Darts in Deutschland: Es gibt noch viel zu tun

Von links nach rechts: Clemens, Hopp, Kurz

Vor der Darts-WM

Darts in Deutschland: Es gibt noch viel zu tun

Von Kevin Barth

In der kommenden Woche startet in London die Darts-Weltmeisterschaft. In Deutschland sind die Erwartungen wieder einmal groß, aber noch nie ist ein deutscher Spieler ins Achtelfinale gekommen. Wie sieht es in diesem Jahr aus? Eine Bestandsaufnahme.

Die Weltrangliste der Professional Darts Corporation (PDC) gibt bei einem Blick auf die Top 20 ein sehr britisches Bild ab. Neben dem dreimaligen Weltmeister aus den Niederlanden Michael van Gerwen finden sich dort aber auch Nationen wie Belgien, Portugal, Polen und Österreich. Erst auf Platz 31 folgt der beste Deutsche. Der Weg in die Weltspitze ist trotz positiver Entwicklungen noch weit. Professionalität und Nachhaltigkeit sind die größten Probleme.

Hopp als unerfülltes Versprechen

Beispiel Max Hopp: Der 24-Jährige ist schon seit Jahren ein Versprechen für die Zukunft, das sich nicht so richtig erfüllt. Mit 16 war der Hesse der zweitjüngste WM-Teilnehmer aller Zeiten, anschließend wurde er Jugend-Weltmeister und 2018 erreichte er das Halbfinale der Europameisterschaft. Seitdem konnte Hopp zu selten überzeugen und ist in der Weltrangliste um mehr als 15 Plätze auf Platz 39 (Stand 30. November 2020) gefallen. Wie es gehen kann, zeigt der Engländer Nathan Aspinall. 2015 verlor er das Finale der Jugend-WM gegen Hopp, inzwischen stand er schon zweimal im Halbfinale der großen Weltmeisterschaft und ist in der Weltspitze angekommen.

Gabriel Clemens: "Vorfreude, aber nervös bin ich nicht" Sportschau 10.12.2020 07:46 Min. Verfügbar bis 10.12.2021 Das Erste

Hopp selbst macht sich trotz des aktuellen Negativtrends keine Sorgen. "Ich sehe meine Entwicklung eigentlich relativ gut und relativ gesund. Ich habe jetzt einige WM-Teilnahmen, ich hatte Höhen, ich hatte Tiefen, bin aber immer drangeblieben", sagte er der Sportschau. Bei der Weltmeisterschaft (15. Dezember bis 3. Januar) spielt Hopp zum Auftakt gegen den Australier Gordon Mathers. Erst im Achtelfinale ist ein Duell mit einem Spieler aus den Top 10 möglich.

Die Einstellung fehlt

Aufgrund mangelnder Einstellung muss man sich fragen, ob in Deutschland überhaupt mehr möglich ist. Die Professional Darts Corporation findet den deutschen Markt wichtig und sieht dort viel Potenzial. Deshalb finden viele Turniere mit guten Preisgeldern in Deutschland statt. Den Spielern wird also der rote Teppich ausgerollt, aber nur wenige nutzen diese Chancen.

Ein positives Gegenbeispiel verkörpert Gabriel Clemens. Er löste Anfang November Max Hopp als deutsche Nummer eins ab. Der 37-Jährige hat sich erst vor drei Jahren dazu entschlossen, Profi zu werden und sich bis heute stetig nach oben gearbeitet. "Dass ich jetzt schon in den Top 32 stehe, konnte man vor drei Jahren vielleicht nicht wirklich sagen", analysiert Clemens im Gespräch mit der Sportschau. "Man ist aber natürlich Sportler, man will immer soweit wie möglich nach oben. Es gibt immer nur das eine Ziel." Die ganz großen Erfolge bei TV-Turnieren bleiben bislang aber auch bei ihm aus. Da er bei der WM schon im zweiten Spiel auf Weltmeister Peter Wright treffen könnte, sollte man sie dort nicht unbedingt erwarten.

Privilegien ohne Widerhall

Generell verzichten die wenigen deutschen Profis auf ein Management, das ihnen Arbeit abseits der Dartsscheibe abnehmen könnte, wenn es zum Beispiel um die schwierige Suche nach Sponsoren geht. Sie greifen auch nicht auf ehemalige Spieler aus Großbritannien oder der Niederlande zurück, die ihre Dienste als Coaches anbieten. Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich gut, denn Deutschland genießt im Dartssport seltene Privilegien wie einen festen WM-Startplatz. Der wird in der deutschen Super League ausgespielt. Knapp die Hälfte der Teilnehmer hat allerdings keine Profiambitionen.

Ein Beispiel dafür ist Nico Kurz aus Nidderau, der mit viel Talent gesegnet ist, aber bislang nicht viel daraus macht. Er hat sich dieses Jahr das WM-Ticket über die Super League gesichert. Schon bei der vergangenen Weltmeisterschaft überzeugte der 23-Jährige mit unaufgeregten, guten Leistungen. Danach arbeitete er allerdings weiter als Industriemechaniker. "Ich liebe meinen Beruf und mein Hobby Darts", erklärte er kürzlich der "Oberhessischen Presse". "Es wäre zwar gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht gerne Profi wäre, aber ich mache mir einfach keinen Stress."

Vorbild Niederlande

Ein Vorbild in der Spielerentwicklung sind die Niederlande. Dort gibt es aktuell 16 Profis, das sind dreimal so viele wie in Deutschland. "Wir sind ein kleines Land und deshalb spielen die Besten öfter gegeneinander, als in anderen Ländern", erzählt der niederländische Journalist Patrick Bus gegenüber der Sportschau. Die Nachwuchsförderung ist deutlich größer, Darts steht sogar in den Schulen auf dem Stundenplan. Hier hat Deutschland noch Nachholbedarf.

Abgesehen davon haben die Niederlande etwa zehn Jahre Vorsprung. 1998 löste Raymond van Barneveld mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft einen Boom aus. Solche Erfolge würden wohl auch in Deutschland positive Entwicklungen beschleunigen. Bei unseren Nachbarn liegt der Fokus außerdem schon immer auf nur einer Darts-Variante: Das von der WM bekannte Steeldarts ist sehr verbreitet. In Deutschland ist dagegen Elektronik-Darts immer noch deutlich beliebter. Hier werden Plastikspitzen und oftmals leichtere Pfeile verwendet, die nicht in der Scheibe stecken bleiben müssen.

Mit solchen Voraussetzungen wird es für den deutschen Dartssport schwer, in den nächsten Jahren über einen Platz in der zweiten Reihe hinauszukommen. Nur einem überaus talentierten Einzelkämpfer ist der ganz große Wurf zuzutrauen. Vielleicht handelt es sich dabei auch um einen Spieler, der bislang noch gar nicht in Erscheinung getreten ist. Dass Erfahrung nicht schaden kann, zeigt ein weiterer Blick auf die Weltrangliste. Mehr als die Hälfte der Spieler unter den ersten 20 ist 40 Jahre oder älter.

Stand: 11.12.2020, 11:48

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