Rekordtorschütze Terodde - Tore gegen die Zweifel

Schalkes Sieg gegen Ingolstadt - Terodde stellt Zweitliga-Torrekord ein Sportschau 04.10.2021 06:16 Min. Verfügbar bis 30.06.2022 Das Erste

Schalker Stürmer stellt Rekord ein

Rekordtorschütze Terodde - Tore gegen die Zweifel

Von Tim Beyer

Der Fußballer Simon Terodde war noch jung, als er ans Aufhören dachte. Er überlegte es sich anders - und wird das kaum bereuen. Nun ist Terodde ein Tor für die Geschichtsbücher gelungen.

Thema Torjäger, und gleich mal eine beinahe verblasste Erinnerung. Im Herbst 2009, Meister war gerade Felix Magath mit dem VfL Wolfsburg geworden und Corona nur ein mexikanisches Bier, war die Karriere des noch jungen Simon Terodde an einem Tiefpunkt angelangt.

Zwei Jahre zuvor war Terodde beim MSV Duisburg Torschützenkönig in der Junioren-Bundesliga gewesen, doch kaum war er bei den Profis, da war er auch schon verletzt. Nix war es mit dem Durchbruch.

"Das bringt nichts mehr"

Also wechselte Terodde mit 21 Jahren zur Reserve des 1. FC Köln, er spielte nun in der vierten Liga gegen den Bonner SC und Eintracht Trier. Dort, wo die Plätze tief waren und der Fußball oft rustikal, wollte sich Terodde in Erinnerung bringen. Doch zunächst saß er meist auf der Ersatzbank.

Irgendwann, so hat es Terodde einmal in einem Interview dem Magazin "11Freunde" erzählt, hatte er keine Lust mehr. Also rief er seinen Vater an und sagte: "Ich höre auf mit Fußball, das bringt nichts mehr."

Nix mit Karriereende – Terodde ist nun Rekordtorschütze

Man kann Terodde nur dazu beglückwünschen, dass er diesen Entschluss noch einmal überdacht hat. Mittlerweile hat Terodde, 33, nicht nur seine eigene Geschichte als Fußballer neu geordnet, er hat auch ein kleines Kapitel deutscher Fußballgeschichte geschrieben.

Am Sonntagnachmittag (03.10.2021), gut zwölf Jahre, nachdem er seine Karriere eigentlich hatte beenden wollen, hat Terodde ein Tor erzielt. Er hat das in den vergangenen Jahren mit einiger Regelmäßigkeit getan, mit dem rechten Fuß und mit dem linken, gerne auch mit dem Kopf. Dreimal war er Torschützenkönig in Liga zwei. Doch dieses Tor war nun wirklich ein besonderes.

 Schatzschneider hatte es geahnt

Im Spiel seines Klubs Schalke 04 gegen den FC Ingolstadt lief die 77. Minute, als Terodde mit einem Schuss aus kurzer Distanz vollendete. Es war sein 153. Tor in Liga zwei – keiner traf öfter im Bundesliga-Unterhaus.

Dieter Schatzschneider, 63, hatte so etwas schon geahnt. Einst war Schatzschneider ein Angreifer, den Zweitligaverteidiger fürchteten. In 201 Zweitligaspielen erzielte er in den 70er- und 80er-Jahren 153 Tore. Ein Rekord für die Ewigkeit, dachte man. Dann kam Terodde und traf und traf und traf. Für den 1. FC Union, für den 1. FC Köln, den VfL Bochum, den VfB Stuttgart, den Hamburger SV und nun auch für Schalke.

 Terodde und Schalke – Gegensätze ziehen sich an

Als Terodde im Sommer zum Bundesliga-Absteiger Schalke wechselte, bekam man schnell eine Ahnung, dass dies wirklich eine schöne Geschichte werden könnte. Da hatten also zwei zueinander gefunden, die man lange nicht miteinander in Verbindung hatte bringen können: Der Traditionsklub aus dem Ruhrgebiet, im Herzen noch immer Champions League, aber sportlich nur noch zweitklassig, und der Torjäger im Herbst seiner Karriere, immer ein bisschen zu schlau für Zweitligaverteidiger, in der Bundesliga aber an Grenzen gestoßen.

Einmal, die Saison war erst wenige Spieltage alt, sprach Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis über seinen neuen Torjäger. Terodde, sagte Grammozis, sei ein "Gefühlsmensch", einer, der sich für die Sache aufopfere. Und dann erzählte Grammozis noch, dass er mit einigem Erstaunen beobachtet habe, wie Terodde nach dem Training manchmal länger blieb und auf das leere Tor schoss. Wie die Bälle im Netz landeten, einer nach dem anderen, und wie Terodde dabei lächelte.

 "Charakterlich einwandfrei"

Einige Wochen zuvor, noch vor dem Start der Spielzeit, hat Schatzschneider dem "kicker" ein längeres Interview gegeben, es ging darin natürlich auch um Terodde. "Mein Rekord ist in dieser Saison fällig, zu 100 Prozent", sagte Schatzschneider. "Ich war gerne der beste Zweitligatorschütze, aber es trifft den Richtigen. Simon Terodde ist charakterlich einwandfrei, ein Teamplayer, eine Tormaschine."

Als Schatzschneider über Terodde sprach, stand der bei 142 Toren, ihm fehlten noch zwölf bis zum Rekord. Terodde holte Schatzschneider am 9. Spieltag ein.

Terodde und die Rekordtorschützen der 2. Liga

Simon Terodde steht seit seinem Treffer bei Werder Bremen alleine an der Spitze der ewigen Torschützenliste der 2. Bundesliga. Dort wird er wohl erst einmal bleiben, denn die neun anderen Mitglieder der "Top Ten" sind allesamt nicht mehr aktiv.

1. Simon Terodde - 154 Tore: Simon Terodde hat für sechs Zweitligaklubs eine zweistellige Anzahl an Toren erzielt. In Bochum, Köln, Stuttgart, Hamburg, bei Union Berlin und nun auch für Schalke 04. Eine unglaubliche Bilanz!

2. Dieter Schatzschneider - 153 Tore: Obwohl Schatzschneider über viele Jahre Rekordhalter unter den Zweitligatorschützen war, holte der ehemalige Profi von Hannover 96 nur ein einziges Mal auch die Torjägerkanone - und das ausgerechnet während seiner halbjährigen Ausleihe an Fortuna Köln.

3. Karl-Heinz Mödrath - 150 Tore: Der nächste ehemalige Spieler von Fortuna Köln in der Liste. Der mit 1,66 m Körpergröße eher untypische Mittelstürmer Karl-Heinz Mödrath war in den 70er und 80er Jahren der Torgarant im Unterhaus.

4. Theo Gries - 123 Tore: Theo Gries war kein Stürmer, sondern Mittelfeldspieler bei Hertha BSC, Alemannia Aachen und Hannover 96 - das zumindest seine Stationen in Liga zwei. Der torgefährliche Strippenzieher wurde nach seiner Karriere unter anderem Scout bei Union Berlin.

5. Sven Demandt - 121 Tore: In der Saison 1988/89 gelangen Sven Demandt für Fortuna Düsseldorf in 38 Spielen 35 Treffer - der damals 24-Jährige wechselte kurz darauf trotz des Aufstiegs seiner Fortuna zu Bayer Leverkusen. Später spielte er wieder im Unterhaus und traf dort noch insgesamt 72 Mal für Hertha BSC und den 1. FSV Mainz 05.

6. Walter Krause - 120 Tore: Krause wurde trotz 120 Treffern nie Torschützenkönig der 2. Liga - bei Kickers Offenbach ist er aber bis heute eine Vereinsikone. 97 Zweitligatore allein für die Hessen sind ein herausragender Wert. Niemandem gelangen für die Kickers überhaupt mehr Treffer.

7. Daniel Jurgeleit - 117 Tore: Mit 392 absolvierten Zweitligaspielen steht Daniel Jurgeleit auf Platz elf der Dauerbrenner im Unterhaus. Union Solingen, der FC Homburg-Saar und der VfB Lübeck freuten sich zwischen 1982 und 1997 über 117 Treffer.

8. Gerd-Volker Schock - 116 Tore: Der offensive Mittelfeldspieler Gerd-Volker Schock konnte in der 2. Liga für Arminia Bielefeld, aber vor allem für "seinen" VfL Osnabrück insgesamt 116 Mal einnetzen. Auch als Trainer hatte Schock unter anderem in Osnabrück und beim Hamburger SV einige erfolgreiche Jahre. Beim VfL steht er in der "Jahrhundertelf".

9. Franz Gerber - 115 Tore: 27 Tore gelangen Franz Gerber in der Saison 1976/77 für den FC St. Pauli. Auch für 1860 München, den Wuppertaler SV, Hannover 96 und den ESV Ingolstadt-Ringsee war Gerber erfolgreich. Zwischendurch spielte er aber auch noch für die Calgary Boomers, die Tulsa Roughnecks und die Tampa Bay Rowdies.

10. Paul Linz - 115 Tore: Der VfL Osnabrück, der Freiburger FC, Waldhof Mannheim und der OSC Bremerhaven freuten sich zwischen 1979 und 1988 über die Treffsicherheit von Paul Linz, der im Schnitt in jedem zweiten Zweitligaspiel ein Tor erzielte.



Stand: 03.10.2021, 15:05

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