Wie groß ist das Doping-Problem im Tennis?

Robert Farah beim Spiel

Australian Open

Wie groß ist das Doping-Problem im Tennis?

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Der Doppel-Weltranglistenerste Robert Farah ist wegen eines positiven Dopingtests vorläufig suspendiert worden. Auch der Ranglisten-73. im Einzel, Nicolas Jarry, wurde zuletzt positiv getestet. Hat Tennis ein ernsthaftes Problem?

Die britische Zeitung "The Telegraph" wies in einem Artikel am Montag, an dem auch der Autor dieses Textes mitwirkte, darauf hin, dass es gleich mehrere Trainer im Profitennis gibt, die als Spieler gedopt haben. Und die heute Profispieler betreuen. Eine Situation, wie man sie vom Radsport kennt: Überführte Betrüger, die nach der Karriere Funktionen als Teamleiter ausführen. Und wie im Radsport gibt es auch im Tennis offenbar ein Schweigegelübde, wenn es um das Thema Doping gibt.

Farah verweist auf kontaminiertes Fleisch

Doch nun muss sich der Tennissport gleich mit zwei Dopingfällen auseinandersetzen, die beide am 14. Januar öffentlich wurden. Bei Robert Farah wurde in einer Probe das anabole Steroid Boldenon nachgewiesen. Der 33-jährige Kolumbianer gab an, er habe kontaminiertes Fleisch zu sich genommen. Sein Land habe damit massive Probleme. Er fügte gleich auch eine passende Studie des kolumbianischen olympischen Komitees bei. Das nationale landwirtschaftliche Institut hat diese Studie allerdings widerlegt. Farah wurde vom Tennis-Weltverband ITF vorläufig suspendiert.

Tennis: Robert Farah wegen Doping vorläufig gesperrt

Sportschau 15.01.2020 00:44 Min. Verfügbar bis 15.01.2021 ARD

Robert Farah

Robert Farah

Fragen zum Thema Doping gab es rund um den Auftakt der Australian Open dennoch so gut wie keine. Das bestimmende Thema war die schlechte Luftqualität aufgrund der verheerenden Waldbrände. Dabei gäbe es zahlreiche interessante Nachfragen. Zum Beispiel, was die anderen Spieler zu Nicolas Jarrys Probe sagen, die Spuren der Steroide Stanozolol und Ligandrol beinhaltete. Mit Stanozolol wurde schon der kanadische Sprinter Ben Johnson bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul überführt.

Argentinische Dopingfälle zwischen 2001 und 2006

Jarrys Onkel Martin Rodriguez, ein Argentinier, der Jarry bis Oktober trainierte, wurde nach Informationen des "Telegraph" 2003 wegen eines Dopingvergehens bestraft. Sowohl in der A- (12,8 ug/ml) als auch B-Probe (13,4) überschritt er den damals geltenden Grenzwert für Koffein deutlich. Seit 2004 steht Koffein nicht mehr auf der Verbotsliste, aber weil Rodriguez damals sein Vergehen vor dem ITF-Tribunal nicht vollständig aufklären konnte, wurden Preisgeld und Weltranglistenpunkte des Schweizer Turniers, bei dem der Argentinier positiv getestet worden war, gestrichen.

Rodriguez ist einer von gleich sieben Argentiniern, die zwischen 2001 und 2006 positiv getestet wurden. Mit Mariano Puerta gehörte ein French-Open-Finalist von 2005 zu den Sündern. Er wurde sogar zweimal überführt; unter anderem wurde Clenbuterol nachgewiesen, ein Asthmamittel, das in hoher Dosierung die Fettverbrennung ankurbelt und gerne in der Kälbermast eingesetzt wird. Auch der mehrmalige Tour-de-France-Sieger Alberto Contador wurde 2010 mit Clenbuterol auffällig.

Schwarzmans Trainer und die Vitamine

Die damals betroffenen Spieler wurden beim argentinischen Verband vorstellig und machten Druck. Verbände wie Frankreich und Spanien hatten schon damals vom Verband bezahlte Ärzte dauerhaft an der Seite ihrer Spieler, um diese professioneller zu behandeln und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Guillermo Coria, einer des überführten argentinischen Sextetts, stellte damals Dr. Angel Ruiz Cotorro an. Der spanische Verbandsarzt, seit dem 14. Lebensjahr für Rafael Nadal zuständig, kümmerte sich in der Folge um den Südamerikaner. "Er kümmert sich um alle spanischen Spieler und ihnen ist nie etwas passiert. Er ist sehr professionell und sauber", sagte Coria damals.

Der heute bekannteste Akteur, der damals überführt wurde, ist sicherlich Juan Ignacio Chela. Er trainiert heute den derzeit besten argentinischen Tennisprofi, den Weltranglisten 14. Diego Schwartzman. Dieser wurde nun in Melbourne zum ersten Mal überhaupt gefragt, ob er und sein Coach jemals über das Thema Doping und den positiven Fall von damals gesprochen hätten. Schwartzman unterbrach die Frage und erklärte: "Es war nur ein Versehen, ein Fehler, wir haben das besprochen. Er hat Vitamine genommen, die kontaminiert waren." Schwartzman pochte darauf, dass sein Trainer nach drei Monaten entlastet worden sei.

Unterlagen, die dem "Telegraph" vorliegen, erzählen eine andere Geschichte. Demnach beschwerte sich Chela damals, er habe von einem Arzt Testosteron in Pillenform verabreicht bekommen, die er für Vitamine gehalten habe. Die ATP, die Profispieler-Organisation, akzeptierte die Erklärung, dass Chela das Testosteron nicht absichtlich genommen habe. Er wurde nur drei Monate gesperrt.

Thiem verteidigt Jarry

Das Narrativ von den kontaminierten Vitaminen scheint auch heute noch zu funktionieren. Auch Jarry betonte, nur Vitamine zu sich genommen zu haben. Unterstützung bekommt er von einem der bekanntesten Spieler auf der Tour, Dominic Thiem. Der Österreicher sagte, dass Jarry sicher kein Doper sei. "Dafür ist er nicht der Spielertyp." Und überhaupt sei es lächerlich, wie sehr die Spieler in ihrer Nahrungsaufnahme eingeschränkt würden. 

Thiems Trainer Nicolas Massu ist gleichzeitig Jarrys chilenischer Davis-Cup-Kapitän. Auf Nachfrage berichtete Thiem in Melbourne daher auch, was laut Massu passiert sei. Jarrys Mutter habe ihrem Sohn Multivitaminpillen mit zu den ATP Finals im November in London gebracht - aus Brasilien.

Was Thiem vermutlich nicht weiß: In der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping: Brasiliens zwölfter Mann" wurde 2018 offengelegt, wie in Brasilien leistungsteigernde Medikamente in Ergänzungsmittel gemischt und verschleiert werden. Das muss natürlich nicht heißen, dass das in Jarrys Fall auch so war. Weltverband und WADA müssen nun klären, ob Sie die Erklärungen der Spieler für die positiven Tests schlüssig finden oder nicht.

Stand: 21.01.2020, 18:21

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