Länderspiele - Unvergleichliches Corona-Chaos in Europa

Begegnung zwischen Florenz und Parma im Stadion Ennio Tardini

Umstrittene Testduelle und Nations-League-Partien

Länderspiele - Unvergleichliches Corona-Chaos in Europa

Von Frank Hellmann

Freundschaftsspiele und Nations League geraten zunehmend zur Farce. Positive und falsche Corona-Tests sowie Reisebeschränkungen produzieren ein heilloses Durcheinander. Doch die UEFA will die letzte Runde ihres neuen Wettbewerbsformats unbedingt durchdrücken. Ein Streifzug durch Europa.

Eigentlich könnten die Konstellationen an den letzten beiden Nations-League-Spieltagen prickelnder kaum sein. Europameister Portugal erwartet Weltmeister Frankreich (Samstag, 20.45 Uhr), der WM-Finalist Kroatien ist in Schweden zu Gast (Samstag, 20.45 Uhr), Belgien tritt in einer Neuauflage des Spiels um Platz drei bei der WM 2018 gegen England an (Sonntag, 20.45 Uhr)  und dann wartet ja noch der Klassiker zwischen dem 2010er-Weltmeister Spanien und dem 2014er-Titelträger Deutschland in Sevilla (Dienstag, 20.45 Uhr/ARD).

Doch die sportliche Brisanz wird überschattet von einem historischen Durcheinander an Corona infizierten Spielern, Trainern und Begleitpersonen. Von einem einmaligen Wirrwarr um positive, negative und falsche Tests. In einigen Nationen verkommen die Länderspiele zur Farce, an denen die UEFA als Ausrichter unter allen Umständen festhalten will. Jeder Nations-League-Spieltag bringt über die Rechteinhaber einen dreistelligen Millionenbetrag ein, der an die Verbände weitergerecht wird. Die hängen - wie auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) - an der Nabelschnur dieser Millionen-Einnahmen. Aber macht das wirklich Sinn? Ein Streifzug durch Europa.

Gündogan: "Corona macht psychisch etwas mit einem" Sportschau 10.11.2020 02:04 Min. Verfügbar bis 10.11.2021 Das Erste

Dänemark

Fußball ist eigentlich erstmal zweitrangig. Das ganze Land bewegt das Schicksal von 17 Millionen Nerzen, die wegen mutierter Corona-Viren getötet werden sollen. Die angeordnete Massenkeulung der Pelztiere wird heftig debattiert. Corona hat auch die dänische Nationalelf getroffen wie kaum ein anderes Team: Trainer Kasper Hjulmand muss auf insgesamt 20 Nationalspieler um den positiven Hoffenheimer Robert Skov verzichten. Der ehemalige Mainzer Bundesligacoach Hjulmand muss sich als Kontaktperson zu Skov und einem positiv getesteten Stabmitglied ebenfalls isolieren. Das dänische "Ekstrabladet" berichtete von einer "Corona-Hölle" und sieht die Nationalmannschaft "in Trümmern" liegen, die "Berlingske" titelte: "Riesen Corona-Chaos im Landshold-Lager." Skov und der Betreuer sollen sich schon vor dem Treffen infiziert haben. Wegen der vielen Ausfälle hatte der dänische Verband in zwei Runden bereits insgesamt elf Spieler nachnominiert. Am Dienstag (10.11.2020) kamen weitere sieben hinzu, darunter sechs Neulinge. Das Länderspiel gegen Schweden am heutigen Mittwoch soll stattfinden.

Schweden

Die Schweden treffen am heutigen Mittwoch auf Dänemark - und dementsprechend hitzig wurde die Sinnhaftigkeit diskutiert, zumal auch Schwedens Nationaltrainer Janne Andersson wegen eines positiven Coronatests fehlt. Die schwedische Zeitung "Sportbladet" fragte seine Leser, ob es sinnvoll ist, gegen die Skandinavier anzutreten, wenn dort weite Teile des Kaders fehlen. 87 Prozent der 38.000 Teilnehmer sprachen sich für eine Absage aus. Drastischer urteilte das Boulevardblatt "Expressen": "Das einzig Richtige wäre, die ganze Scheiße abzusagen."

Warum gespielt werden soll, betonte Hakan Sjöstrand. "Es gibt bedeutende ökonomische Aspekte", sagte der Generalsekretär des schwedischen Verbandes. Man sei "wie alle anderen abhängig von Einnahmen". Der schwedische Kapitän Gustav Svensson äußerte Verständnis für die Ablehnung in der Öffentlichkeit: "Aber wir sind hier, um einen Job zu machen, und wir haben sehr starke Einschränkungen, was wir tun sollen und dürfen. Wir vertrauen unserem medizinischen Team zu 100 Prozent."  Der 33-Jährige versprach: "Wir werden wie gewohnt kämpfen und versuchen, es als reguläres Spiel zu betrachten."

England

Die Corona-Krise bringt nicht nur die Premier League, sondern auch die Nationalmannschaft in Schwierigkeiten. Ursprünglich hatte England gegen Neuseeland, später dann gegen Australien, testen wollen, doch die Quarantänevorschriften ließen das nicht mehr zu - nun kommt Nachbar Irland am Donnerstag zum Freundschaftsspiel nach Wembley. Hochproblematisch ist die Nations-League-Begegnung gegen Island, denn die Isländer spielen zuvor in Kopenhagen gegen die Dänen. Weil seit dem Wochenende aber Reisebeschränkungen wegen der in Dänemark entdeckten mutierten Corona-Viren gelten, wäre die Einreise nicht erlaubt. Nach den Richtlinien der englischen Regierung werden keine Ausnahmen von der neuen Quarantänerichtlinie für Dänemark gemacht.

Der englische Fußball-Verband (FA) erörtert das Problem mit dem Ministerium für Kultur, Medien und Sport und drängt auf eine rasche Entscheidung. Im Sommer hatten sich Polen, Ungarn, Griechenland und Zypern als Ersatzspielorte bei solchen Reisebeschränkungen angeboten, nun gilt Albanien als bessere Alternative. Hochrangige FA-Funktionäre bevorzugen jedoch offenbar Deutschland als potenziellen Veranstaltungsort, heißt es. Die UEFA hält sich bedeckt.  Man stehe diesbezüglich mit der FA und allen relevanten lokalen Behörden in Kontakt, damit das Nations-League-Spiel England gegen Island ausgetragen werden kann, hieß es. Wenn es keinen Ersatzort gibt, entscheidet die UEFA-Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer: England würde eine Niederlage am grünen Tisch kassieren, so sind die im Sommer erlassenen neuen Regeln in der Corona-Krise.

Österreich

In der Alpenrepublik herrscht große Verwirrung. Bis zum Spitzenspiel Rapid Wien gegen FC Red Bull Salzburg am Freitag (06.11.2020) schien noch alles in Ordnung, dann wurden sechs positive Fälle bei Salzburger Spielern bekannt, nachdem der ÖFB die obligatorischen Tests vorgenommen hatte. "Die betroffenen Spieler sind derzeit ohne Symptome und haben sich bereits in Quarantäne begeben", hieß es. Der Serienmeister aus der Mozartstadt ergriff umfangreiche Schutzmaßnahmen, isolierte sofort die restlichen Akteure und sagte die Abstellungen aller Nationalspieler ab.

Am Montag wurde eine erneute PCR-Testung bei Österreichs Nationalteam vorgenommen  - und die brachte das gegenteilige Ergebnis! Danach sollten die Nationalspieler wieder anreisen. Am Dienstagabend verschickte der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) die nächste  Pressemitteilung. Demnach konnten nach der Aufhebung des Quarantänebescheids die Spieler Andreas Ulmer, Cican Stankovic und Alber Vallci den für das Testspiel gegen Luxemburg am heutigen Mittwoch notwendigen Covid-Test am Dienstagmorgen nicht zeitgerecht absolvieren und stehen vorerst nicht zur Verfügung.

Ulmer und Stankovic sollen aber in der Nations League gegen Nordirland am Wochenende zur Verfügung stehen. Nationaltrainer Franco Foda sagte zum Hin und Her: "Die letzten zwei Tage waren sehr turbulent. Am Sonntag bin ich noch entspannt nach Wien gereist, da war alles in Ordnung. Doch dann hat sich die Situation in eine andere Richtung entwickelt." Die Sinnhaftigkeit der Partie in Luxemburg wird von Foda dennoch nicht infrage gestellt: "Es gibt keine sinnlosen Spiele. Das ist ein Freundschaftsspiel, da kann man noch etwas ausprobieren."

Salzburgs Geschäftsführer Stephan Reiter sieht gleichwohl grundsätzlichen Klärungsbedarf: "Wir wollen umgehend in Erfahrung bringen, warum die letzten beiden Corona-Tests, die bei ein und demselben Labor in Salzburg durchgeführt wurden, so unterschiedliche Ergebnisse nach sich gezogen haben. Das können wir so keinesfalls stehen lassen, weil es die umfangreichen und professionellen Bemühungen des FC Red Bull Salzburg, die vorgegebenen Präventionsmaßnahmen umzusetzen, ad absurdum führt."

Frankreich

Obwohl die Corona-Zahlen in schwindelerregende Höhen geschnellt sind, die rigiden Ausgangsbeschränkungen das öffentliche Leben in den Ballungszentren massiv beschränken, wird die Sinnhaftigkeit der Fußball-Länderspiele von den meisten Franzosen nicht infrage gestellt. Durch den WM-Titel hat sich die "Equipe tricolore" einen Vertrauensvorschuss verdient. Nationaltrainer Didier Deschamps hat im Freundschaftsspiel gegen Finnland am Mittwoch die Schonung der Stammspieler angekündigt, darunter auch den angeschlagenen Verteidiger vom FC Bayern. "Benjamin Pavard wird nicht spielen, das Gleiche gilt für fünf, sechs andere Spieler", sagte er. Danach soll Frankreich in der Nations League bei Titelverteidiger Portugal antreten. Es folgt das Heimspiel gegen Schweden im Stade de France.

Deutschland

Insgesamt sind bislang fünf Nationalspieler mit einer Corona-Infektion in Zusammenhang gebracht worden: Zuerst Ilkay Gündogan, der am Dienstag einen eindringlichen Appell aufsetzte, das tückische Virus nicht zu unterschätzen. Ihn setzte die Corona-Erkrankung fast einen Monat außer Gefecht. Danach wurden Emre Can (Borussia Dortmund), Serge Gnabry (FC Bayern), Kai Havertz (FC Chelsea) und zuletzt Niklas Süle (FC Bayern) positiv getestet. Wie beim inzwischen wieder eingesetzten Gnabry scheint aber auch Süle falsch getestet worden zu sein.

Der FC Bayern teilte mit, dass  der 25 Jahre alte Abwehrspieler am Dienstag wieder mit den in München verbliebenen Teamkollegen trainiere. Alle nachfolgenden Testungen brachten nämlich ein negatives Ergebnis. Davon hatte auch Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag in der Pressekonferenz berichtet. Möglicherweise reist Süle noch zur Nationalmannschaft, um die Nations-League-Duelle gegen Ukraine und in Spanien zu bestreiten. Deren Akzeptanz steht zwar nicht infrage, aber DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt "dunkle Wolken" über der Nationalmannschaft ausgemacht.

Und was sagt die UEFA?

Die verweist auf ihr Protokoll "return to play", das Ende August 2020 in Kraft trat, um die Spiele unter UEFA-Hoheit  - auf Vereinsebene und für Nationalmannschaften - abzusichern. Verschoben wird ein Spiel nur, wenn ein nationaler Verband nicht in der Lage ist, eine  Mannschaft mit 13 Spielern einschließlich mindestens eines Torhüters aufzustellen. Grundsätzlich ist die Heimmannschaft für die Durchführung verantwortlich. Erst vergangene Woche verwies die UEFA darauf, dass zwischen 5. August und 15. Oktober 526 Spiele in den verschiedenen UEFA-Wettbewerben stattfanden. Dafür wurden 61.851 Corona-Tests durchgeführt, dabei waren 341 positive Fälle (0,55 Prozent). UEFA-Präsident Aleksander Ceferin sagte: "Es ist ein unglaubliche Leistung, dass wir mehr als 97 Prozent der geplanten Spiele durchgeführt haben. Die Zahl der positiven Tests ist extrem niedrig und liegt deutlich unter ein Prozent." Dennoch ist vielleicht jetzt zu hinterfragen, ob in der Pandemie um jeden Preis Fußball gespielt werden muss.

Stand: 11.11.2020, 08:00

Darstellung: