Wintersport und Klimawandel Zukunft des Skispringens - Matten statt Schnee

Stand: 31.10.2022 08:41 Uhr

Ungewöhnlich früh, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich grün: Die Skispringer stehen in dieser Saison vor großen Herausforderungen. Im Weltcup wird erstmals auf Matten gesprungen, dazu droht ein Lagerkoller.

Deutschlands Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher ist ein alter Hase im Geschäft. Seit den 1970er Jahren fliegt er - erst über selbst erbaute Schanzen, dann zu WM-Gold. Sein Wissen gibt er seit Jahrzehnten als Trainer weiter. Horngacher hat schon vieles erlebt, eine Saison wie die kommende aber noch nicht.

Erster Weltcup auf Matten

Am Samstag (5.11.2022) beginnt der Weltcup-Winter der Skispringer im polnischen Wisla. So früh wie nie zuvor. Der Grund des Frühstarts ist die Fußball-Weltmeisterschaft vom 20. November bis 18. Dezember. Um TV-Überschneidungen aus dem Weg zu gehen, wurde der Saisonauftakt nach vorn geschoben. Das hat weitreichende Folgen und sorgt für ein Novum.

Weil in Wisla zu dieser Jahreszeit nicht erst seit der Klimakrise Schnee eine Ausnahme ist und eher spätsommerliche Temperaturen herrschen, erlaubte die FIS erstmals ein Weltcupspringen auf Matten. "Für uns ist das kein Problem. Wir können damit leben", sagte Horngacher im Sportschau-Interview.

Egal, ob grün oder weiß

Der österreichische Coach der Deutschen nennt den Vorstoß "interessant" und glaubt, "dass das für die Zukunft richtungsweisend sein kann". "Ich denke mir, wir werden das in der nächsten Zeit öfters sehen."

Es sei völlig egal, ob man ins Grüne oder Weiße springt, so der Trainer der DSV-Skiadler, der aber hinterherschiebt: "Als Wintersportler will man natürlich gern auf Schnee landen. Wir wollen nicht nur auf der Matte landen, aber man sieht, dass wir große Möglichkeiten im Skispringen haben."

Horngacher: Mattenspringen hat einige Vorteile

Im Zuge der Klimakrise wird das weiße Gold immer rarer. Während andere Sportarten im schlimmsten Fall von der Bildfläche verschwinden, machen sich die Skispringer von den Temperaturen unabhängig. Das Springen auf Matten mag für die Zuschauer gewöhnungsbedürftig sein, für die Sportler ist es das nicht.

Horngacher sieht sogar zahlreiche Vorteile. So seien die Verhältnisse für alle gleich, man müsse keine Schanze aufwändig präparieren, es besteht keine große Verletzungsgefahr bei der Landung und die Schmerzen bei einem Sturz seien geringer als auf einem harten, vereisten Hang.

Auf Reisen verzichten

Dazu habe sich das Sommerskispringen, wo immer auf Matten gelandet wird, gut entwickelt. Früher tigerte die Weltelite zur Schneevorbereitung nach Skandinavien. Diese Reisen sind seit vielen Jahren schon Geschichte. "Wir bleiben in der Heimat, fahren auf einer Eisspur an und landen auf Matten", erklärt Horngacher. Der Effekt ist der gleiche.

Als Norwegens Trainer Alexander Stöckl vor zwei Jahren etwas zynisch bemerkte: "Wenn kein Schnee mehr vorhanden ist, dann malen wir halt die Matten weiß an", ahnte er noch nicht, dass das bald Realität sein könnte. Nun könnten die Matten die Zukunft des Skispringens sichern.

Gefahr von Lagerkoller

Viel mehr als klimaneutrales Springen auf Matten beschäftigt Horngacher die XXL-Saison. Fünf Monate werden die Springer unterwegs sein. Erst am 2. April findet das letzte Springen statt. "Das ist wirklich ein großes Thema", sagt der Coach. Mannschaft und Betreuerteam werden extrem lange gemeinsam unterwegs sein, Zeit für Pausen sieht der enge Wettkampfkalender nicht vor. Horngacher geht von "einer enormen Belastung für alle aus" und sagt: "Es ist schon am Limit. Ich hoffe, wir bringen uns alle sauber und gesund über die Saison."

Der frühe Saisonbeginn und anschließend zwei Wochen Pause seien nicht ideal, "aber wir müssen das so schlucken", so Horngacher. Schon jetzt ist absehbar, dass zwei freie Wochen zwischendurch ein "Ding der Unmöglichkeit" sein werden. Man werde aber versuchen, immer mal zu rotieren und dem einen oder anderen eine Pause zu gönnen. "Das ist aufgrund der Personaldecke aber ein Ritt auf der Rasierklinge", weiß Horngacher, der als Psychologe mehr denn je gefragt sein wird.

Stefan Horngacher

Stefan Horngacher

Musikalische Skispringer

Seit Jahren spielt er zum Ausgleich Gitarre. Sein Instrument reist mit um die Welt. Horngacher wird oft Zeit haben, zu spielen. Vielleicht sogar im Duett. Er ist nicht der einzige Musikalische im deutschen Springerlager. Karl Geiger beherrscht das Akkordeon glänzend. Natürlich wäre es Horngacher am liebsten, wenn regelmäßig "We are the Champions" durch die Lautsprecher im Hotelzimmer dröhnt.

Die Saison ist aus seiner Sicht dann gelungen, wenn "wir bei der Vierschanzentournee und der WM sehr gut abschneiden". Sehr gut heißt in der Schule 1, im Sport Weltmeister. Horngacher wäre Gold am liebsten, zufrieden wäre er aber auch, wenn bei jedem WM-Start eine Medaille herausspringt und einer seiner Jungs bei der Vierschanzentournee auf das Podium springt. Erfolg ist schließlich das beste Mittel - nicht nur gegen den Lagerkoller.

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