Radsport - überraschend positive Bilanz, ungewisse Zukunft

Primoz Roglic auf der 11. Etappe der Vuelta

Ende der einen, Beginn der nächsten Pandemiesaison

Radsport - überraschend positive Bilanz, ungewisse Zukunft

Von Tom Mustroph

Die letzten Trikots sind überreicht, die letzten Trophäen übergeben. Primoz Roglic erhielt am Sonntag (08.11.2020) zum zweiten Mal hintereinander das Rote Trikot des Vuelta-Siegers. Chris Froome durfte ebenfalls eine Trophäe mitnehmen - die für seinen nachträglich anerkannten Gesamtsieg 2011. Zeit für eine Bilanz der Radsportsaison.

Die fällt für den Profiradsport überraschend positiv aus. 91 Renntage der komprimierten Pandemiesaison fanden tatsächlich statt. Gut, manche Rennen mussten modifiziert werden. Die Vuelta verzichtete etwa auf ihren Ausflug auf die französische Pyrenäenseite zum Tourmalet. Sie bestand auch nur aus 18 Etappen anstelle der üblichen 21. Aber sie kam bis nach Madrid. So wie die Tour de France bis nach Paris kam und der Giro d'Italia nach Mailand. Lediglich 13 Renntage des neuen Kalenders mussten ein zweites Mal abgesagt werden.

"Fantastischen Job gemacht"

Das führt zu einer breiten Brust in der Branche. "Ich denke, die UCI und die Rennorgansiatoren von Tour, Giro und Vuelta haben einen fantastischen Job gemacht, vor allem, wenn man die ganzen Schwierigkeiten bedenkt", lobte Brian Holm, sportlicher Leiter des belgischen Rennstalls Deceuninck Quick Step. Holm blickt deshalb mit einer gehörigen Portion Optimismus in die Zukunft. "Ich denke, die Covid-19-Situation wird auch im nächsten Jahr nicht viel schlimmer sein als aktuell schon in Spanien. Und hier sind wir Rennen gefahren. Wieso sollte das nicht im nächsten jahr auch möglich sein?", sagte er im Sportschau-Interview.

Sein Kollege Marc Reef von deutschen Team Sunweb sieht es ähnlich. "Wenn man es auch in Zukunft so macht wie hier, dann sind Rennen überall möglich. Es gab keinen positiven Fall unter den Fahrern bei der Vuelta, nur wenige bei Tour und Giro. Das zeigt: Die Hygieneblase im Radsport funktioniert. Man kann ohne Probleme Radrennen organisieren", sagte Reef der Sportschau. Aktuell sitzen seiner Aussage zufolge auch Rennorganisatoren und der Weltverband UCI zusammen, um den Kalender für 2021 zu besprechen.

Erste Rennen für 2021 abgesagt

Erste Rückschläge gab es dort allerdings schon. Die Tour Down Under und das Cadel Evans Ocean Road Race, seit einigen Jahren willkommener Auftakt der World-Tour-Saison in der sommerlichen Hitze Australiens, wurden bereits abgesagt. Den Teams war das Risiko zu groß, bei An- und Abreise in eine jeweils 14-tägige Quarantäne zu müssen.

Weil Reisebeschränkungen auch andernorts drohen, könnten im nächsten Jahr vor allem Kurztrips für Eintagesrennen und kleinere Rundfahrten im Nahen Osten, China, Japan und Kanada zur Disposition stehen. Ein europäischer Radsportkalender 2021 deutet sich an.

Ralph Denk, Rennstallchef von Bora-hansgrohe, ist von solchen Aussichten nicht begeistert. "Der Radsport behauptet immer, er sei international. Dann muss er auch international stattfinden, auch auf den anderen Kontinenten", sagte er der Sportschau. Für das langfristige Überleben des Sports ist das auch wichtig. Viele Sponsoren interessiert der Zugang zu den Werbemärkten in Asien und Amerika.

Einnahmeausfälle durch Rennabsagen

Und auch die Teams sind ökonomisch auf einen dichten Rennkalender angewiesen. Einen Teil des Budgets bestreiten sie aus Antrittsprämien bei den Rennen. Da gab es in diesem Jahr harte Einschnitte. "Ich würde schon sagen, dass es einige Hunderttausend Euro sind, die uns aufgrund der wenigen Rennen an Startgeld entgangen sind", sagte Denk. Sein Rennstall könne dies auffangen, weil seine Sponsoren ihm weiter treu blieben und im Rahmen der vereinbarten Verträge weiter zahlten.

Bora-Manager Denk: Weniger Rennen, weniger Startgeld

Sportschau 09.11.2020 00:09 Min. Verfügbar bis 09.11.2021 ARD


Sponsorenflucht

Bei anderen Teams sieht es düsterer aus. Der polnische Sponsor CCC zieht sich zum Jahresende komplett aus dem Radsport zurück. Die Lizenz wurde vom belgischen Zweitdivisionär Circus-Wanty Gobert erworben, der auch die deutschen Profis Jonas Koch und Georg Zimmermann übernahm. Team NTT ist ebenfalls der Hauptsponsor abgesprungen. Die Zukunft ist ungewiss. Auf der Liste der Anträge für eine UCI-Lizenz für 2021 fehlte der Rennstall jedenfalls. Nur mit Gehaltskürzungen für Fahrer und Betreuer überlebten der US-Rennstall Education First - mit dem Vuelta-Dritten Hugh Carthy - und das australische Team Mitchelton-Scott.

Geringere Sponsoreneinnahmen versuchen manche Rennställe an die Fahrer weiterzugeben. "Man merkt schon die Tendenz, bessere Fahrer zu geringeren Preisen haben zu wollen", beschrieb ein ungenannt bleiben wollender Fahreragent gegenüber der Sportschau die Situation. Er fügte aber auch hinzu: "Es gibt auch Rennställe, die Gehälter von Spitzenfahrern erhöhen, um sie enger an sich binden zu können."

Der Radsport lebt also. Und der noch im Frühjahr während des ersten Lockdowns vom Deceuninck-Quickstep-Chef Patrick Lefevere befürchtete totale Kollaps des Profiradsports blieb aus.

Dellen und Beulen bei den Veranstaltern

Dellen und Beulen gab es aber, auch auf Veranstalterseite. Die Vuelta musste etwa mit einem um etwa 30 Prozent geringeren Budget auskommen - und zugleich Mehrausgaben von fünf bis sieben Prozent für die Hygienemaßnahmen aufbringen, erzählte Vuelta-Chef Javier Guillen. Mit solchen Extrakosten muss man auch für 2021 rechnen.

Entscheidend für die nächste Saison wird sein, wie viel Geld Städte und Gemeinden aufzubringen bereit sind, um Profirennen und damit auch Menschenansammlungen auf ihren Straßen  zu ermöglichen. Mit versprochenen Einnahmen aus dem Tourismus lassen sich solche Investments in Pandemiezeiten nur schwer begründen.

Wohl geringeres Werbevolumen

Und auch das Werbevolumen dürfte geringer ausfallen. Das war bereits in diesem Jahr bei der Tour de France so. "Wir haben unser Marketingbudget reduziert. Der Vertrag mit der ASO blieb auf dem vereinbarten Niveau, wir waren auf den Werbebannern und im Fernsehen weiter präsent. Aber wir hatten weniger Fahrzeuge in der Karawane und weniger Personen, die bei der Tour arbeiteten", sagte Adrien Eymard, Marketingverantwortlicher des Reifenherstellers Continental, der Sportschau noch während der Tour.

Finanziell wird die zweite Pandemiesaison für den Radsport also noch herausfordernder als die gerade abgelaufene. Risiken sind jetzt zwar besser kalkulierbar. Großer Unsicherheitsfaktor ist aber die Bereitschaft von Städten, Radrennen in Pandemiezeiten nicht nur zu gestatten, sondern auch beträchtliche finanzielle Mittel für sie aufzuwenden.

Stand: 10.11.2020, 08:00

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