Bergamo - Valencia: Das "Spiel Null" der Corona-Epidemie?

Atalanta-Fans beim Spiel gegen Valencia

Coronavirus: Spekulationen um Atalanta Bergamo vs. FC Valencia

Bergamo - Valencia: Das "Spiel Null" der Corona-Epidemie?

Von Tom Mustroph

Das Achtelfinalhinspiel der Champions League zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia am 19. Februar hat die kurz darauf ausbrechende Corona-Epidemie sicher nicht gebremst. Dass es sie angeheizt hat, ist allerdings bislang nicht belegt.

Das Match im Stadion San Siro wird als "Partita Zero", als "Spiel Null" gebrandet. Die römische Zeitung "La Repubblica" schrieb von der "Explosion der Ansteckungen", der "Corriere della Sera" aus Mailand von der "biologischen Bombe". Weltweit wurden die Schlagworte übernommen. Aber stimmen die Dramatisierungen auch?

Das Ansteckungsszenario "Spiel Null"

Sicher, an jenem Tag machten sich etwa 42.000 Fans aus Bergamo und Umgebung auf ins Stadion San Siro. 2.500 Fans aus Valencia reisten an. Augenzeugen schildern die Wagen der Metrolinie Nummer 5, die direkt zum Stadion führte, als megaüberfüllt. Sprechchöre erschütterten die Waggons. Aus heiseren Kehlen strömten Tröpfchen. Ein Ansteckungsszenario wie aus einem Seuchenbuch abgeschaut. Sogar Bierbecher wurden weitergereicht, italienische und spanische Fans tranken Brüderschaft. All das wirkt unvorstellbar heute, ist Zeichen einer längst vergangenen Ära.

"Die Ansammlung von Tausenden von Menschen, wenige Zentimeter nur voneinander entfernt und im verständlichen Zustand von Euphorie können die Verbreitung viral gemacht haben", sagte auch der römische Immunologe Francesco Le Foche dem "Corriere dello Sport" im Interview. Man beachte: Le Foche sagt "können". Er behauptet nicht, die erregte Masse hat die Verbreitung viral gemacht. Und das ist derzeit auch die vorherrschende Haltung der Pandemie-Manager und der medizinischen Experten.

Keine Belege für "Explosion der Ansteckung"

"Wir haben keine Zahlen, die einen Anstieg der Infektionen in der Provinz Bergamo auf dieses Spiel zurückführen lassen", teilt eine Sprecherin der Protezione Civile, der Behörde, die in Italien den Covid-19-Notstand managt, der Sportschau auf Anfrage mit.

"Natürlich, die Situation hat sicher nicht geholfen, die Ansteckungsraten abzubremsen. Aber wir haben keine Informationen, die belegen, dass das Match die Infektionen massiv weiterverbreitet hat", sagt Gerolmina Ciancio, Sprecherin des Istituto Superiore della Sanità aus Rom, einer koordinierenden Gesundheitsbehörde, der Sportschau am Telefon. Ihr Chef Silvio Brusaferro hatte auf einer Pressekonferenz vorsichtig angedeutet: "Ja, das ist eine Hypothese, die wir prüfen. Es ist aber schwer, es zu analysieren."

Gefahrenlage wurde allgemein nicht erkannt

Gesichert ist bislang folgendes: Als das Match in Mailand angepfiffen wurde, gab es so gut wie keine Corona-Fälle in Europa. Italien hatte Reisende aus China, die isoliert behandelt wurden, und einen Urlauber auf einem Kreuzfahrtschiff, der positiv getestet wurde. Den offiziellen einheimischen Infizierten Nr. 1 gab es erst zwei Tage nach dem Champions-League-Match.

Weitere zwei Tage später wurde der erste positive Fall in der Provinz Bergamo notiert, tags darauf der erste Todesfall, zugleich der vierte im Lande. Die Flughäfen waren weiter offen. Die Fluggesellschaft Ryanair forderte noch am 28. Februar die Kunden auf: "Fliegt weiter mit uns". Am gleichen Tag stellte die Handelskammer Bergamo ein Werbevideo online, das den besorgten ausländischen Geschäftspartnern von Italiens produktivster Zone suggerierte: "Die Gefahr ist gering. Bergamo läuft weiter."

FC Valencia besonders betroffen

Spanien, das Heimatland des FC Valencia, hatte damals noch keinen einzigen Fall. Patient Nummer Null sollte Kike Mateu werden, ein Sportjournalist aus Valencia, der seinen Klub nach Mailand begleitet hatte - und der sich dort offenbar angesteckt hatte. Er wurde am 27. Februar, acht Tage nach dem Match, positiv getestet. Von jenem Spanier, der aus Nepal kam und bereits am 13. Februar in einem Krankenhaus in Valencia wegen schwerer Grippesymptome behandelt wurde und dort Anfang März verstarb, wusste zu jenem Zeitpunkt noch niemand.

Seit jenem Match verschärfte sich die Lage, in Bergamo wie in Valencia. Mehrere Spieler des FC Valencia sind positiv getestet. 35 Prozent der Angestellten des Klubs beträfe dies, berichteten spanische Medien. Fast fünf Wochen vergingen (Stand: 24.03.20), bis die bislang einzige Infektion bei einem Atalanta-Spieler nachgewiesen wurde. Ein kleines Wunder - denkt man an die Bilder von den Corona-Toten, die auf Armeelastwagen in andere Regionen transportiert werden, weil selbst die Krematorien überlastet sind. Auf Sportschau-Anfrage, wie der Klub das bislang gemeistert hat, kam bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Ist Fußball schuld an Verbreitung in Bergamo?

Die Fallzahlen in Bergamo stiegen seit jenem Match im Februar. Am 26. Februar, eine Woche nach dem Spiel, waren es schon 117 Fälle. Zwei Wochen später, mit Ablauf der Inkubationszeit, 826. Die Provinz Bergamo hatte an jenem Tag erstmals die Ansteckungszahlen der Provinz Lodi überholt. Die war zu jener Zeit die "zona rossa". Lodi allerdings war abgesperrt. Und während dort die Zahlen vergleichsweise moderat wuchsen, von 790 am 4. März auf 1.773 am 21. März, stiegen sie in Bergamo und Umgebung im gleichen Zeitraum wesentlich stärker, von 826 auf 6.215 Infizierte.

Ist der Fußball daran schuld? Er hat womöglich dazu beigetragen. "In jenem Gebiet gab es mehrere Trigger. Es ist ein wirtschaftlich und sozial sehr aktives Gebiet, ein ideales Terrain für das Virus", konstatierte der Immunologe Le Foche. Wirtschaft und Freizeit also, auch der Fußball. Und eben auch die im Vergleich zu Lodi späten Bewegungseinschränkungen.

Spanischer Journalist als Beginn der Ansteckungskette

Unbestätigt bleibt bis jetzt die von zahlreichen italienischen Medien vertretene These, spanische Fans hätten das Virus nach Mailand mitgebracht und so zur Krise beigetragen. Der mittlerweile gestorbene Nepalreisende aus Spanien hat offenbar niemanden weiter infiziert. Am Anfang der Kette steht, Stand jetzt, der Journalist aus Valencia, der in Mailand war. Er ist inzwischen als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen.

Nachdenklich geworden sind immerhin die Profifußballer der Atalanta. "Diese Matches gegen Valencia noch gespielt zu haben ist schrecklich. Wir wussten damals noch nicht um die Schwere der Situation", teilte Papu Gomez, Spielmacher der Atalanta, dem Magazin "Olé" mit. Klug war es sicher nicht, dass sich das Business des Fußballs gegenüber der allgemeinen Gesundheit durchgesetzt hatte. Dämonisieren als den Hauptkatalysator der Ansteckungen sollte man den Fußball aber auch nicht, solange jedenfalls nicht, solange die Zahlenbasis das nicht hergibt.

Stand: 24.03.2020, 21:29

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