FC Chelsea - Zwei Deutsche, eine Beinahe-Agentin und ein großer Traum

Melanie Leupolz

Finale der Women’s Champions League

FC Chelsea - Zwei Deutsche, eine Beinahe-Agentin und ein großer Traum

Von Frank Hellmann

Die Frauen des FC Chelsea wollen am Sonntag gegen den FC Barcelona erstmals die Women’s Champions League gewinnen. An der Erfolgsgeschichte schreiben auch zwei deutsche Nationalspielerinnen mit. Aber die entscheidende Figur ist Teammanagerin Emma Hayes.

Fast 30 Jahre gibt es schon den Chelsea Football Club Women. Nun steuert einer der traditionsreichsten Vereine in England auf den Höhepunkt hin: Am Sonntag (21 Uhr) bestreitet Chelsea das Finale der Women’s Champions League gegen den FC Barcelona. Kaum ein Klub in Europa hat den Angriff auf die internationale Spitze so beharrlich geplant wie der Arbeitgeber der deutschen Nationalspielerinnen Melanie Leupolz und Ann-Katrin Berger.

Der Showdown in Göteborg soll eine bemerkenswerte Entwicklung krönen, um dem auf allen Ebenen wachsenden Fraußenfußball auf der Insel den nächsten Impuls zu verleihen. Seit 2008 standen ausnahmslos nur deutsche und französische Vereine in der Siegerliste, zuletzt fünf Mal in Folge Olympique Lyon.

Doch das Starensemble mit der deutschen Spielmacherin Dzsenifer Marozsan schied diesmal im Viertelfinale aus. Und die Zeiten, dass reine Frauen-Vereine wie der FCR 2001 Duisburg, Turbine Potsdam oder 1. FFC Frankfurt sich die Trophäe im einzigen Europapokal-Wettbewerb der Frauen sichern, sind vorbei.

Rekordablöse für Pernille Harder

"Es wird immer mehr investiert, aber so viele Einnahmen haben die Vereine erst einmal nicht, deshalb sind wir auf die Männermannschaft im Hintergrund angewiesen. Es ist kein Geheimnis, dass mein Klub FC Chelsea recht große Summen für Transfers im vergangenen Sommer freigesetzt hat", erzählt Melanie Leupolz.

Torjägerin Pernille Harder wechselte vergangenen Sommer für die Rekordablöse von 350.000 Euro vom VfL Wolfsburg zum englischen Spitzenklub. Im Winter kam dann noch die australische Weltklassestürmerin Sam Kerr, die auf dem fünften Kontinent zu den ganz großen Sportstars zählt.

Im Gamla Ullevi von Göteborg treffen nicht nur die Titelträger aus England und Spanien aufeinander, sondern auch völlig unterschiedliche Grundanschauungen, wie die Mittelfeldspielerin Leupolz findet. Barcelona sei eine sehr starke Mannschaft, "es war beeindruckend, wie sie im Halbfinale Manchester City dominiert haben. Mit viel Ballbesitz, das typisch spanische Spiel", sagt die 27-Jährige. Chelsea kommt eher über die kämpferische Attitüde und räumte im Viertel- und Halbfinale die deutschen Topklubs VfL Wolfsburg und FC Bayern mit gnadenloser Effizienz aus dem Weg.

Ann-Katrin Berger ist im Tor ein starker Rückhalt

In diesen Spielen zeigte sich auch, welcher Rückhalt Torhüterin Ann-Katrin Berger sein kann, die seit 2019 für Chelsea spielt und kürzlich ihr zweites Länderspiel bestritt. Die 30-Jährige will unbedingt mit den DFB-Frauen bei der EM 2022 in ihrer Wahlheimat England antreten. "Anne hat uns schon oft gerettet. Sie ist ein total ruhiger Typ, nie aufgeregt, sehr professionell", sagt Leupolz über ihre Teamgefährtin zwischen den Pfosten.

Doch über allem steht in dem derzeit sehr stimmigen Chelsea-Gebilde Emma Hayes. Die 44-Jährige hält bei den "Blues" alle Strippen in der Hand. Als eine, die täglich die Gewinner-Mentalität vermittelt. "Sie hasst es zu verlieren, aber setzt auch alles daran, dass man gewinnt, in jedem Training. Da werden immer 100 Prozent gefordert, von ihren Spielerinnen, vom Staff, von sich selbst", so Leupolz.

Immer wieder tauschen sich die Teammanagerin und ihre Taktgeberin während eines Spiel durch Blickkontakt darüber aus, ob die Umsetzung des Matchplans funktioniert. Ein Ensemble mit so vielen charakterstarken Persönlichkeiten sei "nicht einfach zu führen", sagt Leupolz, aber Hayes schaffe es, die Mannschaft immer wieder auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. "Ihr kann keiner auf der Nase herumtanzen." Zu der Empathie der Trainerin kommt ein Ehrgeiz, der auf die Spielerinnen abfärbt.

Die besondere Vita der Teammangerin Emma Hayes

Auf einem Anwesen in Camden im Norden Londons verbrachte Hayes ihre Kindheit. Ihr Faible galt dem Fußball, ihre Idole hießen Diego Maradona, Paul Gascoigne und Gary Lineker, doch der Traum von der eigenen Karriere platzte früh, als sie sich bei einem Skiausflug im Alter von 17 Jahren schwer am Knöchel verletzte.

Sie studierte, lernte Spanisch, bildete sich weiter - und wollte eigentlich Agentin werden, weshalb sie auch eine Geheimdienstausbildung machen. Doch schließlich landete sie im Sport, bald wieder im Fußball, und ging dafür in die USA.

Mit 25 trainierte sie bereits ein College-Team, kam zurück nach England, leitete die Akademie für die Arsenal Ladies, um ein zweites Mal in Amerika zu arbeiten: diesmal für die Chicago Red Stars, wo ihr 2009 die spätere Weltfußballerin Megan Rapinoe auffiel. 2012 heuerte sie bei Chelsea an, wo sie die ersten Jahre noch vergeblich für ein professionelleres Setup kämpfte.

Emma Hayes

Chelseas Teammanagerin Emma Hayes

Doch mittlerweile geht es mit Siebenmeilenstiefeln in der Womens Super League (WSL) vorwärts, die im Frauenfußball bereits zur am besten vermarkteten Liga der Welt geworden ist. Chelsea ist in vielerlei Hinsicht ein Treiber und Trendsetter. Der Titel in der weiblichen Königsklasse wäre auch für Hayes die Krönung.

FC Chelsea kann Historisches erreichen

Die britische Presse nennt die Chelsea-Fußballerinnen denn auch 'mentality monsters', Mentalitätsmonster. Und natürlich ist es ein großes Thema, dass Frauen wie Männer ein Champions-League-Finale erreicht haben. Dass ein Verein sich beide Titel sichert, das gab es noch nie. Wobei der Austausch unter den Akteuren gerade nicht möglich ist.

Mit den deutschen Nationalspielern Timo Werner, Kai Havertz und Antonio Rüdiger oder dem deutschen Trainer Thomas Tuchel, die in zwei Wochen ihr Champions-League-Endspiel gegen Manchester City bestreiten, hat Leupolz beispielsweise keinen Kontakt.

Jedes Team sei in seiner Blase unterwegs und streng abgeschirmt. "Ich verfolge natürlich deren Spiele, aber wir begegnen uns nicht. Wenn auf der Homepage ein gemeinsames Foto auftaucht, ist das mit Photoshop gemacht."

Stand: 14.05.2021, 20:32

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