Für Degenkolb endet die Tour de France bereits im Regen von Nizza

John Degenkolb

Kristoff in Gelb, Tour-Aus für Degenkolb

Für Degenkolb endet die Tour de France bereits im Regen von Nizza

Von Michael Ostermann (Nizza)

Alexander Kristoff gewinnt die erste Etappe der Tour de France, die von den Radprofis selbst wegen vieler Stürze für lange Zeit neutralisiert wird. Dennoch gibt es prominente Opfer. Für John Degenkolb ist die Tour schon vorbei.

Das französische Fernsehen sendete noch das erste Drama der Tour de France 2020, da war Alexander Kristoff schon hinter seiner Mund-Nasen-Maske verschwunden, um unter Einhaltung der Hygienevorschriften zu erklären, wie er sich das erste Gelbe Trikot geschnappt hatte. Eingebaut sei er gewesen, aber dann habe sich eine Lücke aufgetan für seinen Sprint. Dieser fiel gewaltig aus. "Und dann habe ich gemerkt, ich gewinne das Ding. Ich konnte es gar nicht glauben."

Degenkolb außerhalb des Zeitlimits

Während Kristoff sich über das unerwartete Gefühl in Gelb freute, das er aller Voraussicht nach nur für einen Tag genießen kann, trudelte der Franzose Thibaut Pinot, der das Maillot Jaune so gerne nach Paris tragen würde, begleitet von seinen Teamkollegen der Equipe FDJ Groupama über die Ziellinie. Das Trikot aufgerissen über der rechten Schulter, der Gesichtsausdruck eher von Wut als von Schmerz gezeichnet.

Noch später als der Franzose erreichte auch John Degenkolb den Zielstrich auf der Promenade des Anglais in Nizza. Mit aufgeschlagenen Knien rollte er dort ein. Doch seine Tour ist schon vorbei. Der Frankfurter kam außerhalb des Zeitlimits an, sein Weg führte direkt ins Krankenhaus, wo er geröntgt wurde. Auch für Degenkolbs Teamkollegen Philippe Gilbert ist die Tour bereits beendet. Der belgische Ex-Weltmeister und Klassikerspezialist hat bei einem Sturz einen Bruch der linken Kniescheibe erlitten. Ob auch Pinot sich ernsthaft verletzt hat, war bis zum Abend unklar.

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Tony Martin bremst das Feld

Degenkolb, Gilbert und Pinot, der bei seinen Landsleuten ohnehin als Pechvogel gilt, waren die prominentesten Sturzopfer eines an Stürzen reichen Tages. Auf regennassen Straßen waren insbesondere auf den Abfahrten von den Hügeln rund um Nizza zahlreiche Fahrer zu Fall gekommen. Die Zahl der Stürze nahm zwischendurch ein Ausmaß an, dass man im Peloton, angeführt vom Team Jumbo-Visma, zu der Entscheidung kam, das Rennen bis zum Finale freiwillig zu neutralisieren.

Tony Martin über den Zusammenhalt im Feld Sportschau 29.08.2020 00:37 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Tony Martin, der bei der niederländischen Equipe als Capitaine de Route die Ansagen macht, war immer wieder an der Spitze des Feldes zu sehen, wie er das Feld gestenreich zur Temporeduzierung aufforderte. "Wir konnten es als Fahrer nicht mehr einschätzen", erklärte Martin später im Ziel. "Wir haben dann gemerkt, dass von vielen Teams das Interesse bestand, das Rennen bis zum Finale an der Küste zu neutralisieren."

Stürze seit Wochen ein Thema

Dieses Interesse hatten vor allem jene Mannschaften, die einen Favoriten auf den Gesamtsieg in ihren Reihen haben. Martins Team hat mit dem Slowenen Primoz Roglic und dem Niederländer Tom Dumoulin gleich zwei Anwärter, weshalb sich der viermalige Zeitfahr-Weltmeister genötigt sah, die Sache in die Hand zu nehmen. "Wie das immer so ist, jeder will gerne, aber keiner traut sich, den ersten Schritt zu machen", sagte Martin.

Das Thema Stürze hat den Radsport in den vergangenen Wochen sehr beschäftigt. Bei der Polen-Rundfahrt war der Niederländer Fabio Jakobsen im Sprint von einem Konkurrenten in die Bande gedrängt und schwer verletzt worden. Beim italienischen Klassiker Il Lombardia verlor der Belgier Remco Evenepoel in einer Abfahrt die Kontrolle über sein Rad und stürzte mehrere Meter in die Tiefe. Und beim wichtigsten Vorbereitungsrennen für die Tour, der Dauphiné-Rundfahrt, hatte es auf der 4. Etappe mehrere schwere Stürze gegeben, unter anderem weil die Strecke teilweise in einem miserablen Zustand war.

Chaotischer Tour-Auftakt mit Sprintsieg für Kristoff Tagesschau 29.08.2020 01:32 Min. Verfügbar bis 29.08.2021 Das Erste

Buchmann bleibt knapp auf dem Rad

All das hatte die Radprofis dazu veranlasst, an den Rennveranstalter und den Weltverband UCI zu appellieren, ihre Sicherheit besser im Blick zu behalten und nicht auf dem Altar des Spektakels zu opfern. Auf der ersten Etappe der Tour de France nahmen sie ihre Interessen nun selbst in die Hand, obwohl mit dem Gelben Trikot der prestigeträchtigste Preis des Radsports zu vergeben war. "Das ist vielleicht auch das Resultat der vielen schlimmen Vorfälle in den letzten Wochen, dass die Fahrer mehr sensibilisiert sind für die Gefahren im Rennen", sagte Martin.

Doch das neutrale Tempo bis etwa 20 Kilometer vor dem Ziel konnte nicht verhindern, dass es im Sprintfinale an der Drei-Kilometer-Marke doch noch einmal krachte. Pinot war eines der Opfer, und auch Emanuel Buchmann, der immer noch mit den Folgen seines Sturzes bei der Dauphiné-Rundfahrt zu kämpfen hatte, wäre beinahe wieder zu Boden gegangen. "Heute war es echt grenzwertig", sagte Buchmann, "bei mir war es ein paar Mal richtig knapp, vor allem drei Kilometer vor dem Ziel, da bin ich echt froh, dass ich auf dem Rad geblieben bin."

Insgesamt habe er sich ganz gut gefühlt, besser als zuletzt im Training, erklärte der Ravensburger noch. Das klang schon viel zuversichtlicher als noch am Tag zuvor, als er sich eher so anhörte, als werde er in diesem Jahr eher Etappensiege anpeilen statt wie geplant das Gesamtklassement. Am Sonntag darf Buchmann den Formtest fortsetzen. Auf der 2. Etappe geht es dann schon mal über zwei Anstiege der ersten Kategorie. Die Wettervorhersage verspricht Sonnenschein.

1. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 29.08.2020 04:05 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Stand: 29.08.2020, 20:43

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