Hallenhockey-EM: Hockeybund gefangen in der Zwickmühle

Hallenhockey Spielszene

Hockeynationalmannschaft bei EM mit B-Team

Hallenhockey-EM: Hockeybund gefangen in der Zwickmühle

Von Jan Wochner

Deutschlands beste Hockeyspieler fehlen bei der Hallen-EM wegen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio. Was merkwürdig klingt, sei alternativlos, meint der Deutsche Hockey Bund.

Es ist nicht übertrieben, von Hockeybegeisterung in Berlin zu sprechen. Hallenhockey ist ein torreicher Sport, dazu rasant und meist spannend. Schlichtweg hoch attraktiv für die Zuschauer. Deutschlands Hockeynationalmannschaften zählen dazu unter dem Hallendach zur absoluten Weltspitze. Dass die Spiele der Europameisterschaft in Berlin fast restlos ausverkauft sind, überrascht also nicht.

Olympia hat oberste Priorität

Nur werden die Fans im Berliner Horst-Kober-Sportzentrum vergeblich Ausschau halten nach Deutschlands besten Hockeyspielern. Denn die spielen längst wieder auf dem Feld, bereiten sich bei einem Lehrgang in Spanien unter Leitung des neuen Bundestrainers Kais Al Saadi auf die Olympischen Spiele im Sommer vor. "Das bringt uns in Erklärungsnöte, aber wir versuchen diese strategische Entscheidung immer wieder sachlich und ganz in Ruhe zu erklären", sagt Heino Knuf, Sportdirektor des Deutschen Hockey-Bundes (DHB).

Das Prinzip im Hockey ist einfach. Im Sommer wird unter freiem Himmel auf dem Feld gespielt, im Winter gibt es den Budenzauber auf beengtem Raum unter dem Hallendach. Klar ist aber auch: Die Olympischen Spiele genießen beim DHB allerhöchste Priorität. Alles andere muss dafür weichen und zurückstecken. Auch eine Heim-EM in der Halle, die eigentlich eine große Chance für den Sport eröffnet. Erinnerungen werden wach an die Heim-WM vor zwei Jahren, ebenfalls in Berlin. "Da haben wir alle Gänsehaut gehabt, die Spieler waren angesichts der Stimmung in der Halle elektrisiert", erinnert sich Knuf.

Hockey liefert regelmäßig Olympiamedaillen

Heino Knuf

DHB-Sportdirektor Heino Knuf

Die Hallen-WM war beste Werbung für die Sportart. Trotzdem entschied sich der DHB ohne Umschweife dagegen, Deutschlands beste Spieler für die Hallenhockey-EM freizustellen. Dem Verband bleibt auch kaum etwas anderes übrig. Der DHB ist abhängig von öffentlichen Fördergeldern. Rund drei Millionen Euro gibt es vom Bund für die Olympia-Teilnahme, die genaue Höhe ist erfolgsabhängig. Und olympisch ist allein die Hockeyvariante auf dem Feld. Hallenhockey ist keine olympische Sportart.

Deutschlands Hockeyherren lieferten verlässlich: Bronze 2004, Gold 2008, Gold 2012, Bronze 2016. Scheitern ist bei Olympia verboten. Doch die Angst geht um im deutschen Hockey, dass die Erfolgsserie in Tokio enden könnte. Bei den vergangenen zwei Europameisterschaften und der jüngsten Feld-WM blieben Deutschlands Herren medaillenlos. Die Qualifikation für Tokio gelang nur über den Umweg der Relegation.

Pensum für Nationalspieler erhöht

Der Verband hat das Pensum für die Feld-Nationalspieler deshalb noch einmal erhöht. Mehr Lehrgänge, mehr gemeinsame Trainingseinheiten, mehr Vorbereitungsspiele. Nach Vorbild der Belgier, bei denen die Nationalspieler über weite Strecken des Jahres zentralisiert trainieren. Belgien gilt als Topfavorit auf Olympia-Gold.

"Für uns bedeutet das einen Spagat, der immer größer wird", erklärt DHB-Sportdirektor Knuf, der in einer Zwickmühle steckt. Eine Abstellung der besten Spieler für die Heim-EM in der Halle, würde automatisch negative Folgen für die Feld-Vorbereitung mit Blick auf Tokio 2020 haben. "Die Belastung für unsere Nationalspieler wird immer größer. Es gibt Zwänge, die wir nicht ignorieren können", stellt Knuf klar. Der Deutsche Hockey Bund braucht die Erfolge in Form von Edelmetall bei Olympia, ansonsten drohen massive finanzielle Einschnitte.

Generation Zukunft in Berlin

Paul Dösch

U21-Kapitän Paul Dösch

"Natürlich würden wir gerne mit dem Olympiakader hier antreten", gibt EM-Bundestrainer Valentin Altenburg offen zu. "Aber das geht mit Blick auf die Belastung gar nicht." Dass mit Altenburg mehr oder weniger ein Ersatz-Bundestrainer in Berlin aushilft, sagt viel aus über das Dilemma, in dem das deutsche Hockey gefangen ist. In Berlin tritt die Generation der Zukunft an. Angeführt von Kapitän Paul Dösch aus Berlin, der im Sommer nach 20 Jahren erstmals wieder mit der U21 den Europameistertitel nach Deutschland holte.

"Hallenhockey ist für ein Erfolgsbaustein, denn hier entwickeln wir unseren Nachwuchs auf höchstem Niveau", sagt Heino Knuf. Und Deutschland habe bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass es auch mit der B-Nationalmannschaft in der Halle durchaus um internationale Titel mitspielen kann. Die Zuschauer in Berlin dürfen sich trösten, dass sie zumindest so etwas wie den mutmaßlichen deutschen Olympiakader 2024 spielen sehen dürfen.

Stand: 17.01.2020, 09:25

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