Rückkehr von Witthöft und Struff in der Favoritenrolle

Carina Witthöft und Jan-Lennard Struff

Start der DTB-Turnierserie

Rückkehr von Witthöft und Struff in der Favoritenrolle

Von Jannik Schneider

Während die Verantwortlichen der Grand-Slam-Standorte versuchen, eine Durchführung ihrer Großereignisse später im Jahr zu gewährleisten, startet in Deutschland am Dienstag eine vom nationalen Verband initiierte Turnierserie. Dort startet mit Carina Witthöft auch eine besondere Rückkehrerin.

Als Anfang Mai deutlicher wurde, dass der Deutsche Tennis Bund (DTB) eine eigene Turnierserie plant, da sickerten nicht nur bereits erste Infos zur Durchführung und zum Hygienekonzept durch. Erste Namen wurden publik. Einer davon: Carina Witthöft.

Die Teilnahme der 25-jährigen Hamburgerin ist die Überraschung bei der vom DTB mit Ausrichtern an elf Standorten organisierten Turnierserie "DTB German Pro Series". 32 Herren (ab Dienstag, 09.06.2020) und 24 Damen (ab kommender Woche) erhalten dabei die seit der Corona-Unterbrechung von vielen Seiten geforderte dauerhafte Matchpraxis zunächst in Vierergruppen, dann in Zwischenrunden und in einer K.o.-Phase. Noch wichtiger: Der DTB sorgt gemeinsam mit zwei Titel- und vier weiteren Sponsoren auch für etwas finanziellen Ertrag der Spieler.

Preisgeld im Profitennis normalerweise Peanuts

Abhängig vom Abschneiden der Spielerinnen und Spieler sind für die Profis pro Runde zwischen 1.000 und 4.000 Euro möglich. Im Profitennis sind derartige Beträge normalerweise Peanuts. "In diesen Tagen helfen diese kleinen Beträge aber, dass die Spielerinnen und Spieler aus der zweiten Reihe in Deutschland Einnahmen haben - da auch die Bundesliga dieses Jahr gestrichen wurde", sagt Jan-Lennard Struff gegenüber der Sportschau.

Der Weltranglisten-34. ist das Zugpferd der Turnierserie - und wohl am wenigsten auf diese Einnahmen angewiesen. Er muss sich wie alle Akteure an ein an die Fußball-Bundesliga angelehntes Hygienekonzept halten. Der 30-Jährige weiß, wie die Verantwortlichen um DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff und Sportdirektor Klaus Eberhard auch, wie wichtig diese Gelder nun für die deutschen Profispieler in den hinteren Reihen sind. Eigentlich sollen auch deutsche Tennistrainer indirekt von der Turnierserie profitieren. Die vom DTB angestoßene Idee wird aber gerade - zumindest öffentlich - nicht weiter vertieft. Ob ein Fonds zustande kommt, und wie die Verteilung genau aussehen soll, ist völlig unklar.

Carina Witthöft nimmt derweil nicht aus finanziellen Gründen an der Turnierserie teil. Die heute 25-Jährige hat bis zu ihrem letzten Profispiel in der Qualifikation der Australian Open 2019 bereits fast zwei Millionen US-Dollar Preisgeld eingespielt, generiert zudem mit ihrer Social-Media-Aktivität bis heute weitere Einnahmen.

Über letzteres diskutiert die Tennisszene mitunter mindestens so kontrovers wie sonst nur darüber, ob Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic der beste Spieler aller Zeiten sein wird. Witthöft polarisiert - noch immer.

Witthöft gilt als die Hoffnungsträgerin im deutschen Tennis

Dass sie nach einer 17-monatigen, selbstauferlegten Pause wieder zum Profitennis als Einzelspielerin zurückkehrt - mitunter war sie noch für ihren Hamburger Club an der Alster aktiv - , wird aber gemeinhin als positiv gewertet. In einer Zeit, in der die deutschen Asse um Angelique Kerber, Julia Görges und Andrea Petkovic im Spätherbst ihrer Karriere im Hintergrund das Ende ihrer Laufbahnen planen, gilt Witthöft in einer von Verletzungen geplagten neuen Generation noch immer als die Hoffnungsträgerin.

Doch nach mehreren Aufs und Abs, ihrem ersten WTA-Titel in Luxenburg 2017 und dem Einzug in die Top 50 der Weltrangliste begann eine sportliche Talfahrt. Die wurde von falschen Entscheidungen, Verletzungen und mentalen Problemen verstärkt. Anfang 2019 zog Witthöft die Reißleine - und verabschiedete sich auf unbestimmte Zeit vom Profitennis. Einige Beobachter sprachen gar vom Karriereende.

Stress und Verletzungen machten Witthöft zu schaffen

"Ich habe mir alles sehr zu Herzen genommen und war gegen Ende einfach überfordert mit der gesamten Situation", sagte Witthöft unlängst im Tennis- und Sportpodcast "Advantage". Als Tennisprofi müsse man mental und körperlich bei 100 Prozent sein. "Wenn man das mit Verletzungen und Stress nicht abrufen kann, reicht es auf dem Niveau nicht."

Kursierende Begriffe wie Depression waren ihr zu groß gewählt. "Dafür reflektiere ich zu viel - wie es mir geht und wie ich mich fühle, und soweit lasse ich es nicht kommen." Dennoch müsse man vom Kopf her mit voller Kraft dabei sein.

Ob die Teilnahme an der Turnierserie bedeutet, dass Witthöft auch mit Blickrichtung auf Tourtennis wieder voll dabei sein wird, das weiß die Rechtshänderin noch nicht. "Das mache ich davon abhängig, wie mein Körper auf Wettkampfbedingungen reagieren wird." Sie könne Stand heute noch nicht sagen: "Ich fange definitiv wieder an - oder ich höre definitiv dauerhaft auf. Das ist für mich auch nervig."

DTB-Turnierserie als Vorreiter für die Rückkehr zum Sport

Das deutsche Profitennis blickt gespannt auf die ersten Schläge der Rückkehrerin. Darüber hinaus ist das Welttennis sportlich und sportpolitisch in einer unübersichtlichen Phase. Sportlich gilt die DTB-Turnierserie als Vorreiter. Andere Veranstaltungen wie die von Djokovic initiierte Adria-Tour unter anderem in Belgrad warten in den nächsten Wochen mit größeren Stars auf. Auch Alexander Zverev nimmt dort teil. "Ohne finanzielle Zuwendungen", wie Djokovic bei der Vorstellung bekräftigte. Andere Events wie an der Mouratoglou-Akademie in Nizza werden wohl preisgeldorientierter sein. Im Juli kommen Nick Kyrgios, Zverev, Dominic Thiem (der auch ein eigenes Event in Kitzbühel plant), Julia Görges, Elina Svitolina und weitere Topspieler als Ersatz für das wegen Corona geplatzte neue Damen-Rasenturnier in Berlin zusammen. Sie spielen um je 300.000 Euro an zwei Standorten.

Corona-Restriktionen für US-Open stoßen bei Djokovic und Nadal auf Ablehnung

Größtenteils finanziell motiviert sind die ausufernden Bemühungen der US-Open-Veranstalter, ihr Großevent im Pandemie-Schwerpunkt New York Ende August durchzuführen. Die übliche Qualifikation soll gestrichen werden. Die Spieler sollen in Hotels am Flughafen wohnen und nur mit einer sehr geringen Personenzahl anreisen. Für viele Spieler der zweiten Reihe Alltag. Für die Topstars um Djokovic, die sonst mit großer Entourage für größtmögliche Professionalität reisen - unmöglich? "Die Restriktionen sind nicht umsetzbar. Wir brauchen unsere Trainer und Physiotherapeuten", sagte Djokovic im serbischen TV. Rafael Nadal ließ in einer virtuellen Presserunde durchblicken, dass auch er sich eine Teilnahme ohne Zuschauer nur sehr schwer vorstellen kann.

"Insgesamt ist das Szenario schwer vorstellbar. Aber ich würde lieber ohne Publikum spielen als gar nicht. Dann läuft für die Fans zumindest mal wieder Grand-Slam-Tennis im TV", sagt derweil Struff, der ab Dienstag zunächst mal bei der deutschen Turnierserie aufschlägt - und dort in den kommenden Wochen klarer Favorit ist.

Stand: 08.06.2020, 15:49

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