Frank Kramer von Arminia Bielefeld: "Arschbombe mit Anlauf"

Frank Kramer

Interview mit dem Trainer

Frank Kramer von Arminia Bielefeld: "Arschbombe mit Anlauf"

Es war kein leichter Start für Frank Kramer als Trainer von Arminia Bielefeld. Anfang März trat der 48-Jährige die Nachfolge von Uwe Neuhaus an. Nach den ersten vier Wochen, vier Spielen und vier Punkten zeigt sich Kramer im Sportschau-Interview aufgeschlossen und spricht über den Sprung in neue Gewässer, seine Abneigung gegen die Auswärtstorregel und über Rockmusik.

Sportschau: Herr Kramer, die ersten Wochen hatten es in sich. Sich langsam beschnuppern sieht definitiv anders aus. Wie haben Sie Ihren Start wahrgenommen?

Frank Kramer: Also, wenn man irgendwo hinkommt, ist es immer ein bisschen Arschbombe mit Anlauf. Das ist auch gut. Es war schon eine Menge Tempo drin. Durch die englische Woche sind wir sehr gefordert worden, was das Kennenlernen der Mannschaft, der Spieler, der Abläufe angeht.

Sportschau: In den ersten vier Spielen unter ihrer Regie holte die Arminia in vier Spielen vier Punkte. Darunter auch einen Sieg in Leverkusen. Wie wichtig war das?

Frank Kramer: Natürlich lebt eine Mannschaft ganz anders auf, wenn sie für ihre Arbeit belohnt wird. Das war ein richtiger Schub. Aber auch als der Ertrag nicht da war, wie zum Beispiel gegen Bremen, habe ich die Mannschaft als Stehaufmännchen wahrgenommen, die sich schüttelt und vorwärts geht.

Sportschau: Bei ihrer Vorstellung haben Sie gesagt, dass sie genaue Vorstellungen davon haben, wo man der Mannschaft einen "Impuls" geben kann. Was muss die Arminia Ihrer Meinung nach verbessern?

Frank Kramer: Ich habe das so wahrgenommen, dass wir in Bezug auf die Intensität noch besser werden können, und das hat die Mannschaft gleich aufgenommen. Dass wir den Gegner noch mehr beschäftigen, mehr gegen den Ball arbeiten, um so mehr Tormöglichkeiten zu kreieren.

Kramer: "Meine Familie hat Fußball gelebt!" Sportschau 31.03.2021 01:15 Min. Verfügbar bis 31.03.2022 Das Erste

Sportschau: Sie stammen aus einer echten Fußball-Familie. Ihnen und ihren beiden Brüdern wurde der Ball gewissermaßen in die Wiege gelegt. Lässt sich das so sagen?

Frank Kramer: Unsere Familie hat Fußball gelebt. Mein Vater war da schon sehr stark verankert. Meine beiden Brüder und ich haben beim FC Memmingen gespielt. Der Alltag hat sich nicht nur auf dem Fußballplatz bewegt, sondern auch auf dem Bolzplatz vor der Haustür oder auch in der Wohnung, wenn das Wetter schlecht war. Da hat es auch schon mal gescheppert. Fußball war und ist immer noch der Anlass, sich zu treffen, um gemeinsam Zeit zu verbringen.

Sportschau: Ihr Bruder hat mal über Sie gesagt, dass Sie den steinigen Weg noch nie gescheut haben. Sie hätten früher immer probiert, ihren vier Jahre älteren Bruder Jürgen herauszufordern, waren ihm zwar meistens unterlegen, haben sich aber nicht davon abbringen lassen, es immer wieder zu versuchen. Hat er Sie da gut beschrieben?

Frank Kramer: Es geht darum, sich nie unterkriegen zu lassen. Von Niederschlägen ist niemand befreit. Entscheidend ist immer der Umgang damit. Aufgeben ist keine Option. Es geht darum, aufzustehen und Kante zu zeigen. So war ich als Spieler, so bin ich als Mensch. Das ist meiner Meinung nach eine wichtige Tugend. Wenn man aus Fehlern und Niederlagen lernt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal zu gewinnen.

Verpasster Aufstieg: "In ein schwarzes Loch gefallen" Sportschau 31.03.2021 01:08 Min. Verfügbar bis 31.03.2022 Das Erste

Sportschau: Was war Ihr bisher schwierigster sportlicher Moment?

Frank Kramer: Sicherlich nach einer überragenden Saison mit Greuther Fürth lange auf den Aufstiegsplätzen zu stehen, dann in die Relegation zu gehen und in zwei Spielen gegen den Hamburger SV als klar bessere Mannschaft mit 0:0 und 1:1 nicht aufzusteigen. Das war ein schwarzes Loch, in das ich gefallen bin, weil die Spieler das wirklich verdient gehabt hätten. Das war eine Niederlage, obwohl wir gar nicht verloren haben. Das hat eine ganze Weile gedauert, um das zu verarbeiten.

Sportschau: Die Auswärtstorregel ist 1965 eingeführt worden. Damals waren Auswärtsspiele mit enormen Reisestrapazen verbunden. Außerdem sollten Mannschaften zu offensiverem Fußball ermuntert werden. Ist das heute noch zeitgemäß?

Frank Kramer: Ich kann der Regelung gar nichts abgewinnen. Wenn ein Erstligist gegen einen Zweitligisten spielt, wird dieses Duell von vornherein mit ungleichen Waffen geführt. Wenn dann die Auswärtstorregel bei zwei Unentschieden entscheidet, finde ich das nicht gerecht. Die gibt es jetzt schon seit so vielen Jahren. Ich bin der absoluten Überzeugung, dass das überarbeitet gehört.

Sportschau: Die FAZ hat Sie vor wenigen Wochen als "Der leise Hardrocker Frank Kramer" beschrieben. Kramer, der die lauten Töne nur dann liebt, wenn er seiner Lieblingsrockband lauscht. Frank Kramer und AC/DC - wie passt das zusammen?

Frank Kramer: Da bin ich von meinem Bruder geprägt. Der hat früher schon die härteren Nummern angeschlagen. Ich mag es, wenn es scheppert. AC/DC ist eine coole Band. Da war ich mehrmals schon auf einem Konzert. Wenn nach dem Spiel ein bisschen Ablenkung erforderlich ist und man im Auto unterwegs ist, dann scheppert es da auch gescheit. AC/DC ist da immer eine gute Wahl.

Sportschau: Es gibt ein Lied von AC/DC: "It's a long way to the top" ("Es ist ein langer Weg an die Spitze"). Könnte fast ihr Lebensmotto sein, oder?

Frank Kramer: Ja, wobei das doch auf alle zutrifft. Beim Lebensmotto bin ich eher bei "You´ll Never Walk Alone". Ich finde es gut, mit der Gemeinschaft was zu reißen, gemeinsam Erfolge zu feiern, sich gemeinsam zu freuen.

Sportschau: Arne Maier (22) hat die U21-Nationalmannschaft bei der EM als Kapitän angeführt. Maier konnte in den vergangenen Wochen unter ihrer Regie noch einmal enorm Selbstvertrauen tanken. Bei Anderson Lucoqui (23) ist es ähnlich. Beide haben vorher nur wenig gespielt. Ist da schon die Ausrichtung der Arminia erkennbar, noch mehr auf junge Talente zu setzen?

Frank Kramer: Zuallererst freue mich für jeden Spieler, wenn er für sein Land spielen darf. Der Spieler, seine Familie - alle sind stolz wie Bolle. Und wir sind stolz, wenn Spieler ihr Land in internationalen Spielen vertreten. Das ist eine Auszeichnung für die Arbeit aller im Verein. Aber die Chance muss für alle gleich sein. Da gibts kein jung oder alt. Es geht darum, wer der Mannschaft zum Erfolg verhelfen kann. Spieler sehen durch einen Trainerwechsel möglicherweise eine Chance. Für jeden Einzelnen ist das ein Moment, anpacken zu müssen. Die beiden haben das gemacht und das erwarte ich von allen anderen ganz genauso.

Sportschau: Apropos anpacken. Ihre Mannschaft trifft am Wochenende auf den Tabellenfünfzehnten aus Mainz. Ist das schon ein Endspiel?

Frank Kramer: Das ist ein wichtiges Spiel gegen einen direkten Konkurrenten. Danach folgen aber noch sieben Spiele, und abgerechnet wird nun mal am Schluss.

Sportschau: Schafft Arminia Bielefeld den Klassenerhalt?

Frank Kramer: Ich bin überzeugt davon. Die Chance ist da. Wir sind demütig. Wir wissen genau, wo der Verein herkommt. Aber wir sind auch ambitioniert. Wir sind nicht nur zu Besuch, wir wollen da bleiben.

Das Interview führte Christian Michel.

Stand: 01.04.2021, 08:57

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