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Mindestlohnvergehen: Ermittlungen gegen weitere Bundesligaklubs

Stand: 18.01.2022, 18:37 Uhr

Das Thema Mindestlohnvergehen bei Bundesligaklubs ist in der Politik angekommen. Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Victor Perli (Die Linke) geht hervor, dass mittlerweile gegen drei Erst- und einen Zweitligisten ermittelt wird. Im Fall des FC Bayern, gegen dessen Vorstand ein Strafverfahren läuft, haben unterdessen die Zeugenbefragungen begonnen.

Von Matthias Wolf

Seine Partei sei durch die Berichterstattung des WDR-Hintergrundmagazins Sport inside auf diesen "zynischen und sprachlos machenden" Vorgang aufmerksam geworden, erklärte Victor Perli. Er wolle das Thema auch in den Haushaltsausschuss und auf den Tisch des Bundesfinanzministers Christian Lindner bringen.

Perli forderte "empfindliche Strafen" aufgrund der möglichen Schwere des Vergehens, zumal es sich – wie etwa beim FC Bayern - um Profiklubs mit einem Jahresumsatz von bis zu 700 Millionen Euro handle. "Dass ein Verein, der seinen Spielern, seinen Funktionären Millionengehälter bezahlt, aber Nachwuchstrainer, also Leute, die den ganzen Laden am Laufen halten, nicht mal Mindestlohn bekommen - das hat mich entsetzt", sagte Perli.

"Das ist doch zynisch" - Victor Perli über Mindestlohnvergehen bei Bundesliga-Klubs

Sportschau 18.01.2022 00:57 Min. Verfügbar bis 18.01.2023 Das Erste

Zwei weitere Klubs im Visier des Zolls

Perli hatte vor einigen Tagen auf seine schriftliche Anfrage an die Bundesregierung, wie viele Kontrollen und Mindestlohnverstöße es in den ersten drei Profiligen gegeben habe, vom Finanzministerium die Auskunft bekommen, dass sogar bei drei Erst- und einem Zweitligisten Vergehen festgestellt und entsprechende Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Bisher waren durch die Berichterstattung von Sport inside nur die Fälle FC Bayern und FC Augsburg bekannt.

Die Generalzolldirektion äußerte sich auf Nachfragen nicht zu den weiteren Ermittlungen - mit Verweis auf den Datenschutz und das Sozial- und Steuergeheimnis. Nach Recherchen von Sport inside soll es sich bei dem Zweitligisten um Hannover 96 handeln. Was sowohl der Verein als auch das Hauptzollamt Hannover auf konkrete Nachfrage nicht kommentieren wollten. "Ich bitte Sie um Verständnis, dass wir hierzu keinerlei Angaben machen können", hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme des Zweitligisten.

Die Staatsanwaltschaft Hannover bestätigte unterdessen, dass es bei Hannover 96 ein bereits abgeschlossenes Verfahren wegen Mindestlohnverstößen in fünf Fällen gegeben habe. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft nannte als Tatzeitraum Januar 2019 bis September 2020, bei dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nachwuchsleistungszentrums und des Fanshops betroffen gewesen seien. Die Rede ist von "Unregelmäßigkeiten in geringer Höhe", weshalb es auch zu keinem Gerichtsverfahren gekommen sei. Unklar bleibt jedoch, ob es aktuell in Hannover weitere Ermittlungen des Zolls gibt.

Bayern und Augsburg "nur die Spitze des Eisbergs"

Laut Perli zeigen die Vorgänge rund um die Bundesligaklubs, wie viele unentdeckte Graubereiche es beim Mindestlohn gibt. "Ich gehe fest davon aus, dass die Profifußballvereine nicht auf der Liste des Zolls standen von jenen Bereichen, die man jetzt mal dringend kontrollieren muss." Damit, so der Bundestagsabgeordnete, sei eine weitere Branche entdeckt, in der viel Geld bewegt werde – aber Mindestlohn-Gesetze missachtet würden.

Seine Fraktion, die über das Portal "mindestlohnbetrug.de" regelmäßig Meldungen über Verstöße erhalte, geht davon aus, dass nur in zwölf von 1.000 Fällen die Mindestlohn-Verstöße überhaupt aufgedeckt würden. 2,4 Millionen Minijobber würden demnach nicht fair bezahlt. Er vermute zudem, dass auch im Profifußball die bekannt gewordene Razzia beim FC Augsburg und das Strafverfahren gegen den FC Bayern "nur die Spitze des Eisberges“ seien, "weil Dokumentationspflichten vielerorts vernachlässigt worden sind, weil es Tricksereien gibt".

Victor Perli: "Es muss eine spürbare Strafe sein"

Sportschau 18.01.2022 00:52 Min. Verfügbar bis 18.01.2023 Das Erste

Tatsächlich geht es in dem Verfahren gegen den FC Bayern, der über viele Jahre an seinem Nachwuchsleistungszentrum, dem FC Bayern Campus, Trainer zu Dumpinglöhnen beschäftigt haben soll, laut Hauptzollamt München nicht nur um den Verdacht "des Vorenthaltens und der Veruntreuung von Arbeitsentgelt" (das wäre eine Straftat laut § 266a StGB) sondern auch um das "nicht richtige Führen von Stundenaufzeichnungen, Nichtgewährung des Mindestlohns" (eine Ordnungswidrigkeit gemäß § 111 SGB IV bzw. § 21 Mindestlohngesetz).

All das, so Perli, sei auch "aus der Perspektive des Fußballs eine schlechte Nachricht: Dass die Nachwuchstrainer, also dass diejenigen, die bei den Profi-Mannschaften dafür sorgen sollen, dass in zehn, in 15 Jahren auch tolle Nachwuchsspieler da sind, dass da so miserabel bezahlt wird und dass mit Betreuern so schlecht umgegangen wird". Es sei wichtig, "dass man jetzt hier mal klare Regeln einzieht und so aufklärt, dass es nicht wieder vorkommt".

Auch der DFB und vor allem die DFL, für die Nachwuchsleistungszentren in Liga eins und zwei zuständig, seien hier gefordert, ihren Vereinen klare Vorgaben zu machen: ein festgelegtes Mindestentgelt für Nachwuchstrainer von 12 Euro pro Stunde.

Zoll beginnt beim FC Bayern mit Befragungen

Derweil wurde in München bereits die ersten ehemaligen und aktuellen Angestellten am FC Bayern Campus vom Hauptzollamt befragt, das die Ermittlungen im Auftrag der Staatsanwaltschaft durchführt. In Einzelfällen sollen die Befragungen mehrere Stunden gedauert haben. Sein Eindruck sei, man nehme das Thema beim Zoll sehr ernst, so ein Betroffener.

Für die Ermittler dürfte es dennoch eine schwierige Detailarbeit sein. So soll der FC Bayern zum Beispiel argumentiert haben, dass bei Reisen zu Turnieren die Busfahrtzeit ja keine Arbeitszeit für die Trainer gewesen sei, sondern allenfalls für den Fahrer. Entsprechende Nachfragen des WDR beantwortete der Verein nicht.

Die Trainer sehen das ohnehin anders. "Du bist mit Kindern unterwegs, die pausenlos betreut werden mussten: im Bus, aber auch im Hotel", so ein Nachwuchstrainer: "Ich hatte die Aufsichtspflicht und es kann doch nicht sein, dass dann nur die Spielzeit in der Sporthalle als Arbeitszeit abgerechnet werden darf." Entsprechende Stundenzettel, in der laut mehreren Trainern nur die Nettospielzeit von wenigen Stunden bei Turnieren aufgeschrieben werden durfte, hatte Sport inside veröffentlicht.

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Disclaimer: Der Beitrag wurde am Dienstagabend (18.01.22) um die Bestätigung der Staatsanwaltschaft Hannover ergänzt, dass es beim Zweitligisten Hannover 96 ein bereits abgeschlossenes Verfahren wegen Mindestlohnverstößen gegeben hat.

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