Paris-Nizza - bis zum bittersüßen Ende in Gelb

Podium von Paris-Nizza 2020

Analyse zu Paris-Nizza

Paris-Nizza - bis zum bittersüßen Ende in Gelb

Von Tom Mustroph (Valdeblore La Colmiane)

Das Coronavirus hat die Sportwelt zum Stillstand gebracht. Bis auf den Radsport. Dort wurde bis Samstag (14.03.2020) noch bei Paris-Nizza gefahren. Letztlich hat ein deutscher Sportler triumphiert. Und doch schwebte das Corona-Thema über allem.

Der Sport steht still in Europa, meistens jedenfalls. In Frankreich aber herrschen andere Gesetze. Zwar hat auch dort der Radsportverband alle Vereine und Organisatoren aufgefordert, Rennen abzusagen. Aber das galt nur auf Amateurniveau. "Paris - Nizza ist davon nicht betroffen", teilte Verbandssprecherin Sylvie Pasqualin der Sportschau mit.

Paris - Nizza konnte stattfinden. Gut, die Fernfahrt wurde um die letzte Etappe verkürzt. Der Rundkurs um Nizza, geplant für den Sonntag, wurde abgesagt. "Ich hatte keinen Vorteil davon. Die Etappe wäre mir eher entgegengekommen. Sehr schwer für mich war die Etappe am Samstag", sagte Maximilian Schachmann. Der Berliner gewann das Rennen dennoch. Erschöpft sank er am Ziel in Valdeblore La Colmiane auf den Boden. Er atmete tief durch. Dann sprang er jubelnd auf. "Es ist sicher der größte Erfolg für Max, und einer der größten für Bora hansgrohe", sagte Christian Pömer, sportlicher Leiter des Rennstalls.

Gelbes Trikot sorgt für "super Gefühl"

Ein paar bange Momente hatte er durchzustehen, gestand er: "Als am Beginn des Anstiegs der Vorsprung der Gruppe auf drei Minuten anwuchs, kam Unruhe auf. Wir wussten nicht, wie gut in Form Julian Alaphilippe war. Und Thomas De Gendt ist immer ein großer Motor in Fluchtgruppen. Dann aber lieferten unsere Fahrer eine gute Mannschaftsleistung. Und weiter oben auf dem Gipfel wussten wir, welche Wattzahlen Max dort bringen kann. Und wir wussten auch ganz gut, wozu die Kontrahenten in der Lage waren."

Das war der Sport. Und der Sieger Schachmann erfreute sich an dessen Ausgang. "Es ist ein super Gefühl, das Maillot Jaune, das Gelbe Trikot, mit nach Hause zu nehmen. Da geht ein kleiner Traum in Erfüllung", sagte er. Hat er auch schon das andere Gelbe Trikot, das der Tour de France, im Blick? "Das wird man später sehen. Einwochenrennen bin ich schon im vergangenen Jahr gut gefahren. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt", meinte er vorsichtig. Als zukünftigen Tour-Sieger will er sich noch nicht in Stellung bringen.

"Öffentliches Wohl sollte im Vordergrund stehen"

Dass sein bislang größter Erfolg unter denkwürdigen Umständen zustande kam, ist dem gebürtigen Berliner selbstverständlich auch nicht entgangen. "Es ist auf alle Fälle eine komische Situation. Ich denke, der DFB hat die Ligen ausgesetzt, die NBA findet nicht statt. Eigentlich findet gar nichts mehr statt, und wir fahren noch Rad. Ich hoffe, die zuständigen Behörden haben das richtig entschieden. Es sollte auch hier das öffentliche Wohl im Vordergrund stehen", sagte er.

Radprofi Schachmann: "Komische Situation" Sportschau 14.03.2020 00:21 Min. Verfügbar bis 14.03.2021 Das Erste

Selbst gefährdet fühlte er sich nicht. Andere Profis teilten diese Einstellung. "Die ASO hat viele Absicherungen getroffen. Es sind wenig Zuschauer da. Wir Fahrer sind immer dieselben, da hat sich nichts gemischt", meinte Sunweb-Profi Nikias Arndt. Natürlich, es gab auch schon positiv getestete Fälle im Radsport. Der Kolumbianer Fernando Gaviria steckte in den Vereinigten Arabischen Emiraten in Quarantäne. Aufregung gab es auch bei Paris-Nizza. "Wir hatten zwei Fälle mit verdächtigen Symptomen, einen bei Bora hansgrohe und einen bei Education First. Aber bei beiden handelte es sich um normale Erkältungen, nicht um Corona", teilte Olivier Aubry, Chefmediziner bei Paris-Nizza, mit.

Rennarzt: "Gut gerüstet für Notfälle"

Aubry, von Hause aus Anästhesist, hatte einige besondere Vorkehrungen getroffen: "Wir haben vor jeder Etappe alle Krankenhäuser in der Nähe der Strecke kontaktiert und uns nach ihrer Situation erkundigt. Sie waren, was die Bettensituation angeht, nicht überlastet. Einzig die Notaufnahme war stark frequentiert. Im Rennen fuhren wir mit einem Cabriolet, das mit einem Pfleger und mir besetzt war, unmittelbar hinter dem Feld. In der Kolonne der Fahrzeuge der sportlichen Leiter befanden sich drei Ambulanzen. Und dann hatten wir noch eine mobile Notfallstation ganz am Ende der Kolonne." Aubry fühlte sich gut gerüstet für Notfälle. Tests auf das Coronavirus hätte er selbst aber nicht vornehmen können. "Die Kits werden in Frankreich mittlerweile an die niedergelassenen Ärzte verteilt. Aber die Auswertungen erfolgen in Labors. Das können wir nicht", sagte er.

Keine Schlussetappe - Erleichterung im Fahrerfeld

Im Fahrerfeld war Erleichterung zu verspüren, dass die Ausnahme, eben Radrennen zu fahren, während die meisten anderen Sportwettkämpfe abgesagt werden, am Samstagabend beendet war. "Es war schon etwas komisch. Auch, weil man nie so genau wusste, ob es am nächsten Tag noch weiter geht oder nicht. Jetzt ist Schluss, das bringt etwas Klarheit in die ganze Sache", meinte Nico Denz, Profi bei Sunweb.

Die Klarheit besteht darin, zumindest bis Anfang April keine Rennen mehr zu fahren. Wie es danach weiter geht, weiß allerdings niemand. "Auf dem Plan steht die Flandernrundfahrt", sagte John Degenkolb, ebenfalls bei Paris-Nizza dabei. Er zuckt aber mit den Schultern, deutet an, dass er selbst nicht so recht an einen Start dort glaubt. Selbst bei seinem Lieblingsrennen Paris-Roubaix ist er sich nicht sicher, ob es im April überhaupt stattfinden kann.

Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen

Für Maximilian Schachmann war als nächster großer Event der Giro d’Italia vorgesehen. Ob es zum Giro kommt, und wenn ja, wann ein Termin im Kalender gefunden wird, ist fraglich. "Es ist sicher leichter, für Eintagesrennen wie Mailand-Sanremo noch einen Platz zu finden. Je länger die Rennen gehen, desto schwieriger wird das", zeigte sich Kjell Carlström, Manager des Nils Politt-Rennstalls Israel Start Up Nation, in einem Telefonat mit der Sportschau skeptisch. Sein Team hatte sich noch einen Tag früher von Paris-Nizza verabschiedet. Hauptmotiv war, dass angesichts der verschärften Reiseregelungen in einigen Ländern Fahrer befürchteten, nicht mehr rechtzeitig nach Hause zu gelangen. Die Angst davor ist bei den jungen Sportlern größer als die Befürchtung, sich den Virus selbst zu holen.

Schachmann: "Ein schöner Moment, aber ..."

Sportschau 14.03.2020 00:20 Min. Verfügbar bis 14.03.2021 ARD


Diese Art Sorge wird den Radsport weiter begleiten, vor allem dann, wenn wieder Rennen stattfinden. Dass es vor Mitte Mai wieder losgeht, glaubten am bislang letzten Renntag des Profiradsports nur die ganz großen Optimisten. "Im Moment gibt es für Europa größere Sorgen als den Radsport. Die müssen jetzt bewältigt werden. Und ich hoffe, das kriegt man in den Griff und alle ziehen an einem Strang", sagte Maximilian Schachmann. Das ist eine würdige Aussage für einen Träger des Gelben Trikots, selbst wenn es sich nur um das Leibchen der kleinen Rundfahrt durch Frankreich handelt.

Stand: 14.03.2020, 21:36

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