BSSF-Chef Alexander Apeikin

Gespräch mit Aktivist Alexander Apeikin Belarus "wird europäisch oder ein Teil von Russland"

Stand: 16.01.2023 12:11 Uhr

Alexander Apeikin ist in Belarus zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Im Exil in der Ukraine streitet der ehemalige Handballer weiter für andere Sportler und kämpft gegen den Diktator in seiner Heimat. Der Krieg Russlands werde auch über sein Schicksal entscheiden, sagt Apeikin im Gespräch mit der Sportschau.

Von Marcus Bark

Alexander Apeikin ist wieder in Kiew. "Also für mich ist die Ukraine ein ganz sicheres Land", sagt Apeikin, und diese Antwort überrascht, denn selbst viele Ukrainer sehen das seit nun fast schon einem Jahr anders.

Apeikin aber ist Belaruse. Er stammt aus dem Land, das von Diktator Alexander Lukaschenko regiert wird. Lukaschenko ist ein Vasall des russischen Präsidenten und Kriegstreibers Wladimir Putin, und für Apeikin ist er deshalb noch der Machthaber in Minsk. "Die Unterstützung von Russland hat Lukaschenko geholfen, an seinem Platz zu bleiben."

Protestbrief verfasst

Alexander Apeikin musste Minsk, die Hauptstadt von Belarus verlassen. Es wurde im Herbst 2020 viel zu gefährlich für den ehemaligen Handballer und Handballmanager in seiner Heimat, denn er hatte einen Brief verfasst, den Hunderte anderer Sportler unterschrieben, darunter Olympiasieger, Weltmeister, Europameister. "Wir fordern ein Ende der staatlichen Gewalt und Brutalität. Wir fordern die Freilassung aller politischen Gefangenen. Wir wollen, dass Lukaschenko abtritt und neue, faire Wahlen abgehalten werden", sagte Apeikin damals.

Die Wahlen vom 9. August 2020, die Lukaschenko nach dessen Zählweise und Verlautbarung mit mehr als 80 Prozent der abgegebenen Stimmen im Amt bestätigten, waren das Gegenteil von fair. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sah "überwältigende Beweise" für Wahlfälschung. Hunderttausende Belarusen warteten den Bericht gar nicht ab, gingen schon kurz nach der Wahl auf die Straße, protestierten gegen Lukaschenko.

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Flucht aus Belarus

Sportler waren ein wesentlicher Teil des Widerstands. "Sport in Belarus als auch in Russland ist keine unabhängige Sphäre. Sport ist ein Teil der Staatsideologie für Lukaschenko und für Putin", sagt Apeikin, "Sport ist in Diktaturen eine ideologische Unterstützung."

Lukaschenko reagierte mit Gewalt und Verhaftungen auf die Proteste, Apeikin floh wie viele andere Belarusen, auch wie viele andere Sportler.

Aus dem Exil ging der Widerstand weiter. Apeikin gründete die "Belarusian Sport Solidarity Foundation" (BSSF), zusammen mit unter anderen Alexandra Herasimenia, die als Schwimmerin drei Medaillen für Belarus bei Olympischen Spielen gewann.

In Abwesenheit verurteilt

Ende des Jahres 2022 wurden Herasimenia und Apeikin zu je zwölf Jahren Haft verurteilt. Der Grund: "Bedrohung der nationalen Sicherheit".

Herasimenia lebt wie Apeikin im Exil, ist daher ebenfalls frei mit der Einschränkung, nicht nach Hause zu können, falls das so bleiben soll.

Das Haus der ehemaligen Schwimmerin sei beschlagnahmt worden, sagt Apeikin. Sie sei aber optimistisch, dass sie es wiederbekomme, in nicht allzu ferner Zeit.

Auch er ist optimistisch. Es werde eine zweite Welle von Protesten kommen, es brauche nur einen "Trigger". Lukaschenko werde stürzen - irgendwann: "Das kann doch nicht so lange dauern."

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Apeikin: "Ich wünsche der Ukraine den Sieg"

Ein paar Wochen war die erste Protestwelle in Belarus ein großes Thema auch in den westlichen Medien. Dann kam der Krieg. Dann kam Iran. Dann kam die Fußball-WM in Katar. Die mutige Opposition aus Belarus verschwand aus den Nachrichten.

Fühlt er sich vergessen? "Nein", sagt Apeikin. Er spüre Unterstützung, aus dem Westen wie auch aus der Ukraine, deren Schicksal mit dem seiner Heimat verknüpft sei. Die Stimmung in Belarus sei "momentan sehr heiß", es gebe "keine Stabilisierung" für Diktator Lukaschenko

Die Wünsche für das neue Jahr? "Ich wünsche der Ukraine den Sieg, denn die Freiheit für die Ukraine bedeutet auch die Freiheit für Belarus. Entweder wird Belarus ein europäisches Land oder ein Teil von Russland."