Dan Lorang: "Radprofis brauchen das Erlebnis"

Dan Lorang

Interview mit dem Trainer von Bora-hansgrohe

Dan Lorang: "Radprofis brauchen das Erlebnis"

Der Luxemburger Dan Lorang ist einer der erfolgreichsten Ausdauertrainer. Er trainiert Radprofis des Teams Bora-hansgrohe sowie die Triathleten Jan Frodeno und Anne Haug. Im Interview mit sportschau.de spricht er über Training ohne Wettkämpfe.

Herr Lorang, wer gehört alles zu Ihrer Trainingsgruppe beim Team Bora-hansgrohe?

Dan Lorang: Pascal Ackermann, Emanuel Buchmann, Lennard Kämna, Gregor Mühlberger, Rafal Majka und Max Schachmann.

Wie geht es den einzelnen Fahrern?

Lorang: Sie nehmen es professionell. Alle können zum Glück draußen trainieren.

Wie halten Sie Verbindung mit ihnen? Hat sich da überhaupt etwas geändert im Vergleich zu einer normalen Saison, in der Sie mit den Sportlern ja meist auch nur aus der Ferne Kontakt halten?

Lorang: Es hat sich tatsächlich nicht so viel geändert. Sonst sind die Fahrer ja auch mehr als 180 Tage im Jahr unterwegs. Da sehe ich sie auch nur über Skype oder am Telefon oder über die Trainingsplattform. Was sich geändert hat, ist, wie man miteinander umgeht. Gewöhnlich hat man ein Rennen, auf das man sich vorbereitet. Das ist jetzt etwas in die Ferne gerückt, selbst wenn jetzt mit der Bekanntgabe des neuen Termins für die Tour de France wieder so ein Licht am Horizont aufgeht. Aber das sind alles sehr ambitionierte Sportler. Aber wir sind im Ausdauersport, und wenn man sich einmal die Leistungsentwicklung zum Beispiel von Emanuel Buchmann anschaut, sieht man, dass er von Jahr zu Jahr besser wird und auch konstanter. Und das kommt einfach vom Training. Wir haben von Anfang an die Philosophie gehabt, dass wir versuchen, sie über das Training besser zu machen. Nicht unbedingt über die Rennen.

Dann ist für Sie als Coach die Situation ja sogar ideal. Endlich stören die Rennen mal nicht beim langfristigen Leistungsaufbau, oder?

Lorang: So eine Situation wäre sicherlich für Maschinen perfekt, die einfach gewisse Programme immer wieder abarbeiten würden. Aber es sind Gott sei Dank Menschen. Und die trainieren ja, um erfolgreich bei Rennen zu sein. Sie brauchen auch dieses Erlebnis. Und das fehlt jetzt. Das kann man auch nicht durch Leistungstests ersetzen. Also muss man ein bisschen Umdenken. 

Wie ist das Training jetzt strukturiert?

Lorang: Es ist der ganz normale Aufbau mit ganz normalen Belastungs- und Entlastungsperioden. Man muss auch schauen, dass man nicht so viel macht. Denn Rennen bringen eine ganz normale Pause mit sich. Das fällt jetzt weg, weil die Rennen ja nicht mehr da sind. Man darf da als Trainer nicht denken, sie müssen das jetzt durchziehen, einfach nur, weil die Gelegenheit da ist. Man muss eher vorsichtiger sein. In den letzten Wochen habe ich eher das Training darauf konzentriert, die Sauerstoffaufnahme zu erhöhen, mit schön lockeren langen Einheiten auf der einen Seite und kurzen knackigen Einheiten auf der anderen. Jetzt hingegen kommt man in eine Phase, wo man auch mal die ersten Rennen simulieren muss, wo man in Belastungswechsel kommt und auch längere Anstiege gefahren werden.

Wie stecken die Fahrer die Situation mental weg?

Lorang: Sie wissen natürlich, dass wir jederzeit da sind für sie. Sie haben auch die Möglichkeit, mit einem Sportpsychologen zu reden. Einmal die Woche hole ich die Athleten, die ich betreue, in einer Videokonferenz zusammen. Da ist das Thema nicht: Was wird morgen trainiert? Sondern da wird dann nur insgesamt nach dem Befinden gefragt. Da wird auch geflachst und sich vielleicht mal über die Zimmerpflanzen von den Kollegen amüsiert. Es geht darum, gemeinsam ein bisschen Spaß zu haben. Denn das fehlt. Ich merke das auch daran, dass ein Sportler, der zwar gern ins Trainingslager geht, aber auch sehr gern sein eigenes Ding macht, mir auf einmal gesagt hat, dass er sich schon sehr auf das erste Trainingslager freue. Da merke ich: Oh, der soziale Kontakt fehlt dann schon. Mit den Videocalls und den Telefonaten versucht man das aufzufangen.

Für einige Ihrer Fahrer, für Maximilian Schachmann zum Beispiel, war der April ursprünglich ein erster Saisonhöhepunkt. Was macht man da mit der guten Form, die ja aufgebaut ist, und mit dem Frust darüber, das jetzt nicht in Rennen zeigen zu können?

Lorang: Ja, die Werte zuletzt waren sehr gut. Aber das gilt für alle Profisportler in sämtlichen Sportarten, die sich gerade vorbereitet haben. Das kann man jetzt nicht ändern. Wir können nur versuchen, das Beste draus zu machen und jetzt eben nicht zu sehr in Trauer zu verfallen. Man sollte das Positive mitnehmen und sagen: Du hast jetzt diese gute Form, und das ist genau richtig. Da können wir weiter darauf aufbauen und vielleicht auf ein neues Level kommen.

"Ständig zu hinterfragen, ist nicht produktiv"

Für wie realistisch halten Sie überhaupt den neuen Rennkalender, so wie er jetzt in Grundzügen vorliegt. Kann man die Tour de France Ende August tatsächlich als Ankerpunkt nehmen oder müssen Sie schon Plan B, C und D parat haben?

Lorang: Ich denke, man muss da ein bisschen unterscheiden. Wenn ich mit meinem Sportler über eine Tour de France rede oder über den Giro d'Italia, in jedem zweiten Satz aber sage: Aber es könnte ja sein, dass es sich nochmal verschiebt, dann wird man mir irgendwann nicht mehr zuhören und genau so sein Training machen. Der Athlet wird dann denken, wenn es weh tut: Ach, macht das überhaupt Sinn? Das heißt, wir nehmen den Termin jetzt erst einmal ernst und versuchen, auf diesen Ernstfall vorbereitet zu sein. Sollte es dann wieder zu einer Verschiebung kommen, werden wir darauf reagieren. Aber jetzt ständig das Ganze zu hinterfragen, ist nicht produktiv.

Aber Zweifel tauchen doch auf, sicherlich auch bei einzelnen Athleten?

Lorang: Natürlich reflektieren die Sportler das auch. Aber wir wissen auch, dass das Jahr noch lang werden kann. Es kann bis November gehen. Beeinflussen können wir nur das Jetzt. Wir arbeiten jetzt an der Form für August, für September, für November, für das nächste Jahr.  Es wäre schade, wenn wir die Situation jetzt nicht nutzen und uns dann im November ärgern. All das bedeutet aber auch, dass man jetzt gut dosieren muss und nicht die ganze mentale Energie komplett aufbraucht. Die benötigt man später auch noch.

Machen Sie sich Sorgen darüber, dass der Radsport nicht unbeschadet aus dieser Krise kommt?

Lorang: Ja, ich mache mir schon Sorgen, vor allem um sehr viele kleinere Teams und sehr viele kleinere Veranstalter. Die Sponsorensuche vor allem für die nächsten Jahre könnte schwieriger werden, selbst bei denen, bei denen es jetzt noch gut aussieht.

Mit Jan Frodeno betreuen Sie einen Athleten, der einen kompletten Ironman im Pool, auf dem Laufband und der Rolle zurückgelegt hat. Würden Sie nach diesen Erfahrungen auch einem Ihrer Straßenradsportler eine komplette virtuelle Rundfahrt ans Herz legen?

Lorang: Das ist keine Sache, die man jemandem empfiehlt. Das war auch eine Idee, die der Sportler selbst hatte, um Gelder für einen guten Zweck zu akquirieren. Ich habe nur geguckt, dass die Rahmenbedingungen so sind, dass er sich dabei nicht verletzt. Ich sage Immer, der Sportler definiert die Ziele, und ich kann jetzt nicht zum Sportler sagen: Jetzt fährst du mal die virtuelle Tour de Suisse.

Digital Swiss 5 - virtuelle Tour mit echtem Schweiß Sportschau 23.04.2020 01:59 Min. Verfügbar bis 23.04.2021 Das Erste

Wie sind eigentlich die Regeln, wenn einer der Sportler Symptome von Covid-19 hat. Wird dann noch weiter trainiert? Und was geschieht bei einem positiven Test?

Lorang: Wir haben den Fall bis jetzt im Team noch nicht, auch nicht mit den Triathleten, die ich betreue. Das ist ja eine Erkrankung, die vor allem auf die Lungenfunktion geht. Da muss man sicherlich im Nachgang immer mal wieder testen, ob die Lungenfunktion wieder zu 100 Prozent hergestellt ist. Es wäre auch ganz klar etwas, das man immer nur in Absprache mit den Medizinern beurteilt. Aber das gilt bei uns prinzipiell für alle Erkrankungen. Das wird im Dreieck Sportler, Arzt und Trainer besprochen. Und da passt man das Training an die Umstände an oder setzt es gegebenenfalls auch aus.

Das Interview führten Tom Mustroph und Michael Ostermann

Stand: 01.05.2020, 08:00

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