Domenico Tedesco (r) jubelt mit Leipzigs Willi Orban über den Sieg

Fußball | DFB-Pokal

DFB-Pokal: Leipziger Dank an Domenico Tedesco

Stand: 21.04.2022, 11:22 Uhr

Was weder Ralf Rangnick noch Julian Nagelsmann gelang, kann jetzt Domenico Tedesco vollbringen: für RB Leipzig als Cheftrainer den ersten großen Titel holen.

Von Frank Hellmann

Oliver Mintzlaff ließ seinen Trainer gar nicht mehr los. Immer und immer wieder drückte der Vorstandschef von RB Leipzig nach dem gewonnenen Halbfinale im DFB-Pokal gegen Union Berlin (2:1) danach Domenico Tedesco an sich, schloss irgendwann die Augen und verdrückte sogar ein paar Tränen, für die sich der 46-Jährige auch nicht schämte.

Der ehemalige Leichtathlet und Sportmanager spürt seit geraumer Zeit den großen Druck, der in der Fußball-Branche auf Verantwortungsträgern lastet - und eine in letzter Minute gelöste Fahrkarte zum DFB-Pokalfinale in Berlin bringt dann schon mal die Gefühlswelt durcheinander.

RB Leipzig ist das dritte Mal in vier Jahren im Finale

Es spricht allerdings Bände, wenn sich der Vereinsboss so ausgelassen bei seinem Cheftrainer bedankt, der erst am 9. Dezember vergangenen Jahres vorgestellt wurde. Als Nachfolger des in der Red-Bull-Welt offenbar grandios überschätzten US-Amerikaners Jesse Marsch, der in kürzester Zeit die unter Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann eingeübten Mechanismen über den Haufen warf und damit Schiffbruch erlitt.

Der vielerorts immer noch ungeliebte Klub steht dank Tedesco nun zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren im Pokal-Endspiel, ist als bestes Rückrundenteam in der Bundesliga als aktueller Dritter auf Champions-League-Kurs und hat auch im Europa-League-Halbfinale gegen die Glasgow Rangers (28. April und 5. Mai) noch eine Finaloption. Viel mehr geht für einen neuen Trainer kaum.

Glückliches Händchen mit Siegtorschütze Emil Forsberg

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Sportschau 20.04.2022 15:09 Min. Verfügbar bis 20.04.2023 Das Erste

Welch glückliches Händchen der in Italien geborene, aber in Schwaben aufgewachsene Tedesco bei den Sachsen hat, zeigte sich am Mittwochabend bei der Einwechslung des Siegtorschützen Emil Forsberg. "Ich habe ihm mit auf den Weg gegeben, dass er das Spiel entscheiden kann", sagte Tedesco. "Aber so hätte ich das nicht erwartet."

Was Forsberg, Tedesco und vor allem Leipzig noch fehlen, ist ein bedeutender Titel. Der soll nun am 21. Mai in Berlin gegen den SC Freiburg her. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass drei Tage zuvor in Sevilla das Finale der Europa League steigt. Auch ein Doppeltriumph ist den seit 15 Spielen ungeschlagenen "Roten Bullen" zuzutrauen. Der erst 36 Jahre alte Fußballlehrer - in der Bundesliga ist allein Julian Nagelsmann (34) jünger - könnte damit schaffen, was weder die Lehrmeister Rangnick noch eben Nagelsmann vollbrachten.

Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann verloren je ein Pokalfinale

Die prominenten Vorgänger verloren je ein DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern (0:3/2019) bzw. Borussia Dortmund (1:4/2021) nach taktischen Fehlern recht deutlich. Auch wenn unter Tedesco beim hart erkämpften Arbeitssieg gegen die robuste Mannschaft von Union Berlin spielerisch nicht alles klappte: Die Mentalität ist intakt. Und wegen seines Tempos, seiner Power und seiner individuellen Klasse muss das RB-Ensemble weder national noch international einen Gegner fürchten.

Es steht außer Frage, dass der sowohl bei Erzgebirge Aue, anfangs beim FC Schalke 04 und zuletzt auch bei Spartak Moskau erfolgreich arbeitende Fußballlehrer die richtigen Knöpfe gedrückt hat. Seine Ansprache, seine Personalauswahl, seine Ausrichtung: Alles wirkt stimmig. "Wir haben das gemeinsam getan. Die Mannschaft ist sehr hungrig", sagt der vielsprachige Tedesco, der Zugang zu allen Fraktionen des mit vielen Nationalitäten gespickten Luxuskaders gefunden hat.

Domenico Tedesco hat gute Perspektiven

Seiner Mannschaft mit Solokünstlern wie dem hoch veranlagten und laut Mintzlaff diesen Sommer unverkäuflichen Franzosen Christopher Nkunku oder dem nicht minder talentierten Spanier Daniel Olmo gehört die Zukunft. Tedesco war zuletzt anzumerken, dass es ihn sehr reizt, einige Vorurteile aus seiner Schalker Zeit - Stichwort Defensivfußball, fehlende Langzeitentwicklung - zu widerlegen.

Er will raus aus diesen Schubladen; vor allem in Deutschland wird ja gerne vergessen, dass Tedesco gleich in seiner ersten Saison überraschend Vizemeister wurde, ehe die königsblaue Talfahrt auch ihn mitriss. Spartak Moskau war insofern für den Trainer lehrreich, weil er einen abgestürzten Traditionsverein, Spartak ist der mit Abstand populärste Klub Russlands, wieder aufpäppelte. Nachdem er sein Russland-Engagement aus privaten Gründen im Sommer beendet hatte, nahm er nicht gleich die ersten Angebote aus der Bundesliga, der italienischen Serie A oder auch aus Ungarn, Österreich oder der Türkei an.

Bei Erzgebirge Aue hat ihn die Buchhalterin umarmt

Das Warten auf Leipzig hat sich gelohnt: Vielleicht haben sich mit dem ambitionierten Klub und dem ehrgeizigen Trainer tatsächlich zwei Parteien gesucht und gefunden. Angesprochen darauf, ob ihm wegen seiner Stationen in Aue, Moskau und jetzt in Leipzig im übertragenden Sinne besonders gut der "Osten" passe, hat der Gastarbeitersohn spaßeshalber auf Sächsisch geantwortet.

Ohne den Dialekt zu veräppeln, stellte der Deutsch-Italiener klar: "Ich mag die Menschen hier, sie haben ein großes Herz." Er hat aus seiner Zeit bei Erzgebirge Aue nicht vergessen, wie ihn vor jedem Spiel die Buchhalterin umarmt hätte - bei RB Leipzig ist es neuerdings nach einem wichtigen Spiel der Vorstandschef.

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