Coronatests in der Bundesliga - die Schwächen des Systems

Der 1. FC Köln beim Bezug seines "quarantäneähnlichen Trainingslagers"

Coronavirus

Coronatests in der Bundesliga - die Schwächen des Systems

Von Chaled Nahar

Die Tests auf das Coronavirus sind der entscheidende Baustein im Sonderspielbetrieb der Bundesliga. Vor der Fortsetzung der Saison bleiben aber Fragen: nach dem Grund für unklare Ergebnisse einiger Tests, nach den Maßstäben für eine Quarantäne und nach der Unabhängigkeit der Proben.

Das Konzept der DFL und des DFB zum Schutz und zur Hygiene im Sonderspielbetrieb mag detailliert und professionell sein - das Video aus dem Innenleben des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC hat verdeutlicht, dass das Konzept nicht überall mit Leben gefüllt wird. Das vom Spieler Salomon Kalou veröffentlichte Video zeigte, wie mehrere Spieler und ein Mitarbeiter einfachste Abstandsregeln missachteten und sich die Hand gaben.

In dem Video war außerdem zu sehen, wie ein Mitarbeiter von Hertha BSC einen Abstrich beim Spieler Jordan Torunarigha vornahm - offenbar mit einigen Fehlern.

Brisantes Video: Kalou filmt Handshake in der Hertha-Kabine Sportschau 04.05.2020 00:45 Min. Verfügbar bis 04.05.2021 Das Erste

"Test wohl nicht ordnungsgemäß durchgeführt"

"So, wie der Test zu sehen ist, ist er nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden", sagt Ulrich Grünewald vom WDR-Wissenschaftsmagazin Quarks. "Der Abstrich im tiefen Rachen geht zu schnell, dadurch wird unter Umständen nicht ausreichend Virusmaterial aufgenommen." Diese Einschätzung bezieht sich alleine auf den Teil der Probeentnahme, der in dem Video zu sehen ist. Es bleibt unklar, ob das der vollständige Vorgang gewesen ist.

Zu sehen ist aber, dass der Mitarbeiter mit demselben Probenstäbchen auch über die Zunge und den Innenraum der Mundhöhle streicht. "Dadurch kann ein Teil des Virusmaterials wieder vom Stäbchen abgestreift und die Probe verdünnt werden", sagt Grünewald. Bei dieser Art der Probeentnahme sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es im Labor zu einem falschen Testergebnis kommt. Die schlimmste mögliche Folge: "Der Test könnte negativ ausfallen, tatsächlich ist der Getestete aber infiziert und kann das Virus übertragen", so der Wissenschaftsjournalist.

Die Frage nach der Unabhängigkeit der Tests

So stellt sich die Frage, wer die Abstriche zur Probeentnahme macht - und wer sie machen sollte. Im Konzept der DFL zum Sonderspielbetrieb steht: "Die Organisation der Untersuchungen (nicht notwendigerweise deren Durchführung) und die Dokumentation der Ergebnisse verantwortet für jeden Club der jeweils leitende Mannschaftsarzt." Die Tests können also von entsprechend qualifiziertem Personal der Klubs vorgenommen werden.

Der 1. FC Köln berief sich in einer Mitteilung zu negativen Tests darauf, dass die Ergebnisse einer durchweg negativen Testreihe aus einem "unabhängigen Labor" stammen. Unter der Annahme, dass die Behauptung der Unabhängigkeit an dieser Stelle zutrifft, bleibt angesichts des Hertha-Videos die Frage nach der Unabhängigkeit der Proben in der Bundesliga und der 2. Bundesliga. Denn neben fahrlässig falsch erstellten Abstrichen sind im schlimmsten Fall auch absichtlich falsche Abstriche denkbar, um einen positiven Test zu verhindern. "Das Testverfahren ist fehleranfällig", sagt Grünewald. Deswegen sei Professionalität bei den Abstrichen wichtig. "Im Sinne der Fairness gegenüber anderen Vereinen könnte man unabhängige Kontrollen der Abstriche durchführen oder direkt unabhängig testen lassen", so Grünewald.

Doch die Abstriche nehmen die Klubs vor. "Das System basiert auf dem Vertrauensvorschuss an die Diagnostikbeauftragten in den Vereinen und die akkreditierten Labore", sagt Arne Steinberg von "Fußballdoping", einem Projekt des Recherchezentrums Correctiv. Dort befassen sich Journalisten sonst mit Doping im Fußball, für sie werden nun auch die Coronatests ein Thema. Steinberg sagt: "Weil alle unter hohem Druck stehen, die weitere Durchführung der Saison nicht zu gefährden, ist es nicht auszuschließen, dass es zu Manipulationen kommt".

Wer die Klubs kontrolliert

Die Kontrollinstanz bei den Klubs sind stets die Gesundheitsämter vor Ort. Mit ihnen sind die Hygienekonzepte für den Trainings- und Spielbetrieb meist abgesprochen. "Der 1. FC Köln trainiert nach einem mit dem Gesundheitsamt der Stadt Köln abgestimmten Konzept, wonach die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes im Spielbetrieb umgesetzt werden", sagt beispielsweise das Gesundheitsamt Köln auf Anfrage.

Der Berliner Senat kündigte nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf im "Kicker" an, dass Hertha BSC mit unangekündigten Kontrollen rechnen müsse. Dabei bezog sich die Senatsverwaltung allerdings nur auf die nicht eingehaltenen Abstandsregeln, die in dem Video aus dem Trainingszentrum der Hertha zu sehen waren - nicht auf die Tests.

Was "schwach positive" und "unklare" Befunde bedeuten

"Bei einem Mitarbeiter wurde zunächst ein sehr schwach positives Testergebnis festgestellt", hieß es bei Borussia Mönchengladbach. Union Berlin schrieb über seinen Spieler Yunus Malli: "Auf einen positiven Test und eine Verlängerung der Quarantäne folgten inzwischen mehrere negative, positive und unklare Befunde." Die in Halle erscheinende "Mitteldeutsche Zeitung" meldete am Donnerstag (07.05.2020) zudem 14 uneindeutige Testergebnisse beim Drittligisten Hallescher FC. Erst eine zusätzliche Testreihe am Tag darauf habe Gewissheit gegeben, dass alle Spieler negativ seien, schreibt das Blatt.

"Ein Grund für solche Meldungen könnte sein, dass am Anfang einer Infektion wenig Virusmaterial vorhanden ist", sagt der Wissenschaftsjournalist Grünewald. Die Viruslast werde erst mit der Zeit größer, sofern eine Infektion vorliegt. Auch an deren Ende sinkt die Viruskonzentration. Ein schlechter Abstrich, wie er möglicherweise bei Hertha BSC vorgenommen wurde, könnte eine andere Ursache sein. Die Gründe für die uneindeutigen Befunde in Gladbach, bei Union und in Halle wurden aber nicht kommuniziert.

Wenig Transparenz

Eine Nachvollziehbarkeit ist grundsätzlich kaum gegeben. In dem Konzept hieß es von Anfang an: "Keine automatische Meldung eines positiven Falles an die Presse, da Krankheitsverifizierung sowie die klare Dokumentation der vermutlichen Übertragungswege im Vordergrund stehen." Bei den ersten Testreihen riet die DFL den Klubs nochmal ausdrücklich davon ab, "eigene Verlautbarungen" vorzunehmen, wie der "Kicker" berichtete.

Und so sprach die DFL von zehn positiven Tests in Bundesliga und 2. Bundesliga. Zu welchen Klubs diese gehören, war nur teilweise zu klären. "Damit versucht die DFL, die Deutungshoheit vorerst bei sich zu behalten. Es wird zu beobachten sein, wie das in der Praxis verläuft", sagt Steinberg von "Correctiv".

Kategorisierung von Kontaktpersonen - eine entscheidende Frage

Kommt es zu einem positiven Test, steht eine wichtige Entscheidung an. Personen, die mit infizierten Menschen in Kontakt waren, sind sogenannte Kontaktpersonen. Diese werden vom Robert Koch-Institut (RKI) in drei Kategorien eingeteilt. Eine Kontaktperson der Kategorie 1 müsste wie der infizierte Mensch selbst in Quarantäne. Gemeint sind Menschen, die laut RKI "kumulativ mindestens 15-minütigen Gesichtskontakt" hatten, beispielsweise in einem persönlichen Gespräch ohne Distanz. Eine Kontaktperson der Kategorie 2 (mit einem geringeren Infektionsrisiko) muss selbst nicht in Quarantäne.

Die DFL sieht durch ihr Konzept gegeben, dass Spieler, die mit infizierten Spielern oder Klubpersonal in Kontakt waren, der Kategorie 2 zuzuordnen seien. Das war beispielsweise in Köln so, wo der Mittelfeldspieler Birger Verstraete sagte im belgischen Fernsehsender VTM, dass er mit zwei Spielern und einem Physiotherapeuten, die alle positiv getestet worden waren, Kontakt hatte. "Wir müssen vorläufig nicht in Quarantäne, das ist schon ein bisschen bizarr", sagte Verstraete in die Kamera.

Die Entscheidung, dass Verstraete nur in Kategorie 2 gehört, traf das Gesundheitsamt Köln. Ob das an jedem Bundesliga-Standort so laufen wird, bleibt die wichtigste Frage für die DFL. Bei Dynamo Dresden war das am Samstag (09.05.2020) offenbar nicht so. Laut einer Mitteilung des Klubs hat des Gesundheitsamt Dresden wegen zwei positiver Tests im Team entschieden, "dass sich der gesamte Zweitliga-Kader samt Trainer- und Betreuerteam ab sofort in eine 14-tägige häusliche Quarantäne begeben muss". In Köln fiel die Entscheidung vor dem Einstieg ins Mannschaftstraining, in Dresden danach. So oder so: Sollten die Gesundheitsämter bei den Teams der Bundesliga und der 2. Bundesliga nun häufiger so vorgehen wie bei Dynamo, wären der Spielbetrieb und das sportliche Saisonende gefährdet.

Stand: 09.05.2020, 22:39

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