Angezählt: Javier Martínez und das Sechserproblem der Bayern

Manuel Neuer (v.l.), Javi Martinez, Leon Bailey

Topspiel Borussia Mönchengladbach gegen FC Bayern

Angezählt: Javier Martínez und das Sechserproblem der Bayern

Von Andreas Overath

Die Siegesserie ist gerissen, die Blase geplatzt. Die Erkenntnis: Auch unter Hansi Flick können die Bayern Spiele verlieren. Gesprochen wird nun wieder über alte Probleme. Mitten in der Diskussion: Javier Martínez.

Er starrte ihm mit großen Augen hinterher. Selbst im Fallen versuchte Javier Martínez, der gerade ein ziemlich entscheidendes Laufduell gegen Leverkusens Leon Bailey verloren hatte und nun eher unkontrolliert durch den Strafraum segelte, den Ball nicht aus den Augen zu verlieren.

Er streckte, reckte und verdrehte seinen Hals, er schulterblickte bis zur Schmerzgrenze. Es schien in diesem Moment, in diesen Sekundenbruchteilen, als habe der schlaksige Spanier des FC Bayern tatsächlich die Hoffnung gehabt, die Flugbahn des Balles beschwören, ihn noch irgendwie am Tor von Keeper Manuel Neuer vorbeilenken zu können. Ehrenwert, zweifelsohne.

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Ein wenig wirkte es aber auch wie der letzte, verzweifelte Versuch eines verdienten, aber nunmehr angezählten Recken, der sich nicht eingestehen will, dass die Mittel, die ihm sein gebrauchter Körper zur Verfügung stellt, nicht mehr ausreichen, das umzusetzen, was nötig wäre und - für den stolzen Basken besonders schmerzhaft - früher auch möglich gewesen ist.

Da Martínez aber weder Beschwörer noch Magier ist, flog der Schuss von Leon Bailey  ins lange Eck. Der Schütze drehte jubelnd Richtung Kurve ab, Martínez landete krachend auf dem Rücken, Neuer fluchte, und der FC Bayern verlor, wenn auch unter insgesamt recht kuriosen Umständen, das Spiel.

Alte Probleme neu aufgelegt

Als Schiedsrichter Guido Winkmann das Spiel beendet hatte, platze auch die Glücksblase, die in den vergangenen Wochen rund um Interimscoach Hansi Flick entstanden war. Nicht ganz überraschend – weder die Blase noch ihr Platzen, denn: Flick hatte die Mannschaft nach seiner Übernahme umgehend stabilisiert. Er hatte die ersten vier Pflichtspiele als Cheftrainer gewonnen. Sechzehn zu Null Tore. Startrekord.

Dann aber kamen Leverkusen und die Erkenntnis: Auch Flick, der vielerorts proklamierte Heilsbringer der Säbener Straße, besitzt keine höhersphärischen Talente. Auch er kann nicht zaubern. Auch er verliert Spiele.  

Glücksblasen können Probleme übertünchen. Das ist für die Zeit ihres Bestehens sehr angenehm. Nur: Sobald sie platzen, wird alles Negative wieder ausgeschwemmt, die rosa Brille fällt und der Blick wird frei - auf alte Baustellen. Im Falle der Bayern heißt das: Jetzt, wo schmerzlich zu erkennen ist, dass der FC Bayern auch unter Flick weiterhin ab und zu ein Spiel verlieren wird, muss wieder darüber geredet werden, woran das in der nahen Vergangenheit, der Zeit unter Trainer Niko Kovac, gelegen haben mag. Ein Teil der Antwort zumindest ist nicht neu.

Keine Ideallösung auf der Sechs

Die Bayern haben in der vergangen Transferperiodeordentlich investiert. Das Ziel: die Defensive stabilisieren. Mit Lucas Hernández (80 Millionen Euro) und Benjamin Pavard (35 Millionen) wurde viel Geld für zwei Innenverteidiger überwiesen. Nur: Auf der "Sechs", der Position vor der Abwehrreihe, die nicht ganz unwichtig für den defensiven Frieden ist, wurde nicht gehandelt. Zwar haben die Bayern eine ganze Reihe an Kandidaten, die die Position bespielen können, ein echter, durchschlagkräftiger "Sechser" aber fehlt ihnen. Um bei den Spaniern zu bleiben: ein Xabi Alonso. Ein Sergio Busquets. Einer, der reinhaut, der auch mal laut wird. Einer, der führt.

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Javier Martínez jedenfalls, der in der Triple-Saison 2013 neben Bastian Schweinsteiger auf der "Doppelsechs" brillierte, musste am Samstag (30.11.2019) und nicht zum ersten Mal erkennen, dass es körperlich eng wird. Dass er gegen schnelle Offensivreihen nicht mehr mithalten kann. Ein lauter Vertreter war der umgängliche 31-Jährige ohnehin nie, ein klassischer Leader auch nicht. Kumpel Schweinsteiger wird nicht mehr helfen können.

Mit Niklas Süle und Hernandez fehlen den Bayern derzeit zwei Stammverteidiger. Also half Martínez gegen Leverkusen in der Innverteidigung aus. Ob er ohne Ausfälle von Anfang an, ob Martínez überhaupt gespielt hätte? Fraglich.

"Er geht für einen durchs Feuer"

Es gibt Bilder von Anfang Oktober, die zeigen, wie Flick neben einem offensichtlich verzweifelten Martínez auf der Ersatzbank sitzt. Es war das Spiel gegen Hoffenheim. Martínez spielte keine Minute. Flick, damals noch Co-Trainer unter Kovac, hatte seinen Arm um den kauernden Spanier gelegt, sprach ihm gut zu. Es sah aus, als würde Martínez weinen.

Cheftrainer Flick, dem man wohl unterstellen darf, dass er gut mit seinen Spielern kann, stellte sich auch am Tag nach der Niederlage demonstrativ vor Martínez. Der Spanier, erklärte Flick bei einem Fantreffen, sei ein wichtiger Teil der Mannschaft. Er sei auf mehreren Positionen einsetzbar und mache seine Sache sehr gut. "Du kannst dich als Trainer auf ihn verlassen. Er geht für einen durchs Feuer." Es ist also davon auszugehen, dass Martínez auch am Samstag (07.12.2019) wieder in der Innenverteidigung auflaufen wird. Dann geht es zum Tabellenführer nach Gladbach. Es wird sich zeigen, wie Martínez mit Stürmern wie Breel Embolo, Marcus Thuram oder Alassane Plea zurecht kommt. Mit, genau: sehr, sehr schnellen Offensivkräften.

Große Augen zu machen, so vielleicht die Lehre aus dem Leverkusenspiel, wird wohl nicht reichen.

Stand: 05.12.2019, 10:30

Bundesliga | Tabelle

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