Alexander Zverev während dem Finale des ATP-Turniers in Acapulco

Tennis | Kommentar Kommentar zu Zverev: Wie ein Halbwüchsiger auf dem Schulhof

Stand: 23.02.2022 14:00 Uhr

Was Alexander Zverev sich beim Turnier in Acapulco geleistet hat, ist eines Olympiasiegers und Sportlers des Jahres unwürdig. Der beste deutsche Tennisspieler hat sein ohnehin nicht makelloses Image nachhaltig ramponiert. Ein Kommentar.

Von Frank Hellmann

Tennis ist ein anspruchsvoller Sport. Was einfach aussieht, ist in Wahrheit schwer. Einen Filzball über ein 91,4 Zentimeter hohes Netz in ein 23,77 Meter langes und 8,23 Meter breites Feld zu schlagen. Mit einem Schläger, der Anfängern schon mal unlösbare Rätsel aufgeben kann. Wie halten? Wie führen? Wie schlagen? Tennistrainer müssen daher mit einer Engelsgeduld ausgestattet sein.

Diesen Sport betreiben auf dem allerhöchsten Level fast ausnahmslos Perfektionisten, die von Hobbyspielern bewundert werden. Landauf, landab sind Wutanfälle an jedem Punktspielwochenende zu besichtigen. Weil ein Schlag misslingt, weil ein Ball im Netz hängen bleibt. Mitunter aber auch, weil eine Entscheidung, ob die Kugel nun knapp im Aus gelandet oder hauchzart die Linie berührt hat, strittig sein kann.

Der Deutsche hat eine rote Linie überschritten

Zeit seines Sportlerlebens bewegt sich der in Hamburg geborene Zverev in diesem Spannungsfeld. Er ist nicht der erste und der letzte Ausnahmekönner, der zu Wut und Jähzorn neigt. Der Schiedsrichter anpöbelt oder Balljungen anbrüllt. Diesbezüglich war Altmeister John McEnroe ein ganz schlechtes Vorbild. Auch Jimmy Connors konnte seine Emotionen nicht so zügeln, wie in jener Generation beispielsweise der legendäre Björn Borg. Der Schwede wurde "Eisblock" genannt, weil er so extrem beherrscht seinen Holzschläger schwang. Er und McEnroe, sagte Borg einmal, seien wie Feuer und Eis.

Doch ganz gleich aus welcher emotionalen Ecke die besten Spieler stammen: Für alle ist es ein No-Go, jemanden auf dem Court körperlich anzugreifen. Und deshalb hat Zverev eine rote Linie überschritten, als er mit seinem Schläger mehrfach gegen einen Schiedsrichterstuhl einschlug, auf dem jemand saß, der in einem nun wirklich nicht so wichtigen Doppelmatch einige umstrittene Entscheidungen fällte. Es fehlte wahrlich nicht viel und Zverev hätte den Fuß des Referees getroffen. Dass er ihn einen verdammten Idioten ("You fucking idiot") nannte, sei auch noch erwähnt.

Es hat ähnliche Vorfälle gegeben

Nun wird sein Umfeld darauf verweisen, dass es das alles schon gegeben hat. "Ich werde dir diesen verdammten Ball in deinen verdammten Hals schieben" rief die vielfach bewunderte Serena Williams 2009 mal bei einem Halbfinale der US Open gegenüber einer Linienrichterin aus.

Und Karolina Pliskova ärgert sich 2018 in Rom als Nummer eins einmal so sehr über alles und jeden, dass sie in bester Zverev-Manier eben auch den Schiedsrichterstuhl malträtierte. Selbst Maestro Roger Federer, der Gentleman der aktuellen Generation, ging mal auf seinen eigenen Schläger los, auch wenn es schon lange her ist.

Doch es hilft alles nichts: Zverevs Verhalten war eines Olympiasiegers unwürdig, ja auch beschämend, zumal er sich deshalb in Tokio so genussvoll mit seiner Goldmedaille präsentierte, weil er endlich gemocht werden wollte. Er konnte ja noch so viele Asse servieren: In die Herzen der deutschen Sportöffentlichkeit war der Schlaks bis dahin noch nicht vorgedrungen.

Als ihn kurz vor Weihnachten dann auch Deutschlands Sportjournalisten - unter dem Eindruck seines beeindruckenden Sieges bei der ATP-Weltmeisterschaft - zum Sportler des Jahres wählten, schien sein Glück perfekt.

Ein echter Sportstar benimmt sich anders

Diese beiden Auszeichnungen, so wirkte es, würden ihm den Weg zu einem echten Sportstar weisen. Und nun gebärdet er sich im fernen Acapulco wie ein raufender Halbwüchsiger auf dem Schulhof, der für sich das Recht des Stärkeren reklamiert.

Zverev braucht dringend ein Korrektiv in seinem Kosmos. Sei es durch seinen Trainer, Berater oder Vater. Und wenn das alles nicht wirkt, muss er sich psychologische Hilfe nehmen, denn es ist nicht zu spät, um zu erlernen, angestaute Aggressionen besser anders abzubauen.

Wenn ein Tennisstar solche Bilder um die Welt schickt, die sich heutzutage in rasender Geschwindigkeit verbreiten, ist das fatal. Als mit Abstand erfolgreichster Tennisspieler seiner Generation hat er schließlich eine Vorbildfunktion gegenüber Kindern und Jugendlichen. Zu behaupten, dass er dieser nicht gerecht wird, wäre eine schamlose Untertreibung.

Zverev hat sich nach der Partie für sein Verhalten entschuldigt. "Es gibt keine Entschuldigung", schreibt er bei Instagram. Ungeachtet dieser Reue hat der beste deutsche Tennisspieler mit seinen Schlägen in Mexiko sein Image ramponiert.

Es wird viele beherrschte Matches und am besten auch eine weitergehende glaubhafte Analyse dieses Ausrasters brauchen, um sein Ansehen halbwegs wieder aufzupolieren. Kratzer aber bleiben jetzt wohl endgültig für immer.