Leicester-Coach Rodgers - erfolgreich, und doch befremdlich

Brendan Rogers, Trainer von Leicester City

Premier League

Leicester-Coach Rodgers - erfolgreich, und doch befremdlich

Von Andreas Overath

Ein Ausrutscher kostetete ihn einst den Meistertitel. Nach einiger Zeit in Schottland ist Brendan Rodgers inzwischen zurück in der Premier League – und hat aus Leicester City ein Spitzenteam geformt. Vielen Engländern bleibt er aber befremdlich.

David Brent, das ist für die folgende Geschichte wichtig zu wissen, ist ein kleiner, untersetzter Mann mit schlecht gebundener Krawatte. Er ist Büroleiter eines englischen Unternehmens, das mit Papierwaren handelt. David Brent sagt gerne Sachen wie: "Mal bist du die Taube, mal die Statue".

David Brent glaubt, dass seine Mitarbeiter ihn für geistreich und witzig halten. Nur: Sie tun es nicht. Er gibt sich nach außen gerne aufgeklärt und belesen. Nur: Er ist es nicht. Er ist überzeugt, die Gedanken seiner Mitarbeiter lesen zu können. Nur: Er hat keine Ahnung. Eigentlich ist David Brent die personifizierte Fremdscham. Und genau deswegen eine Berühmtheit. David Brent ist auch: Brendan Rodgers‘ größter Albtraum.

Kein Artikel ohne Seitenhieb

Brendan Rodgers, auch das sollte man wissen, ist ein kräftiger Nordire, der bei der Arbeit immer beängstigend ernst wirkt. Er ist seit neun Monaten Trainer bei Leicester City. Brendan Rodgers sagt gerne Sachen wie: "Man kann viele Tage ohne Wasser überstehen, aber keine Sekunde ohne Hoffnung."

Ob seine Spieler ihn witzig finden, ist nicht überliefert, aber die meisten Engländer, und das ist das eigentliche Problem, halten ihn - gerade solcher Kalendersprüche wegen - für ziemlich befremdlich. Das macht ihn und Brent zu Leidensgenossen. Wobei Brent das Leiden in der Praxis wohl etwas leichter fällt. Denn strenggenommen gibt es ihn gar nicht.

Auf der einen Seite der sehr reale Rodgers, auf der anderen die Kunstfigur Brent - bekannt aus der BBC-Comedyserie "The Office": Wann die britische Presse erstmals den Quervergleich gezogen hat, ist kaum nachzuvollziehen. Klar aber ist: sie hat nie wieder damit aufgehört. Völlig egal, was der 46-Jährige macht: Kaum ein Artikel ohne Seitenhieb. Kein Rodgers ohne Brent. Was man sonst über Rodgers schreiben müsste? Eine Erfolgsgeschichte. Mit viel Höhen und wenig Tiefen.

Rodgers ist ein Taktikfuchs

Mit 20 Jahren beendet ein Knieschaden Rodgers‘ Spielerkarriere. Dem FC Reading aber bleibt er als Jugendtrainer erhalten. Er hospitiert viel, lernt bei Ajax Amsterdam und in Barcelona. 2004 holt ihn Jose Mourinho zu Chelsea, überträgt ihm später die Leitung der Reserve. Nach Stationen als Cheftrainer des Zweitligisten Watford, mit denen er die Liga hält, und Ligakonkurrenten Reading, gelingt ihm mit Swansea 2012 der Aufstieg in die Premier League.

Da hat sich Rodgers bereits einen Ruf als Taktikfuchs erarbeitet. Er gilt als der kommende Mann. Liverpool greift zu. Rodgers holt die "Reds" aus der Mittelmäßigkeit, steht in seinem zweiten Jahr kurz davor, den Titel zu holen. Dann aber rutscht Steven Gerrard im Spiel gegen Chelsea legendär aus. Es bleiben Platz zwei und die Vertragsverlängerung. Doch Liverpool kriselt fortan, Rodgers muss gehen - begleitet von einer ordentlichen Portion Häme. Seine Unterschrift bei Celtic Glasgow wird als Rückschritt gewertet.

Vielleicht hat die Zeit in Schottland Rodgers gut getan. Erfolgreich zumindest war sie. Allein in den letzten beiden Jahren holt er jeweils das nationale Triple. Mehr geht nicht. Vielleicht ist er auch deswegen im Frühjahr zurückgekommen. In die Premier League, zu Leicester City.

Ballbesitz und Vertikalspiel

2016 ist Leicester die alles überragende Geschichte: Als Abstiegskandidat gehandelt werden die "Foxes" sensationell Meister. Ein echtes Märchen, das aber nicht lange währt: Wichtige Spieler gehen, die neue Saison beginnt schwach. Meistertrainer Claudio Ranieri wird schließlich beurlaubt. Es folgen zwei weitere Trainer und die graue Mittelmäßigkeit.

Bis zur Ankunft Brendan Rodgers‘. Der kommt mit einer klaren Idee: 4-1-4-1 Formation. Ballbesitz- statt Konterfußball. Vertikales Spiel statt Quergeschiebe. Rodgers setzt auf junge Spieler und ihre Stärken. Wilfred Ndidi etwa, ein 21-Jähriger Sechser mit der Präsenz eines Routiniers - sie nennen ihn den "Oktopus". Oder Caglar Söyüncü: Der 23-jährige Ex-Freiburger macht den Weggang von Abwehrchef Harry Maguire beinahe vergessen.

Auch einer von der alten Garde spielt unter Rodgers befreit auf. Jamie Vardy, der vertikal bekanntlich ganz gut kann, ist Topscorer der Liga (16 Tore). Aktuell liegt Leicester auf Platz zwei, acht Punkte hinter dem alles überstrahlenden FC Liverpool.

Ohne Brent geht es bei Rodgers nicht

Bei allem Lob: Ganz ohne Brent geht es bei Rodgers wohl nicht. Noch bei Celtic erzählte er folgende Geschichte: "Patsy", eine alte Dame, so Rodgers, habe vor jedem Spiel am Hotel gewartet, eingepackt in Mütze und Schal – beides, angeblich, mit seinem Namen bestickt. Patsys Sohn habe sich außerdem persönlich bei ihm bedankt. Er, Rodgers, habe seiner Mutter neues Leben eingehaucht.

Ganz aktuell versprach Rodgers übrigens, er werde "sein Leben geben", um Leicester stolz zu machen. Vielleicht, das wäre Brendan Rodgers zumindest sehr zu wünschen, reicht es ja schon, wenn er einfach weiter guten Fußball spielen lässt.

Stand: 13.12.2019, 12:47

Darstellung: