Expertenrunde Tour de France: Kommt die Tour bis Paris?

Egan Bernal aus Kolumbien vom Team Ineos fährt während der Team-Präsentation auf seinem Rad

Expertenrunde Tour de France

Expertenrunde Tour de France: Kommt die Tour bis Paris?

Teil 3/4 - Welchen Einfluss haben die Besonderheiten auf das sportliche Geschehen?

Die Tour startet wegen Corona zwei Monate später als geplant und unter besonderen Bedingungen. Wird das Einfluss auf das sportliche Geschehen haben?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator): Ganz sicher. Die Voraussetzungen waren in der Vorbereitung ja schon sehr unterschiedlich. Aber ich glaube, es geht auch um den psychologischen Aspekt. Es gab während des Lockdowns große Diskussionen über die Beschränkungen. Da war von Uneinsicht bis zu totalem Verständnis alles dabei bei den Profis. Es steckt jede Menge Energie im Fahrerfeld und es ist ja auch klar, dass sie loslegen wollen.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte): Der Lockdown hat natürlich Einfluss auf das Training gehabt. Die Fahrer, die in den letzten Wochen die Rennen dominiert haben, kommen im Grunde genommen alle aus Ländern, wo sie einigermaßen normal trainieren konnten. Ich denke, auch in Kolumbien gab es einen ordentlichen Lockdown, aber ich glaube, dass die Fahrer da schon ordentlich trainieren konnten. Was wir ganz deutlich sehen, ist, dass die spanischen Fahrer hinten dranhängen. Alejandro Valverde, Mikel Landa konnten noch nicht das abrufen, was sie eigentlich im Stande sind zu leisten. Für die war es mit Sicherheit ein ganzes Stück schwerer, sich vorzubereiten. Alle anderen, die jetzt momentan als Favoriten gelten, hatten mehr oder weniger dieselben Voraussetzungen. Und das wird jetzt auch nichts verändern, auch wenn das Rennen zwei Monate später startet.

Primoz-Roglic (R) mit einem Teamkollegen vor dem Training

Primoz Roglic (r.) mit einem Teamkollegen

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator): Ja, ich glaube schon, dass man bei einer dreiwöchigen Rundfahrt merken wird, wie man diese sechs Monate Lockdown verbracht hat. Und diejenigen, die da trainieren konnten auf den Straßen - und dazu gehören Radsportler aus Slowenien genauso wie aus Kolumbien - haben meiner Meinung nach einen Vorteil gegenüber all denen, die zwar in der Zeit aktiv waren, aber eben nicht die Umfänge schruppen konnten. Das fällt jetzt noch nicht so auf bei diesen kleinen Rundfahrten und Eintagesrennen. Aber ich fürchte, die Substanz bei einer dreiwöchigen Rundfahrt ist tatsächlich das Entscheidende, und die ist gemacht worden in den Monaten, in denen es keine Rennen gab.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de): Vermutlich ja. Die Zeit des Lockdowns war für alle eine unterschiedliche Belastung. Und ich meine damit nicht nur die unterschiedlichen Trainingsvoraussetzungen - die einen auf der Rolle und die anderen im Freien auf der Straße, sondern auch die Auswirkungen auf die Psyche. Und auch wenn alle beteuern, dass sie sich auf das Rennen freuen, wird der ein oder andere auch Bedenken haben, ob es richtig ist, die Tour jetzt zu starten, wo auch in Frankreich die Zahl der Neuinfektionen steigt. Auch diese Fragen werden nicht alle ausblenden können, was sich dann vermutlich auch auf die sportliche Leistung auswirken wird.

red | Stand: 28.08.2020, 15:09

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