Tadej Pogacar: Einfacher Junge in fragwürdiger Gesellschaft

Tadej Pogacar feiert seinen Sieg der Tour de France

Tour-de-France-Sieger aus Slowenien

Tadej Pogacar: Einfacher Junge in fragwürdiger Gesellschaft

Von Michael Ostermann (Paris)

Im Handstreich erobert der 21 Jahre alte Slowene Tadej Pogacar das Gelbe Trikot und gewinnt die Tour de France. Er sei ein einfacher Junge, beschreibt er sich selbst. Sein Umfeld hat allerdings einen schlechten Leumund.

Es herrschte eine gespenstische Ruhe über den Champs-Élysées, als Tadej Pogacar das große gelbe Podium in Paris betrat. Normalerweise jubeln dort hunderttausende Zuschauer dem Sieger der Tour de France zu. Doch wegen der Corona-Pandemie hatten die Behörden diesmal nur 10.000 Menschen Zugang auf den Prachtboulevard in der französischen Hauptstadt erlaubt, die nun Pogacars Siegesrede lauschten. Das Mikrofon, an dem er konsequent vorbeisprach, hätte es fast nicht gebraucht. "Hier zu stehen ist toll", sagt Pogacar, der offenbar nicht zu Überschwang neigt. Seinen Sieg bei der Tour de France nahm er fast emotionslos zur Kenntnis.

Tour-Sieger Pogacar: "Ein besonderer Tag" Sportschau 20.09.2020 01:32 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 Das Erste

Entfesseltes Bergzeitfahren von Pogacar

Die gedimmte Atmosphäre auf den Champs-Èlysées passte allerdings auch ganz gut. Denn auch am Tag danach wirkte der Schock noch nach, den Pogacar am Samstag mit seinem entfesselten Bergzeitfahren auf die Planche des Belles Filles vor allem bei seinem Landsmann Primoz Roglic und dessen Team Jumbo-Visma hinterlassen hatte. Es wurden Wattzahlen ermittelt, Quervergleiche gezogen und alte Ergebnisse hervorgekramt, um zu erklären, was unerklärlich schien. Aber das Fazit war immer das gleiche: Pogacar hatte das mit Abstand beste Zeitfahren seiner Karriere abgeliefert - manch einer sprach sogar vom besten Zeitfahren, das der Radsport je gesehen hat. Und er hatte damit die Tour de France auf den Kopf gestellt.

Seit die letzte Bergetappe in den Alpen am vergangenen Donnerstag mit einem Patt der Anwärter auf den Gesamtsieg geendet hatte, schien das Gelbe Trikot fest an Roglic vergeben. Der 30-Jährige hatte seinem jüngeren Landsmann schon auf dem Weg ins Ziel väterlich die Hand auf den Rücken gelegt - eine gönnerhafte Geste, des designierten Siegers. Selbst Pogacar schien sich bereits mit Rang zwei arrangiert zu haben. "Tatsächlich schien das Rennen vorbei zu sein", sagte Pogacar. "Ich wollte nur noch meinen zweiten Platz absichern."

Zweitjüngster Toursieger der Geschichte

Es kam dann anders. Pogacar verwandelte den 57-Sekunden-Rückstand auf der La Planche des Belles Filles in einen 59-Sekunden-Vorsprung auf Roglic, der nicht sein bestes, aber ein solides Zeitfahren gezeigt hatte. Es war eine der überraschendsten Wendungen in der langen Geschichte der Tour de France. "Ich kann das in meinem Kopf selbst noch nicht akzeptieren", sagte Pogacar, als er den internationalen Radsport-Journalisten als designierter Toursieger seltsam unberührt gegenüber saß. "Diese Pressekonferenz ist zu groß für mich", stellte er fest und wirkte tatsächlich ein wenig verloren in seinem Gelben Trikot. Nur sein Team schien auf diesen Moment offenbar vorbereitet und hatte gleich eine gelbe Mund-Nasen-Maske mit Sponsoren-Aufdruck parat gehabt, über der Pogacar mit großen Augen umherblickte.

21. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 20.09.2020 03:49 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 Das Erste

Mit 21 Jahren geht Pogacar als der zweitjüngste Sieger in die Tourhistorie ein. Es war überhaupt erst seine zweite Teilnahme an einer großen Landesrundfahrt. Die Vuelta a Espana hatte Pogacar im vergangenen Herbst als Dritter beendet. Sein Debüt beim bedeutendsten Rennen endet nun gleich im Gelben Trikot. Pogacar steht damit auf einer Stufe mit Legenden seines Sports. Eddie Merckx zum Beispiel, der 1969 bei seiner ersten Tourteilnahme auch gleich als Gesamtsieger nach Paris kam. "Das wird in die große Geschichte der Tour eingehen, das ist sicher", übermittelte Merckx nun zum Sieg des slowenischen Himmelstürmers.

In der Ruhe liegt ein Teil der Kraft

Pogacar hat sich quasi alleine durch diese drei Wochen Tour de France bis auf die oberste Stufe des Podiums in Paris navigiert und dabei nebenbei auch noch das Bergtrikot und das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers eingeheimst. Die wichtigsten Helfer seines UAE Team Emirates, die beiden Italiener Davide Formolo und Fabio Aru, hatten das Rennen früh aufgeben müssen. Die Mannschaft war auch keine Hilfe, als in der ersten Woche der Seitenwind im Zentralmassiv das Feld zerfledderte. Pogacar verlor 1:21 Minuten auf Roglic, aber nervös zu machen schien in das nicht. "Er war sehr ruhig. Er hat gesagt: 'Ich werde das vergessen. Es wird mir nicht helfen, jeden Tag daran zu denken' ", erzählte sein sportlicher Leiter Andrej Hauptman.

21. Etappe - die Siegerehrung Sportschau 20.09.2020 30:15 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 Das Erste

In dieser Ruhe scheint ein Teil von Pogacars Kraft zu liegen. "Killer-Kätzchen", nannte ihn die französische Sportzeitung "L’Equipe" wegen dieser Diskrepanz zwischen dem Phlegma abseits des Rades und der wilden Angriffslust auf seinem Sportgerät. Egal wie nervenaufreibend und anstrengend eine Etappe während der Tour de France auch gewesen sein mochte, der junge Slowene sei mit großer Gelassenheit in den Mannschaftsbus zurückgekehrt, heißt es aus seinem Team. Sein wichtigstes Anliegen sei es gewesen, seine Freundin Urska Zigart anzurufen, um ihr zu mitzuteilen, dass es ihm gut gehe. Vor dem Zeitfahren habe er in der Ecke gehockt und vor sich hingesummt, berichtete Hauptman der "L’Equipe".

Umfeld mit einschlägiger Vergangenheit

"Ich bin ein einfacher Junge aus Slowenien, der sich an den kleinen Dingen im Leben erfreut", sagte Pogacar am Samstag. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Industriedesigners und einer Französischlehrerin gemeinsam mit zwei Schwestern und einem Bruder in Komenda nördlich der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Inzwischen lebt er wie so viele Radprofis in Monaco fernab der Heimat. Aber mit der Ruhe und den kleinen Dingen dürfte es vorerst so oder so vorbei sein.

Als Gewinner des größten Radrennens der Welt steht Pogacar nun im Zentrum seines Sports. Und weil dieser so seine Geschichte hat mit außergewöhnlichen Leistungen, wird er sich auch kritische Fragen nach möglichen anderen Quellen seiner Kraft gefallen lassen müssen. Pogacar selbst ist bislang in Sachen Doping nicht auffällig geworden, aber er bewegt sich in einem Umfeld mit einschlägiger Vergangenheit. Sein sportlicher Leiter Hauptman etwa wurde 2000 mit einem überhöhten Hämatokritwert, was mögliches Blutdoping nahelegte, von der Tour ausgeschlossen.

Teamchef Gianetti galt als persona non grata

Als Pogacar auf der Planche des Belles Filles sein Coup gelang, geriet auch Mauro Gianetti völlig aus dem Häuschen, wie ein in den sozialen Netzwerken verbreitetes Video offenbarte. Ginanetti ist ein umtriebiger Schweizer, der das UAE Team Emirates leitet. Eine Zeit lang galt er als persona non grata bei der Tour. Der Ex-Profi sei "ein Mann von schlechtem Ruf" und "kein Ausbund an Tugend", zürnte Tourdirektor Christian Prudhomme im Jahr 2008.

Damals musste das von Gianetti geführte Team Saunier Duval die Tour de France verlassen, nachdem Riccardo Ricco nach absurden Bergsprints und zwei Etappensiegen des EPO-Dopings überführt worden war. Auch dessen Teamkollegen Leonardo Piepoli und Juan José Cobo wurden später als Betrüger entlarvt. Gianetti hat stets beteuert, von den Machenschaften der Profis nichts gewusst zu haben.

Diese Geschichten stammen aus einer Zeit, als Pogacar gerade erst mit dem Radsport begann. Seine erste Erinnerung an die Tour de France sei das Duell von Alberto Contador mit Andy Schleck 2010. Damals habe er jeden Tag nach dem Training gebannt vor dem Fernseher gesessen, erzählte Pogacar. "Der Traum war, bei der Tour am Start zu stehen. Jetzt habe ich sie gewonnen. Das ist unglaublich." Mit diesem Gefühl war er nicht alleine.

Stand: 20.09.2020, 20:29

Tour de France | Gesamt

Nameh
1.Tadej Pogacar87:20:05
2.Primoz Roglic+ 59
3.Richie Porte+ 3:30
4.Mikel Landa Meana+ 5:58
5.Enric Mas Nicolau+ 6:07
6.Miguel Angel Lopez Moreno+ 6:47
7.Tom Dumoulin+ 7:48
8.Rigoberto Uran Uran+ 8:02
9.Adam Yates+ 9:25
10.Damiano Caruso+ 14:03
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