Ineos bei der Tour: Mit neuer Kraft zur alten Macht

Egan Bernal

Britisches Team im Wandel

Ineos bei der Tour: Mit neuer Kraft zur alten Macht

Von Michael Ostermann (Nizza)

Seit 2012 dominiert das Team von Sir David Brailsford die Tour de France. Aus dem Team Sky ist Ineos Grenadiers geworden. Doch nicht nur der Name hat sich geändert. Die Equipe um Egan Bernal ist völlig neu aufgestellt und will damit seine Vormachtstellung gegen neue Herausforderungen verteidigen.

Der Russe Pavel Sivakov war eines der vielen Opfer am ersten Tag der Tour de France. Mit aufgeschürften Ellenbogen fuhr der Tour-Debütant in weitem Abstand hinterher und kam mit mehr als 13 Minuten hinter dem Feld ins Ziel. Gleich zweimal war er zuvor auf die regennassen Straßen rund um Nizza gestürzt, deren Asphalt in den Tagen vor dem Start der Tour de France noch von der Sonne aufgeheizt worden war.

Der Wetterumschwung hinterließ einen glitschig schmierigen Film auf dem Straßenbelag. Zahlreiche Fahrer rutschten mit ihren Rädern einfach weg. Es war aber nicht Sivakovs Equipe Ineos Grenadiers, die daraufhin das Kommando im Feld übernahm, und das Rennen auf der 1. Etappe der Tour de France quasi neutralisierte, indem es der Konkurrenz zu verstehen gab, das Tempo rauszunehmen. Diese Aufgabe übernahm das Team Jumbo-Visma. Ein zarter Hinweis auf eine mögliche Machtverschiebung innerhalb des Pelotons.

Chaotischer Tour-Auftakt mit Sprintsieg für Kristoff Tagesschau 29.08.2020 01:32 Min. Verfügbar bis 29.08.2021 Das Erste

Ablösung der alten Garde

Für das Team Ineos Grenadiers ist die 107. Auflage der Tour de France der Beginn einer neuen Ära. Die alte Garde, die schon 2012 den ersten Toursieg der damals noch unter dem Namen Sky firmierenden Equipe durch Bradley Wiggins miterlebte, ist endgültig abgelöst. Nicht zuletzt, weil weder der viermalige Toursieger Christopher Froome noch der Gewinner von 2018, Geraint Thomas, es in den Kader geschafft haben. Der Brite Luke Rowe ist der einzige Fahrer im achtköpfigen Aufgebot, der schon in der Anfangszeit des Teams dabei war. Der Rest - abgesehen vom Polen Michal Kwiatkowski, der seit 2016 für die britische Mannschaft fährt - ist erst in den vergangenen zwei Jahren dazugestoßen.

Die Tour-Mannschaft, angeführt von einer jungen, sehr talentierten und auffällig kletterstarken Garde um den Toursieger von 2019, Egan Bernal, ist das Ergebnis einer gezielten Rekrutierungsstrategie. "Ich bin begeistert von dem Team, das wir hier haben. Es ist eine interessante Mischung", sagt Teammanager Sir David Brailsford nicht ohne Stolz.

Teamchef Brailsford ohne Sentimentalitäten

Der 56-Jährige ist der Mastermind hinter dem Team und hat den Generationenwechsel mit kühler Planung eingeleitet. Für Sentimentalitäten gegenüber alten Weggefährten war dabei kein Platz. Das bekam schon Bradley Wiggins zu spüren, der schon im Jahr nach seinem historischen Triumph als erster britischer Toursieger nicht mehr zum Aufgebot in Frankreich gehörte.

"Ich blicke nicht zurück", sagt Brailsford auch jetzt, wenn er auf das Fehlen von Froome und Thomas angesprochen wird. "Wir hatten große Erfolge und tolle Erlebnisse zusammen. Aber ich schaue nur auf die aktuelle Situation und das, was vor uns liegt." Das sind im besten Fall drei Wochen Radrennen und am Ende der Gesamtsieg. Denn die Ziele des Teams sind trotz aller Veränderungen gleich geblieben. "Wir sind hier, um zu gewinnen", sagt Brailsford, "und wir sind voller Energie."

Neuer Herausforderer

Doch erstmals überhaupt, seitdem Brailsfords Team vor acht Jahren die Herrschaft über das Peloton übernommen hat, droht die Übermacht ernsthaft in Gefahr zu geraten. Anders als der bisherige Herausforderer - das auf dem Papier starke, aber von internen Eifersüchteleien geprägte Team Movistar aus Spanien - rüttelt die niederländische Equipe Jumbo-Visma geschlossen am Ineos-Thron. In den Vorbereitungsrennen wie der Dauphiné-Rundfahrt war die Mannschaft um den Slowenen Primoz Roglic jedenfalls schon überlegen.

Erstmals ohne Nicholas Portal


Umso schmerzlicher dürfte man bei Ineos Grenadiers einen Mann vermissen, der in den vergangenen Jahren als der Stratege im Teamfahrzeug die Fäden zog. Der Franzose Nicholas Portal zeichnete als sportlicher Leiter seit 2013 für sechs Toursiege verantwortlich. Anfang März erlitt Portal einen tödlichen Herzinfarkt.

Seine Beerdigung war der letzte öffentliche Auftritt des Teams vor dem Corona-Lockdown in weiten Teilen Europas und der damit verbundenen Unterbrechung der Radsport-Saison. "Es wird ungewohnt sein, seine Stimme nicht im Funk zu hören, wie er Anweisungen auf Spanisch, Englisch und Französisch gibt", glaubt Egan Bernal, der in diesem Jahr die alleinige Kapitänsrolle bei Ineos Grenadiers innehat.

Kollektiver Ausgleich

Brailsford hat keinen neuen sportlichen Leiter als Ersatz für Portal verpflichtet, sondern eine interne Lösung gefunden. Der Norweger Gabriel Rasch, der seit 2014 für das Team arbeitet, hat die Rolle übernommen und leitet die Mannschaft nun gemeinsam mit dem Luxemburger Servais Knaven durch die Tour de France. "Wir haben eine neue Struktur geschaffen, der wir vertrauen", sagt Brailsford.

Schwerer als der Verlust an taktischem Geschick dürfte ohnehin die menschliche Lücke wiegen, die Portal hinterlässt. "Ich habe Nico wegen seiner menschlichen Qualitäten engagiert", hatte Brailsford im vergangenen Jahr erklärt. "Er ist respektvoll gegenüber anderen und wird respektiert. Taktik und Technik kann man lernen, aber nicht menschliche Qualitäten - die sind angeboren."

Dass die neue Generation dennoch von den Erfahrungen profitiert, die das Team in den vergangenen Jahren gesammelt hat, in denen sie die Vormacht über die Tour de France ausübte, davon ist Brailsford überzeugt. "Unser kollektives Wissen, wie man die Tour de France gewinnt, ist größer als bei allen anderen." Kampflos jedenfalls wird Ineos Grenadiers die Herrschaft nicht abgeben. Die anderen können da gerne mal für Ordnung sorgen, wenn es glatt wird.

1. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 29.08.2020 04:05 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Stand: 30.08.2020, 08:00

Darstellung: