DOSB-Marketingchef: "Wir hätten eine 'Trimm Dich'-Kampagne bitter nötig"

DOSB-Marketingchef Florian Frank

50 Jahre Trimm Dich

DOSB-Marketingchef: "Wir hätten eine 'Trimm Dich'-Kampagne bitter nötig"

Vor 50 Jahren rief der Deutsche Sportbund (DSB) die "Trimm Dich"-Bewegung ins Leben. Der DSB ist inzwischen im DOSB aufgegangen. Dessen Marketingchef Florian Frank erklärt im Interview, warum eine solche Kampagne auch heute noch relevant wäre.

Sport inside: Der Trimmy vor dem DOSB-Gebäude sieht aus wie das Denkmal einer ganz großen Erfolgsgeschichte. Wird das hier auch so gesehen?

Florian Frank: Definitiv. Trimmy ist Kult, Trimmy gehört zum DOSB, Trimmy ist der Sportler schlechthin.  Und deshalb ist es auch wichtig, dass das Denkmal vor der Tür steht und nicht nur die olympischen Ringe glänzen.

Sport inside: Ist die "Trimm Dich"-Kampagne die größte Erfolgsgeschichte, die der Sportbund in seiner Geschichte zu verantworten hat?

Frank: Die "Trimm Dich"-Bewegung gilt nach wie vor als die größte soziale Kampagne, die die Bundesrepublik jemals gesehen hat. Mit einer Reichweite und einer Bekanntheit, die heutzutage in der Mediengesellschaft ihr übriges suchen würde. 

Sport inside: Hat die Entstehung der Kampagne mit den dicken Wirtschaftswunder-Deutschen zu tun?

Frank: Ja, das sind die dicken Wirtschaftswunder-Deutschen, die plötzlich mehr Freizeit hatten als Arbeitszeit und nicht wussten, was sie damit tun sollten. In der Vergangenheit war es nicht so, dass man mal aufs Fahrrad gestiegen oder zum Schwimmen gegangen ist. In den Siebziger Jahren hat Jürgen Palm, Breitensport-Chef beim Deutschen Sportbund, in Skandinavien die "Trimm Dich"-Bewegung kennengelernt. Es ging nicht um Wettkampf, sondern die Bewegung als Selbstzweck. Palm meinte, dass wir auch in Deutschland etwas brauchen, das den Menschen Spaß an der Bewegung bringt. Die Eröffnungsrede, die vor 50 Jahren gehalten wurde, könnte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn heute noch genau so halten. Da ging es um Zivilisationskrankheiten, Bewegungsarmut, um zu viel Sitzen und Koordinationsstörungen bei Kindern, die das Gesundheitssystem belasten. Das alles waren Argumente für die "Trimm Dich"- Bewegung. Und eigentlich ist das so aktuell wie noch nie.

Sport inside: Die Bewegung wurde ja auch von vielen großen Politikern und Leuten aus der TV-Unterhaltung getragen.

Trimm Dich! sport inside 11.03.2020 10:13 Min. UT Verfügbar bis 11.03.2021 WDR

Frank: Es war eine Mischung. Alles war von Anfang an als Mitmach-Kampagne geplant. Dass der Sport einen Impuls in die Gesellschaft hineinsetzt und möglichst viele Gruppen der Gesellschaft mit einbinden kann. Wir haben in der Politik mit der Lobbyarbeit angefangen. Man hat ja enge Verbindungen zum Bundespräsidenten, der nach wie vor Schirmherr ist. Der DOSB versucht nicht, diese Menschen nicht vor den Karren zu spannen, aber für diese Kampagne zu gewinnen, die ja was Positives ist, die Gesundheit und Lebensfreude ausdrückt. Und das ist in der Politik sehr gut gelungen und mit der Zeit dann eben auch in die Medien übergeschwappt. Frank Elstner war der Vorturner der Nation, der Botschafter der "Trimm Dich"-Bewegung, der das auch ins Fernsehen gebracht hat. Und letztendlich konnte sich irgendwann keiner mehr verschließen. Von Peter Frankenfeld angefangen, der Platten aufgenommen hat über alle möglichen anderen Showstars, die sich für einen Termin zur Verfügung gestellt haben. Und man hat auch von Anfang an kein exklusives Konzept gefahren, was auch sehr, sehr förderlich war. Man hatte beispielsweise keine Ausschlusskriterien wie: wir dürfen nur mit Adidas oder wir dürfen nur mit Puma. Die durften alle mitmachen, jeder hat sich quasi eine Lizenz kaufen dürfen und dann seine Produkte mit Trimmy verbinden können oder mit der "Trimm Dich"-Bewegung und seine eigenen Akzente setzen können. So hat die Erfolgsgeschichte ihren Lauf genommen.

Sport inside: Ist so etwas heute in vergleichbarer Form noch vorstellbar?

Frank: Ich glaube, es war wirklich eine sehr unschuldige Welt, aber nicht nur von der wirtschaftlichen Seite, sondern auch von der medialen Seite. Wir hatten damals zwei Fernsehsender und Regionalprogramm, mittlerweile haben wir ein paar mehr. Und deswegen ist es natürlich auch wahnsinnig schnell gegangen, einen Bekanntheitsgrad aufzubauen und eine Reichweite zu generieren. Ich weiß nicht genau, welche Einschaltquoten Peter Frankenfeld hatte. Aber wenn der einmal die Kampagne erwähnt hat, dann kannte sie die halbe Republik. Und der Rechteinhaber, der Deutsche Sportbund, hat, würde ich mal sagen, Wildwuchs zugelassen. Es gab Brauereien, die das Trimm-Logo auf Bierdeckel gedruckt haben, was vielleicht bei einer Gesundheitskampagne nicht unbedingt sein muss. Aber damals hat man mit einem Augenzwinkern zugeguckt und gesagt, dass das alles der Reichweite, der Bekanntheit hilft. Trimmy war ja eine Figur, die letztendlich den Durchschnittsdeutschen verkörpern sollte. Nicht den Superstar, nicht den durchtrainierten Athleten, den man jetzt vielleicht ins Fenster hängen würde, sondern den durchschnittlichen Deutschen, der auch mal mit einer Tüte Chips auf der Couch sitzt und sich Fußball anguckt. Der aber dann trotzdem mal eine Sportart ausprobiert.

Sport inside: Die Vereine hatten signifikanten Mitgliederzuwachs. Das hat sich dann ja nicht weiter fortgesetzt.

Frank: Ursprünglich war das nicht die Absicht, das war eher ein Nebeneffekt, der die Menschen zu Freizeit und zu Sport im Verein getrieben hat. Innerhalb der ersten zehn Jahre haben sich damals die Vereinsmitgliedschaften verdoppelt. Letztendlich haben wir bis auf einige kleinere Dellen nach wie vor ein Wachstum der Vereinsmitgliedschaft. Aber es ist nicht mehr so, dass jedes Kind automatisch in einen Verein geht und der 30-Jährige noch im Verein ist. Wir haben vor allem im Seniorenbereich eine hohe Durchdringung und im Kindesalter ein Riesenloch ab dem Alter von 14, 16, 18 Jahren bis Ende 30. Und dann kommen die Leute wieder zurück in den Verein. Die Konkurrenzsituation für die Vereine ist natürlich eine ganz andere als in den 70er Jahren, wo es noch keine Fitnessstudios gab, wo es noch keine freien Sportangebote oder keine Anbieter gab, die sich als Personal-Trainer angeboten haben.

Sport inside: Heute geht Sporttreiben mehr in Richtung Individualisierung und Selbstoptimierung. Ist das eine andere Welt?

Frank: Ich würde nicht sagen eine andere Welt. Für viele ist es ja auch ein Einstieg, beim Sport mit einer App zu arbeiten. Generell zeichnet die Vereine in Deutschland das Gemeinschaftsgefühl und die Geselligkeit aus. Das ist etwas, was man ihnen nicht absprechen kann und was auch die hohe Bindung an den Verein bewirkt. Die wenigsten Menschen treten ja ein und wieder aus, wie das vielleicht eher beim Fitnessstudio der Fall ist, wo man sich ein Abo kauft und dann auch wieder auflöst. Aber nichtsdestotrotz haben die Menschen generell eine höhere Bindungsangst, wenn man es mal so nennen will. Und den Trend zur Individualisierung trifft ja andere Einrichtungen genauso, etwa politische Parteien, die Kirchen oder ähnliche Institutionen. Man will sich eben nicht mehr unbedingt lebenslang binden.

Sport inside: Wenn Sie als Marketingmann die Kampagne heute neu starten könnten, wie würden sie das angehen?

Frank: Genauso wie damals. Die "Trimm Dich"-Bewegung ist eine sensationelle Zusammenführung von cleveren Menschen gewesen, die sich jeden Montag hingesetzt, die neuesten Trends analysiert und die Kampagnen dann geplant und gedacht haben. So wie damals gearbeitet wurde, würde ich mir es heute wünschen. Und es gab tatsächlich diese Montage, an denen sich die Marketingleute, aber auch die Menschen, die im damaligen Deutschen Sportbund inhaltlich für Bewegung zuständig waren, getroffen und gefragt haben: Was machen wir in den nächsten zwei Wochen? Und dann hat man einen Sprint hingelegt, hat in den zwei Wochen die Ideen umgesetzt, hat vielleicht das nächste Plakat entworfen und hat sich zwei Wochen später wieder hingesetzt und neue Ideen entwickelt. Das war großartig.

Sport inside: Haben wir denn nicht heute eine ähnliche Situation wie damals?

Frank: Man könnte diese Kampagne genauso wieder machen. Wir haben immer noch die dicken Deutschen. Die Statistiken zeigen, dass wir zwar so viele Bewegungsangebote haben wie noch nie. Aber wir haben trotzdem genau die gleiche Situation : Es gibt immer noch Koordinationsprobleme bei Kindern, wir haben immer noch eine höhere Diabetes 2 Entwicklung, über 50 Prozent der Bevölkerung sind fettleibig oder zu dick, weil sie zu viel vor dem Bildschirm sitzen und weil sie vielleicht auch nicht mehr in ihrem angestammten Bewegungsverhalten drin sind, das sie früher mal gelernt haben. Und deswegen haben wir nach wie vor die Situation, in der wir eine "Trimm Dich"-Kampagne bitter nötig hätten.

Stand: 13.03.2020, 19:43

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