Teilnehmer der Auftakt-Pressekonferenz der European Championships

European Championships München Das Highlight des Jahres als Olympia-Signal?

Stand: 10.08.2022 21:11 Uhr

Es wurde noch heftig gehämmert, gebohrt und geschraubt am Dienstagabend (09.08.2022) am Münchner Königsplatz. Überall Männer in knallgelben Warnwesten, mal hörte man sie Französisch parlieren, mal Deutsch sprechen - zwischendurch wechselten die Männer auch ins Englische. Manches muss eben jeder verstehen auf der Baustelle.

Von Johannes Kirchmeier, München

Von außen sah das Ganze nach einem ziemlichen Gewusel aus - wie im Übrigen auch im Olympiapark, wo am Mittwoch noch die letzten Aufbauarbeiten an den und um die Sportstätten gemacht wurden. Aber wenn man den Arbeitern glauben durfte, dann war das alles koordiniertes Gewusel an der Bühne am Königsplatz und an deren meterhohen Wänden.

Dort, wo sich ab Freitag bei den European Championships Europas beste Kletterer messen. Auch deren Kühlschränke im Athletenzelt waren ja noch eingeschweißt. Bis Donnerstagfrüh muss alles fertig sein, da starten die Frauen-Qualifikation im Lead und die Männer-Quali am Boulder.

Erinnerungen an Olympische Spiele

Mit dabei sein wird dann als deutscher Mitfavorit Yannick Flohé von der Alpenvereinssektion Aachen, der im Juni den Boulderweltcup in Brixen gewann und am Mittwochabend bei der Auftaktpressekonferenz der Spiele über den Austragungsort erzählte.

"Mir wurde schon ein Bild vom Königsplatz geschickt. Es sah sehr toll aus, auch, als es da nur halb aufgebaut war." Aber so ehrlich war er auch, beim Klettern werde er dann von der Kulisse zwischen Glyptothek und Antikensammlung nicht viel merken.

Deutschlands Top-Kletterer Yannick Flohé hofft beim European Championships und der Heim-EM in München auf den ganz großen Coup.

Wenn so eine Sportstätte erst kurz vor dem Start der Wettkämpfe fertiggestellt wird, weil sich unvorhergesehen etwas verzögerte, dann erinnert das unweigerlich an Olympische Spiele. Ob Athen 2004 oder Rio de Janeiro 2016, am Ende war alles fertig. Und so wird es schon auch in München sein, das ja zudem im Zeichen des 50-jährigen Geburtstages von Olympia 1972 steht.

Das Ziel ist schnell ausgesprochen: Die Bevölkerung an Großevents gewöhnen

Die Gedanken an Olympische Spiele jedenfalls kommen den Veranstaltern augenscheinlich ganz gelegen. "Wir wollen ein gutes Vorbild sein und ein Erbe und Vermächtnis lassen für künftige Sportgroßveranstaltungen", sagt Marion Schöne, Geschäftsführerin der Olympiapark München GmbH. Dass sich die eigentlich eher skeptische deutsche Bevölkerung am Ende doch wieder vorstellen könne, weitere Großevents auszurichten - "bis hin zu den Olympischen Spielen".

Das ist durchaus ein Statement im Olympia-, oder vielmehr IOC-kritischen Land. Immerhin sieben Mal sind deutsche Bewerbungen seit 1986 gescheitert, mehrmals wie bei der anvisierten Münchner Bewerbung für die Winterspiele 2022 waren die Bürger dagegen. Nun soll ein erfolgreiches, buntes Event Deutschland offenbar wieder an Großevents gewöhnen. München sei nur der Startschuss für viele weitere in den kommenden Jahren, sagte Juliane Seifert (SPD), Staatssekretärin im Bundesinnenministerium.

Als "Mini-Olympia" empfindet die oberbayerische Sprinterin Alexandra Burghardt die EM in neun Sportarten vom 11. bis 21. August in ihrer Heimat, und erwartet eine "Fetzngaudi", also ganz viel Spaß. 4.700 Athletinnen und Athleten kämpfen in München um 177 EM-Medaillensätze, es ist auch das größte Multi-Sportereignis seit Olympia 1972 im Land.

Mix aus Sport und Festival

Eindruck schinden wollen die Münchner dabei auch mit der Kombination aus Sport und kostenfreiem Festival, bei dem beispielsweise der Rapper Marteria oder die Band Sportfreunde Stiller auftreten. Als unter anderem Burghardt, Schöne, Seifert und Flohé da sprachen, standen sie gerade im sogenannten "Heimat Roof" auf dem Olympiaberg vor fliegenden BMX-Radlern, die ihre Rampen nahmen und Tricks aufführten.

Um die Wettkampfstätten haben die Veranstalter Festivalbühnen gepaart, der heimatliche Biergarten am Berg samt bajuwarischen Bierzeltgarnituren und Hackschnitzelboden ist eben eine davon.

250.000 Karten verkauft - Ziel fast doppelt so hoch

Das Ziel scheint erreichbar, auch wenn der Vorverkauf schleppend lief. Bei der Eröffnungsfeier am Mittwochabend war der Olympiapark voll wie noch nie. Nur wenige Minuten nach 20 Uhr - da spielten die Sportfreunde Stiller gerade den ARD-Song "Spektakulär" auf der Bühne - twitterte die Münchner Polizei: "Der Olympiapark ist wegen Überfüllung geschlossen."

250.000 Eintrittskarten sind im Vorverkauf abgesetzt worden, berichtete Schöne vorher: "Ich denke, dass sich jetzt auch noch ganz viele kurzfristig entscheiden und Tickets kaufen." Nach dem außergewöhnlichen Zulauf bei der Eröffnungsfeier gut möglich.

Das Organisationskomitee plant mit 450.000 zahlenden Besuchern, insgesamt erwartet das OK deshalb insgesamt eine Million Besucher während der Multi-EM. Sollten die Stadien am Ende bei herrlichem Sommerwetter in der bayerischen Landeshauptstadt gefüllt sein, dürfte auch das ein Signal für deutsche Bewerbungen sein.

Vorfreude auf Heim-Europameisterschaft steigt bei Sportlern

Ganz unabhängig von den großen Zielen der Politik freuen sich Burghardt und Flohé schon auf ihr Highlight des Jahres, ihre Europameisterschaften daheim, das merkte man ihnen am Mittwoch an. "Ich verlasse München glücklich, wenn mein Wettkampf Spaß gemacht hat", sagt Flohé - ohne hochgesteckte Medaillenziele. Und danach? Da werden die Helfer in ihren knallgelben Warnwesten die Anlage am Königsplatz sowie das Beachvolleyballstadion direkt daneben mit Hammer und Akkuschrauber wieder abbauen.