Zu Gast im Wintersport-Podcast: Arnd Peiffer

Sportschau-Wintersport-Podcast

Biathlon-Experte Arnd Peiffer: "Erik hat mich kalt erwischt"

Stand: 24.03.2022, 12:00 Uhr

Vor etwa einem Jahr hat Arnd Peiffer seine aktive Karriere beendet und ist Biathlon-Experte der Sportschau geworden. In der letzten Folge des Sportschau-Wintersport-Podcasts dieser Saison spricht Peiffer über den Ukraine-Krieg, ordnet die Olympischen Winterspiele in Peking ein und erzählt humorvoll vom Karriereende seines Kumpels, Biathlon- und Podcastkollegen Erik Lesser.

Arnd, Sie wussten natürlich schon vor der breiten Öffentlichkeit von Erik Lessers Karriereende. Wie schwer war es, das geheim halten zu müssen?

Arnd Peiffer: Wenn man danach gefragt wird, musst du natürlich ein bisschen rumeiern, aber in dem Moment, als er es im Podcast dann gesagt hat, hat er mich trotzdem noch kalt erwischt, obwohl ich es ja vorher wusste. Da habe ich dann doch ein bisschen Gänsehaut bekommen, weil man einfach weiß: Da geht jetzt ein Riesenlebensabschnitt zu Ende. Denn im Leistungssport kann man einfach nicht wieder zurück.

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Sportschau: Beim Saisonfinale in Oslo hat sich Erik Lesser mit einem Sieg im Verfolgungsrennen in den Ruhestand verabschiedet – besser geht’s nicht oder?

Arnd Peiffer: Das ist eigentlich schon fast kitschig. Ich krieg jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich bin nach Oslo geflogen und Erik wusste davon nichts. Ich habe mich bedeckt gehalten und mich irgendwo an die Strecke gestellt – habe ihm dann aber doch kurz vor dem Start noch viel Glück gewünscht und ihn gedrückt. Und dann steh ich da auf der Strecke und der schießt viermal Null und ich dachte mir nur: Was macht dieser Mensch heute?

Es gibt einige Sportler, die mit einem tollen Rennen aufgehört haben. Aber bei Erik war es insgesamt erst der dritte Weltcup-Sieg und der letzte war sechs Jahre her, und dass er es schafft, im vorletzten Rennen noch einmal seine „Peak-Performance“ zu zeigen. Das war schon sehr emotional.

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Sportschau: Kurz vor seinem Abschied hat Erik Lesser der ukrainischen Biathletin Anastasiya Merkushyna seinen Instagram-Account überlassen, um seine Abonnenten aus Russland über den Krieg aufzuklären.

Das ist wieder ein klassischer Erik: Er ist mutig. Die Vorgeschichte ist, dass er im Januar einem russischen Biathleten ausgeholfen hat, als der in Oberhof in Quarantäne war. Da hat er ihm ein Rennrad und eine Rolle angeboten, damit er auf dem Zimmer ein bisschen trainieren kann. Das ist dann in Russland durch die Medien gegangen und damit hat er wahnsinnig viele russische Follower obendrauf bekommen.

Dann hatte er 30.000 russische Follower und konnte damit seinen Kanal als Sprachrohr für die ukrainische Biathletin Merkushyna nutzen. Den Gedanken zu haben, ist das eine. Das umzusetzen, ist das andere. Diese klare Positionierung ist auch nicht immer angenehm, auch wenn einem 90 Prozent zustimmen, der Rest kann doch unangenehm sein, und das finde ich sehr mutig.

Sportschau: Wie wichtig ist es für Sie, als aktiver oder auch ehemaliger Sportler, eine Haltung zu haben?

Ich finde es wichtig, aber ich denke, dass man es nicht von jedem verlangen darf. Ich finde es aber gut, wenn jemand für etwas einsteht und das auch begründen kann. Die russischen Athleten stecken aber in einem ganz schönen Dilemma. Die stehen, so wie ich das mitbekommen habe, auch nicht hinter diesem Angriffskrieg – anders als ein Großteil der russischen Bevölkerung, was ja auch an der Desinformation liegt. Sie werden von uns etwas kritisch beäugt, einfach, weil sie Russen sind.

Aber wenn sie sich zu Hause klar positionieren, werden sie da auch geächtet. Das ist für sie eine ganz schwierige Situation, weil sie auch mit Repressalien zu rechnen haben. Deswegen finde ich es schwierig zu sagen, die sollen sich mal klar positionieren. Sie haben auch Familien, die sie in Sicherheit wissen möchten, und das ist in Russland ja nicht unbedingt der Fall, wenn man sich klar gegen den Staat und gegen die Regierung positioniert.

Sportschau: Eine Haltung zu haben, war auch für Sie als Sportschau-Experte während der Olympischen Winterspiele in Peking sehr wichtig. Wie haben Sie diese Spiele erlebt?

Diese Spiele waren ... sehr kurios. Vorher gab es große Bedenken, die ich teile. Ich war selbst ein großer Kritiker dieser Spiele, weil meine grundsätzliche Meinung ist, dass man durch die Vergabe von Olympischen Spielen keine Demokratieprozess anschiebt und keine Veränderungen herbeiführt. Das Gegenteil ist der Fall: Man legitimiert eine bestimmte Staatsform oder Regierung damit.

Es ist fast schon wie ein Qualitätsmerkmal, das man einem Staat anheftet. Das hat das Beispiel China gezeigt: Peking hatte 2008 schon die Sommerspiele und ich habe von außen keine Demokratisierung oder Verbesserung der Meinungsfreiheit erkennen können. Und Experten haben das auch nicht.

Sportschau: Das IOC scheint anderer Meinung zu sein. Das Argument war: So können wir hinschauen.

Damit macht man es sich meiner Meinung nach leicht. Das passt für mich nicht. 2014 wurde während der Paralympics die Krim annektiert und der Olympische Frieden schon gebrochen. Diese Taktik scheint also nicht zu funktionieren. Ich habe die Spiele in China vorher sehr kritisch gesehen. Dann passiert etwas - und darauf setzen natürlich auch Veranstalter und das IOC - wenn erstmal die ersten Medaillen und Emotionen kommen, verdeckt das die Kritik.

Da finde ich es bei den Übertragungen sehr schwierig, die Balance zu finden. Man möchte natürlich den Athletinnen und Athleten die Aufmerksamkeit geben und nicht alles madig machen. Es ist schwierig, neben der Freude über Medaillen auch klarzumachen: Grundsätzlich sind wir nicht damit einverstanden, dass die Spiele hier stattfinden.

Sportschau: Aus sportlicher Sicht hat eine deutsche Newcomerin fantastische Spiele absolviert. Wie sehen Sie die Entwicklung von Vanessa Voigt?

Ich bin ganz begeistert, weil sie sich im Laufen wirklich kontinuierlich verbessert hat. Man darf das auch glaube ich sagen: Vor drei Jahren hätte ihr das niemand zugetraut, dass sie überhaupt im Weltcup läuft. Dass sie dann auch noch eine Olympia-Medaille holt ... Sie hat eine wahnsinnige Entwicklung genommen. Das ist bei den Frauen eigentlich das größte Saison-Highlight gewesen - diese Entwicklung.

Sportschau: Die Biathlon-Saison ist vorbei - was machen Sie jetzt?

Biathlon schauen geht ja jetzt erstmal nicht mehr. Aber ich arbeite in der Spitzensportförderung der Bundespolizei und habe da auch mit vielen anderen Sportlern außerhalb des Biathlonsports zu tun. Es gibt zwölf Wintersportarten, die wir hier betreuen, da krieg ich auch einen Einblick, was bei den anderen so los ist, und das ist auch ein ganz netter Ausgleich.

Das Gespräch führte Julia Kleine

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