Rudi Völler zum Karriereende: "Ich freu mich ein bisschen drauf"

Sportschau 26.01.2022 09:19 Min. Verfügbar bis 26.01.2023 Das Erste

Fußball-Bundesliga

Rudi Völler: WM alle zwei Jahre - Schnapsidee!

Stand: 27.01.2022, 14:50 Uhr

Zum Ende der aktuellen Bundesliga-Saison will Rudi Völler bei Bayer Leverkusen einen Schritt nach hinten treten. Er plant seinen Rücktritt als Geschäftsführer. Im Sportschau-Interview spricht er über seine Karriere als Spieler und Manager, junge Talente und seinen Blick, die WM-Pläne der FIFA und seine eigene Zukunft.

Von Torge Hidding

Sportschau: Sie sind 1994 als Spieler zu Bayer Leverkusen gekommen. Sie waren jetzt insgesamt 23 Jahre, mit Unterbrechungen, bei Bayer. Aber zu einem Titel hat es dort nicht gereicht. Wurmt Sie das?

Völler: Wir waren sicherlich einige Male nah dran, vor allem um die Jahrtausendwende. Und wir sind nicht mal deutscher Meister geworden, obwohl wir zu dem Zeitpunkt mit Sicherheit die beste deutsche Mannschaft waren. Aber das zählt ja nicht. Das hängt uns heute noch ein bisschen nach. Das war sicherlich die Phase, wo wir richtig hätten abräumen können.

Danach musst du dann mit deinen wirtschaftlichen Möglichkeiten gucken, dass du deine Saisonziele erreichst. Vor allem in der Europa League, (…) wäre sicherlich die eine oder andere Runde mehr drin gewesen. Und im Pokal sowieso. Das ärgert mich ein bisschen.

"2002 war es fast nicht möglich, keinen Titel zu gewinnen"

Und die Top-Mannschaft, das war die von 2002?

Völler: Ja, natürlich. Im Jahr 2002 war es fast nicht möglich, keinen Titel zu gewinnen, aber das war der Fluch der guten Tat. Ich sage immer so gerne, wenn du im Viertelfinale hier gegen Liverpool mit Pauken und Trompeten rausgeflogen wärst, wärst du wahrscheinlich locker deutscher Meister geworden, aber es war halt nicht so.

Man darf aber nicht vergessen, dass die Champions League für einen Klub wie Bayer Leverkusen nicht selbstverständlich ist. Und wir haben das oft geschafft die letzten 15 Jahre, und das ist immer ein wichtiges Ziel vor der Saison.

Wie groß sind die Chancen, dass es irgendwann in den nächsten Jahren mal einen Titel gibt?

Völler: Man muss realistisch sein. Ich glaube, in die Champions League zu kommen ist schon schwer genug für uns. Und das ist trotzdem unser Anspruch. Ich habe als aktiver Spieler die zwei größten Titel gewonnen, die man erreichen kann: Ich bin Weltmeister geworden und habe die Champions League gewonnen. Aber natürlich immer in Mannschaften, in denen das auch der Anspruch war, weil wir einfach die besten waren. Aber die Voraussetzung ist, dass du Top-Mitspieler hast. Dann ist alles möglich.

"Das Finale in Rom 1990 war wie ein Heimspiel für mich"

War das Finale bei der WM 1990 ihr Spiel schlechthin?

Völler: Ich vergesse nie die letzten acht Minuten des Spiels, als Andi Brehme den Elfmeter reingeschossen hat. Nach dem 1:0 waren wir uns alle sicher, dass wir gewinnen. Die Argentinier sind in den letzten Minuten gar nicht mehr an den Ball gekommen. Für mich persönlich war das I-Tüpfelchen aber Rom - das war mein Stadion, ich habe da schon viele Jahre gespielt, das war wie ein Heimspiel für mich. Das war ein toller Erfolg!

Mit Werder Bremen haben Sie drei Mal die Vize-Meisterschaft errungen. Ich komme nochmal auf die Schale: Ist das der Punkt, wo Sie sagen, das ist die Unvollendete der Karriere?

Völler: Wenn ich gefragt werde, Herr Völler, Sie sind nie deutscher Meister geworden, dann sage ich, gut, aber dafür habe ich die richtigen Titel gewonnen. Ich glaube schon, dass man nicht immer nur Titel gewinnen muss, um erfolgreich sein zu können.

Rudi Völler mit dem WM Pokal 1990

Rudi Völler mit dem WM Pokal 1990.

Sie haben Ihren Lehrmeister in Reiner Calmund gehabt, der dafür bekannt ist, dass er mit allen Wassern gewaschen ist. Wie haben Sie das gemacht? Wie haben Sie Talente von Leverkusen überzeugt?

Völler: Das war für mich wunderbar, dass ich damals 1996 als ich aufgehört habe, mit Reiner Calmund einen Vorgesetzten hatte, dem ich (…) unglaublich gut über die Schulter schauen konnte.

Eine meiner Hauptaufgaben waren Reisen nach Brasilien (...). Da war ich mehr Chefscout als Sportdirektor. Mit Andreas Rettig, der damals noch bei uns im Klub war, sind wir oft nach Brasilien gefolgen und haben versucht, gute Spieler zu verpflichten. Das hat mich weitergebracht (…), auch für diverse Verhandlungen.

"Florian Wirtz wird eine Weltkarriere hinlegen"

Aber wie angelt man sich ein Talent?

Völler: Ende der 90er-Jahre gab es noch kein Internet. Damals hast du die Spieler vorher nicht schauen können. Mittlerweile hast du von jedem, der einigermaßen geradeaus laufen kann, schon ein kleines Video. Das gab es damals nicht. Damals musstest du schon selbst vor Ort scouten. Und dann musst du dich entscheiden, und vor allen Dingen musst du dann etwas schneller sein als andere. Ich glaube (…), wenn mehrere Klubs an einem Talent dran sind, ist vor allem die Geschwindigkeit entscheidend.

Welche Argumente kann Leverkusen ins Feld bringen, die besser sind als die, die Dortmund oder die Bayern haben?

Völler: Bei ganz jungen Spielern haben Klubs wie wir den Vorteil, dass wir die Spieler auch spielen lassen. Bei uns weiß auch jeder Trainer, dass wir jungen Spielern eine Chance geben, wenn sie das Talent haben.

Wer war der beste Spieler, den Sie je verpflichtet haben?

Völler: Den allergrößten Kicker zu benennen ist schwierig. Wir haben Émerson geholt, Ze Roberto, danach kam Michael Ballack, den haben wir aus Kaiserslautern geholt. In den letzten Jahren haben wir Kai Havertz selbst ausgebildet. Jetzt haben wir Florian Wirtz hier, der eine Weltkarriere hinlegen wird, da bin ich mir relativ sicher.

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