Corona bei Bayer Leverkusen - zwei Fälle, zwei Bewertungen

Kerem Demirbay

Gruppenquarantäne bei Frauen, Einzelisolation bei Männern

Corona bei Bayer Leverkusen - zwei Fälle, zwei Bewertungen

Von Marcus Bark

Die Frauenmannschaft von Bayer Leverkusen ist nach einem Coronafall geschlossen in Quarantäne gegangen, nach dem positiven Test von Kerem Demirbay bei den Männern musste nur er in Isolation. Wie kommt es zu den unterschiedlichen Bewertungen?

"Wir sind jetzt in dem Rhythmus: zwei Tage Pause, Spiel, zwei Tage Pause, Spiel - viermal hintereinander." Peter Bosz, der Trainer von Bayer Leverkusen, folgerte am Freitag (11.12.2020) daraus: "Das wird am Ende anstrengend sein."

Es hätte allerdings noch anstrengender bis Weihnachten werden können, denn für den Tag vor Heiligabend, drei Tage nach dem letzten Bundesligaspiel des Jahres, war zunächst die Partie im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt angesetzt. Sie wurde verlegt. Dadurch stehen für die Leverkusener im Januar nach kurzer Winterpause sieben Spiele an, im kurzen Februar werden es sechs sein, nachdem die Werkself als Gruppenerster die Zwischenrunde der Europa League erreichte.

Terminfindungsstress bei Mannschaftsquarantäne

Das ist ein strammes Programm, das schon schwierig genug zu bewältigen ist. Eine Quarantäne für sämtliche Profis, des Trainer- und Betreuberstabes nach positivem Coronatest nur eines Spielers würde den Verein und die Deutsche Fußball Liga (DFL) vor arge Probleme stellen.

Diesen einen positiven Test gab es zuletzt bei den Leverkusenern. Am 5. Dezember meldete der Verein, dass bei Kerem Demirbay einen Tag zuvor eine Infektion mit Covid-19 festgestellt worden sei. Demirbay sei "unmittelbar" nach der Diagnose "vom Team getrennt" und in häusliche Isolation geschickt worden. "Präventiv" sei auch ein Physiotherapeut, der den Profi in den Tagen zuvor behandelt habe, in Quarantäne versetzt worden, "trotz negativem Covid-19-Test".

Derselbe Verein, die gleiche Liga, eine andere Bewertung

Derselbe Verein, die gleiche Liga, eine andere Bewertung: "Eine Spielerin der Bundesliga-Frauen von Bayer 04 Leverkusen ist am Dienstag, 17. November, positiv auf Covid-19 getestet worden. Daraufhin hat das Gesundheitsamt Leverkusen die komplette Mannschaft inklusive Trainer- und Betreuerstab als Kontakt I Personen eingestuft. Demzufolge wurde für den kompletten Personenkreis eine zweiwöchige häusliche Quarantäne verordnet." Das teilte Bayer Leverkusen am 18. November mit.

Das einzige Spiel, das in die bis zum 29. November vorgeschriebene Quarantäne fiel, wurde neu angesetzt und inzwischen ausgetragen. An Nikolaus verlor Leverkusen beim FC Bayern mit 0:1.

Vier Verlegungen wären nötig gewesen

Wären die Männer geschlossen und genauso lange - 13 Tage - in Quarantäne gegangen, hätten die Bundesligaspiele beim FC Schalke 04, gegen die TSG Hoffenheim und beim 1. FC Köln sowie das Spiel in der Europa League gegen Slavia Prag verlegt werden müssen. Zwei Tage nach dem Ende der Quarantäne hätte das Topspiel des Tabellenzweiten gegen den Spitzenreiter FC Bayern angestanden.

Ist das Dilemma des engen Spielplans der oder ein Grund für die unterschiedlichen Bewertungen gewesen?

Infrastruktur auch in Meppen "ausnahmslos gegeben"

Die Sportschau schickte dem Gesundheitsamt der Stadt Leverkusen einen umfangreichen Fragenkatalog, der teilweise beantwortet wurde. Dabei heißt es: "Quarantänemaßnahmen sind grundsätzlich vom jeweils individuellen Setting abhängig, das heißt von Art, Umfang, Intensität und äußeren Umständen, unter denen eine Person Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Das führt dazu, dass vermeintlich gleichgelagerte Fälle aus infektiologischer Sicht vollkommen unterschiedlich gewichtet und bewertet werden können." Im Fall der Frauenmannschaft habe die Behörde "aufgrund der Gegebenheiten beim Auswärtsspiel" eine Gruppenquarantäne verordnet, die der Verein zuvor schon präventiv eingeleitet habe. Leverkusen gewann am 15. November, also zwei Tage vor dem positiven Coronatest bei einer Spielerin, mit 3:0 beim SV Meppen.

Eberl über Corona-Maßnahmen: "Kein Signal bekommen, das den Fußball betrifft" Sportschau 11.12.2020 01:01 Min. Verfügbar bis 11.12.2021 Das Erste

Welche "Gegebenheiten" im ehemaligen Emsland-Stadion die "Notwendigkeit einer Quarantäne für den gesamten Personenkreis" ergeben haben, bleibt in der Antwort offen. Auch Bayer Leverkusen äußerte sich dazu auf Anfrage der Sportschau nicht.

Der SV Meppen teilte mit, dass er sich "bei den Frauen (Bundesliga) und den 3.-Liga-Herren streng an die geltenden Hygienekonzepte" halte. Das Hygienekonzept, entwickelt von DFL und Deutschem Fußball-Bund (DFB), gilt für die drei höchsten Ligen der Männer, den DFB-Pokal und die Bundesliga der Frauen. "Die Infrastruktur", so der SV Meppen, sei "ausnahmslos gegeben", um sich streng an das Konzept zu halten.

Warum werden Meppen und Nizza so hervorgehoben?

Fragwürdig ist ohnehin, warum das Spiel in Meppen derart vom Leverkusener Gesundheitsamt und dem Verein in seiner Mitteilung hervorgehoben wird. Ähnlich ist es im Fall von Demirbay die Reise zum Spiel der Europa League in Nizza.

Der Tross von Bayer Leverkusen landete am 2. Dezember gegen 14 Uhr in Frankreich. Am 4. Dezember ist Demirbay positiv getestet worden. Dass sich der Profi während des Aufenthalts in Nizza angesteckt habe, hält Virologe Prof. Johannes Knobloch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf für "eher unwahrscheinlich". Er teilte der Sportschau zudem mit: "Ab dem Zeitpunkt, an dem ein Mensch mit einem Virus in Kontakt kommt (Infektionszeitpunkt), bezeichnen wir die Zeit bis zum Auftreten von Symptomen bzw. bis zum Nachweis des Erregers als Inkubationszeit. Wie lange die Inkubationszeit bei einer Person tatsächlich dauert, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Für das SARS-CoV-2 Virus wird die mittlere Inkubationszeit in den meisten Studien mit fünf bis sechs Tagen angegeben."

Infektion Tage vor den Auswärtsreisen wahrscheinlich

Es ist also wahrscheinlich, dass sich die Leverkusener Spielerin und Demirbay ein paar Tage vor den Spielen in Meppen und Nizza infiziert haben. Sie haben dann zusammen trainiert, gespielt, sind zusammen gereist und haben sich zumindest in kleineren Gruppen zusammen in Kabinen umgezogen.

Bei der Bewertung, ob es dabei zu Begegnungen gekommen ist, die eine Einstufung als Kontaktperson ersten Grades nötig machen, sind die Gesundheitsämter auf die Angaben der Betroffenen und der Klubs angewiesen. Welche Behörde zuständig ist, richtet sich nach dem Wohnort des Infizierten. Im Fall von Demirbay sei es daher nicht für die Entscheidung einer Einzelisolation verantwortlich gewesen, so das Leverkusener Amt.

Infektionsquellen meistens unbekannt

Es hätte daher auch nur die Frage beantworten können, ob bekannt ist, wo sich die Spielerin angesteckt habe. Die Behörde hielt die Antwort jedoch allgemein: "Die konkrete Ermittlung der Infektionsquelle ist schon aufgrund der langen Inkubationszeit und des häufigen Auftretens asymptomatischer Verläufe vielfach gar nicht möglich."

Stand: 12.12.2020, 12:00

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