilianischen Dschungel gebaut worden war.

Als der Verband bekannt gab, dass er nicht - wie beim Gewinn des Confed-Cups 2017 - in Sotschi direkt am Strand des Schwarzen Meeres, sondern in einem abgesperrten Wald am Rand der Hochhaussiedlung Watutinki südlich von Moskau während der WM in Russland wohnen würde, war das Erstaunen groß.

Schnell sickerte durch, dass Bierhoff Watutinki druchgedrückt habe, während Löw sehr gerne wieder über die Promenade von Sotschi gejoggt wäre. Eine feinere Klinge, als dies mit dem legendären Laternenfoto auszudrücken, gab es nicht.

Die Verstimmung über die Quartierswahl 2018 ist ein Beispiel dafür, dass Oliver Bierhoff und Joachim Löw seit 16 Jahren eine Gemeinschaft bilden, die irgendwo im Spektrum zwischen Zweckbündnis anfängt und vor Freundschaft aufhört. Am Freitag (04.12.2020) sprach Bierhoff von einem "offenen, professionellen und vertrauensvollen Verhältnis".

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Verhandlungen mit dem Kompagnon?

Die Quartierswahlen der vergangenen Jahre zeigen, dass Oliver Bierhoff sehr gut vernetzt ist, die Drähte sind kurz. Das hätte sich vermutlich auch gezeigt, wenn er nach dem 0:6 der Nationalmannschaft einen neuen Bundestrainer hätte suchen und über einen Vertrag verhandeln müssen. Ralf Rangnick etwa wird von Marc Kosicke beraten, der wiederum mit Oliver Bierhoff vor mehr als zehn Jahren eine sehr erfolgreiche Agentur gründete.

Bierhoff verkaufte seine Anteile 2017, bevor er DFB-Direktor wurde. Der prominenteste Klient von Kosickes Agentur ist Jürgen Klopp. Es könnte also durchaus sein, dass Bierhoff in den nächsten Jahren höchst offiziell mit seinem ehemaligen Kompagnon am Tisch sitzen wird.

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Den DFB durchzieht ein Riss

Aber noch ist Löw da. Der DFB sprach ihm am Montag (30.11.2020) "einvernehmlich" das Vertrauen aus. Derzeit vertraut aber kaum jemand den Pressemitteilungen des Verbandes, denn den DFB durchzieht ein Riss. Auf der einen Seite steht das Lager von Friedrich Curtius. Der Generalsekretär ist weiterhin krankgeschrieben, doch der Grund hätte zugelassen, ihn am Montag zu einer Sitzung zuzuschalten, in der es um eine so wichtige Frage wie die Zukunft des Bundestrainers geht. Nach Informationen der Sportschau blieb Curtius aber außen vor.

Dessen Lager war trotzdem vertreten, genau wie das seines Gegenspielers Fritz Keller. Vermutlich vertrat der Präsident des DFB sein Lager in der überschauberen Runde jedoch allein, und es ist die große Frage, wer sich überhaupt noch hinter dem Mann einfindet, der nach einem Bericht des "Spiegel" nun eine PR-Offensive starten will. Auftritte in Fernseh-Talkshows und Podcasts sollen geplant sein.

Wo steht Oliver Bierhoff?

Vielleicht wird ihm dann die Frage gestellt werden, ob er Bierhoff auf seiner Seite wisse, den mächtigen Netzwerker. Wo steht Oliver Bierhoff? Das ist ohnehin die Frage. Am Freitag war die Hoffnung groß, dass der Direktor sie beantworten oder zumindest sachdienliche Hinweise geben würde. Bierhoff stellte sich in einer digitalen Medienrunde den Fragen.

Zu Beginn hielt er jedoch einen Vortrag, den er mit den Worten einleitete, dass er "als Direktor des DFB und nicht als Anwalt von Jogi Löw" zugeschaltet sei. Dann präsentierte er - wie es der richtige Anwalt von Jogi Löw nicht besser hätte machen können - mit Hilfe von hübsch erstellten Grafiken den Status Quo der Nationalmannschaft. Tenor: alles soweit im Plan, Ziele erreicht, trotz Corona. Corona sei allerdings blöd, weil das Virus die Entwicklung hemme. Trotzdem sei der Abstieg aus der Division A der Nations League mit der "unerfahrenen" Mannschaft ("Es war ein Fehler, von einer jungen Mannschaft zu sprechen. Sie ist unerfahren.") verhindert worden.

Kein Zweifel an Löw. Aber klar, ein Turnier sei immer ein Einschnitt. Eine Garantie über die EM hinaus könne niemand geben, eine Prognose für das Turnier schon gar nicht.

0:6? Kommt vor!

Bliebe noch das 0:6 gegen Spanien. Kommt vor, habe er zuvor auch dem Präsidium des DFB erklärt, aus eigener Erfahrung als Spieler könne er das sagen. Außerdem würden auch andere Dinge passieren, für die es kaum eine Erklärung gebe. Jürgen Klopp etwa habe mit dem FC Liverpool 2:7 gegen Aston Villa verloren, 15 Jahre zuvor jedoch nach einem 0:3-Rückstand gegen den AC Mailand noch die Champions League gewonnen.

"Das ist nicht mein Aufgabenbereich"

Oliver Bierhoff hat die Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren zu großem wirtschaftlichen Nutzen des Verbandes vermarktet. Dass er dabei den Fan, den Zuschauer, die Fußballer an der sogenannten Basis verlor, merkte er lange nicht. Oder es war ihm egal.

Bierhoff treiben Zahlen und Charts. Auf die Frage, wie er abseits von Umfragen die "Stimmung" an der "Basis" ergründe, sagte er, dass Corona ja allgemein die Menschen bedrücke. Der Diplom-Kaufmann sagte auch, dass "der Marketingwert" schon wieder gestiegen sei. Allerdings noch nicht wieder auf einen Wert, den er sich wünsche. Die "Stimmung", die werde schon wieder besser, wenn die Nationalmannschaft wieder spiele und gewinne.

Bliebe auch noch die Frage nach dem Riss im Verband des Direktors für Nationalmannschaften und Akademie. Ist der noch zu kitten? "Das ist nicht mein Aufgabenbereich." Aber soviel: Wenn die Ergebnisse wieder stimmten, werde sich auch das Problem erledigen.

Stand: 04.12.2020, 18:22

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