Tour de France: Kwiatkowski und Carapaz retten Ineos

Michal Kwiatkowski (r.) und Richard Carapas

Etappensieg und Bergtrikot

Tour de France: Kwiatkowski und Carapaz retten Ineos

Von Michael Ostermann (La Roche-sur-Foron)

Jahrelang dominierte das britische Team Ineos Grenadiers die Tour de France. Doch diesmal ist die Macht der Equipe gebrochen worden. Nach dem Ausstieg von Vorjahressieger Egan Bernal retten Michael Kwiatkowski und Richard Carapaz dem Team auf der 18. Etappe die Tour.

Natürlich gab es eine Absprache, wieso auch nicht. Schon sieben Kilometer vor dem Ziel begannen sich Michal Kwiatkowski und Richard Carapaz auszutauschen. Zwischendurch hielt Kwiatkowski noch ein paar Mal über Funk Rücksprache mit der sportlichen Leitung im Teamfahrzeug. Es war zu klären, wer von den beiden Radprofis vom Team Ineos Grenadiers die 18. Etappe der Tour de France in La Roche-sur-Foron als Sieger beenden würde.

Kraftakt für die "gute Show"

"Ich hätte das mit Richard lieber bei einer Tasse Kaffee geklärt. Bei 40, 50 Stundenkilometern auf dem Rad ist das nicht so einfach", sagte Kwiatkowski, auf den schließlich die Wahl gefallen war. Carapaz hatte sich im Verlauf der Etappe an den fünf kategorisierten Anstiegen die nötigen Punkte verschafft, um sich das gepunktete Bergtrikot überstreifen zu lassen, das er nun ziemlich sicher auch bis Paris tragen wird. Beide hatten also ihren Moment auf dem Podium.

18. Etappe - die Stimmen Sportschau 17.09.2020 02:00 Min. Verfügbar bis 17.09.2021 Das Erste

"Wir haben heute eine gute Show geliefert", fand Kwiatkowski. Allerdings war es ein ziemlicher Kraftakt gewesen, diese Show auf die Tour-de-France-Bühne zu bringen und die Rundfahrt für Ineos Grenadiers doch noch zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Denn natürlich ist die Mannschaft vor drei Wochen nicht für einen Etappensieg und das Bergtrikot nach Frankreich gereist. Das ursprüngliche Ziel war der Gesamtsieg, den die Mannschaft seit 2012 fast durchgängig Jahr für Jahr feiern konnte.

Plötzlich neue Ziele

Doch der Kapitän und Vorjahressieger Egan Bernal schwächelte schon auf der ersten schweren Alpenetappe am Grand Colombier, verlor viel Zeit auf das Gelbe Trikot und gab das Rennen am Mittwoch vor der Königsetappe schließlich ganz auf. Rücken- und Knieprobleme gab er als Begründung für seine Aufgabe an. Zurück ließ er ein Team, dass sich in der dritten Woche neu orientieren musste. "Wir wollten kollektiv diesen Etappensieg", berichtete Kwiatkowski. "Aber es war nicht leicht, sich auf neue Ziele zu fokussieren."

Bei keiner anderen Mannschaft lag der Fokus in den vergangenen Jahren derart auf dem Gelben Trikot wie bei dem 2011 unter dem Namen Sky ins Leben gerufene Team von Sir David Brailsford. Angefangen von Bradley Wiggins über Christopher Froome (vier Mal) und Geraint Thomas bis hin zu Bernal, der die Tour im vergangenen Jahr gewann, hat das Team seit 2012 sieben Mal den Toursieger gestellt. Lediglich 2014 konnte sich der Italiener Vincenzo Nibali das Gelbe Trikot sichern, weil Froome das Rennen nach einem Sturz aufgeben musste.

Angefeindete Dominanz

Diese Dominanz des britischen Teams schien das Rennen zu ersticken. Vorne im Feld bestimmte die Mannschaft das Tempo und ließ den anderen kaum Luft, geschweige denn die Chance zur Attacke. All jenen, die sich nach einem offeneren Rennen sehnten, war diese Überlegenheit ein Dorn im Auge. Es gab Beschimpfungen vom Straßenrand, es wurde gespuckt und mit Urin gespritzt, sodass sich die Veranstalter manchmal sogar genötigt sahen, Polizeischutz für den Teambus zu organisieren. Die Salbutamol-Affäre von Christopher Froome bei der Vuelta 2017, die rechtzeitig zur Tour de France 2018 mit einem Freispruch endete, trug auch nicht dazu bei, das Image der kalten Machtmaschine zu verbessern.

Bernal, 23, sollte die Dominanz der Mannschaft ins kommende Jahrzehnt führen. Das Team für die Tour de France 2020 war auf ihn ausgerichtet, aber Bernal gab bald ein Bild des Jammers ab, mit heraushängender Zunge und verzweifelten Gesichtszügen. Dass Bernal nicht in Topform zur Tour anreiste, und auch die beiden vergangenen Toursieger Froome und Thomas nicht in der Verfassung waren, um es überhaupt in den Kader zu schaffen, war die vieleicht größte Überraschung.

18. Etappe - die Siegerehrung Sportschau 17.09.2020 15:33 Min. Verfügbar bis 17.09.2021 Das Erste

Nicht auf den Punkt topfit

Ausgerechnet die Mannschaft, die als erste nichts dem Zufall überließ, die das Fahren nach Leistungsdaten zur Perfektion trieb, eigene Matratzen in die Hotels schleppen ließ, um die Gefahr von Infektionen zu reduzieren und sich dem Prinzip der "marginal gains" - der marginalen Gewinne - verschrieben hat, war diesmal nicht auf den Punkt topfit. Doch schon vorher war die Macht des Teams geschwunden. Die niederländische Equipe Jumbo-Visma, deren Kapitän Primoz Roglic sich anschickt, die Tour zu gewinnen, hat die Vorherrschaft offen herausgefordert und diesmal die Rolle des domianten Teams übernommen.

Als eine der Ursachen für die Schwächen bei Ineos Grenadiers wurde in den vergangenen Tagen das Fehlen von Nicolas Portal ausgemacht, der Anfang März im Alter von 40 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Der Franzose war der taktische Mastermind im Teamfahrzeug, der als sportlicher Leiter drei verschiedene Fahrer zu sechs Toursiegen lotste. Kwiatkowski widmete Portal seinen Sieg in La Roche-sur-Foron und rang mit der Fassung, als er später dazu befragt wurde. "Wir vermissen ihn sehr, egal ob wir gewinnen oder verlieren", sagte der Ex-Weltmeister sichtlich bewegt. "Es ist schwer zu beschreiben, was sein Verlust bedeutet."

Teamchef Brailsford wehrt sich gegen Kritik

Ob das Team mit Portal anders besetzt und in der Lage gewesen wäre, dem Rennen wieder seinen Stempel aufzudrücken, lässt sich natürlich nicht sagen. Teammanager Brailsford wehrte sich zuletzt vehement gegen den Vorwurf, er habe bei der Zusammensetzung des Kaders und den Verzicht auf Froome und Thomas zu hoch gepokert. "Ich spiele nicht", stellte Brailsford im "Guardian" klar. "Jeder hat das Recht auf seine Meinung, aber diese Leute kennen nicht die Fakten, die ich kenne."

Doch wie das so ist, wenn ein Imperium ins Wanken gerät, begannen sofort die internen Auseinandersetzungen. Aus Italien, wo Froome und Thomas während der zweiten Tourwoche das Etappenrennen Tirreno-Adriatico bestritten, meldete sich der viermalige Toursieger zu Wort. “Ich glaube ich hätte eine Rolle spielen können", sagte Froome. Er und Thomas hätten zudem viel Erfahrung mitbringen können nach Frankreich, schließlich würden sie fünf Toursiege auf sich vereinen. "Darum denke ich, wir hätten dazu beitragen können, dem Team zu helfen."

18. Etappe - Trostpreis für Ineos, Abschied für Greipel

Sportschau 17.09.2020 01:25 Min. Verfügbar bis 17.09.2021 ARD Von Steffen Gaa

Am besten alimentiertes Team der Branche

Froome wird das Team zum Saisonende verlassen und versuchen, im Trikot des Teams Israel Start Up Nation seinen fünften Toursieg einzufahren. Brailsford richtet den Kader der Equipe derweil auf die Zukunft aus. Ineos Grenadiers bleibt auch in Zukunft mit rund 35 Millionen Euro Etat das am besten alimentierte Team der Branche. Thomas gehört auch 2021 zum Team, Carapaz, der Giro-Sieger von 2019, und Bernal, dem man weiterhin noch den ein oder anderen Toursieg zutrauen darf, sowieso. Neu dazu kommt der Brite Adam Yates, derzeit Gesamtsiebter der Tour.

"Für uns ist es der erste Tag, von dem an wir versuchen, die Tour 2021 zu gewinnen", sagte Brailsford nach dem Ausstieg von Bernal. Gut möglich, dass das Imperium schon im kommenden Jahr zurückschlägt.

Stand: 17.09.2020, 20:03

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