Ansgar Brinkmann im Tebe-Trikot (2000)

12 Momente aus 120 Jahren TeBe "War peinlich, als Zweitligist von der Champions League zu reden"

Stand: 27.06.2022 10:52 Uhr

Zum Jubiläumsjahr blickt Fußball-Regionalligist TeBe zurück auf eine denkwürdige Historie, die durchzogen ist von schicksalhaften Wendungen. Stadionsprecher Carsten Bangel kennt die meisten. 12 Anekdoten aus 120 Jahren Klubgeschichte. Von Jakob Lobach

Zugegeben: Die gesamten 120 Jahre Tennis Borussia hat Carsten Bangel nicht miterlebt. So alt sieht der Berliner weder aus, noch ist er es. Und doch könnte es wohl kaum einen besseren geben, um über die einprägsamen Momente aus der Geschichte des Vereins, der am 2. Juli mit einem großen Fest sein 120-jähriges Bestehen feiert, zu philosophieren.
 
Seit den 70er-Jahren fiebert er mit Tebe – einst "nur" als Fan, mittlerweile auch als Stadionsprecher. Während man für das Erzählen der weiter zurückliegenden unter den folgenden zwölf prägenden TeBe-Momenten noch Archive bemühen muss, hat Bangel so manche Anekdote aus den jüngeren Jahrzehenten parat.

Neuer Premiumpartner des BFC: Jens Redlich. / imago images/Matthias Koch
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1902: Gründung in der Konditorei

Als sich die zwölf Herren am 9. April 1902 in der "Conditorei Schmidt" versammelten, sah die Gegend rund um den Hackeschen Markt noch etwas anders aus. Die Spandauer Brücke ist ein Ort, an dem die unterschiedlichen Welten und Menschen des Kaiserreichs so intensiv aufeinandertreffen, wie sonst kaum irgendwo. Die zwölf jungen Männer in der Konditorei hatten sich beim Fußball kennengelernt und stellten nun die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft. Die Antwort: Der Klub Tennis Borussia Berlin, der prompt gegründet war, als die zwölf gegen 21 Uhr das Schmidtsche Lokal verließen.

1924: Denkwürdiges Pariser Gastspiel

Am 19. Oktober 1924 war die Pariser Buffalobahn Austragungsort des geschichtsträchtigen deutsch-französischen Fußball-Duells. Mit Tennis Borussia und dem Pariser Club Francais trafen erstmals seit dem ersten Weltkrieg eine deutsche und eine französische Mannschaft aufeinander. Ein Politikum, zu welchem die Berliner per Bahn im Schlafwagen anreisten. Es sollte sich lohnen: Irgendwann zwischen einem spärlichen Essen im Pariser Hotel und dem Erkunden der Stadt gewann TeBe das Spiel.

Markus Zschiesche während eines Spiels von Tennis Borussia. Quelle: imago images/Picture Point
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1927: Sepps Spielberichte

Drei Monate, nachdem Sepp Herberger TeBes-Mannschaft als Spielertrainer übernommen hatte, kam es am 24. April zum Duell mit dem amtierenden Meister Greuther Fürth. Ähnlich groß wie die Enttäuschung über die 0:3-Niederlage war nach dem Spiel der Ärger über Herbergers Spielbericht. Für die Klub-Nachrichten hatten dessen Vorgänger TeBes Spiele stets auf bis zu einer Doppelseite analysiert und aufgearbeitet. Der Student Herberger hingegen tat dies nur flüchtig. Keine 300 Wörter hatte der Kommentar zum Spiel des späteren Weltmeister-Trainers.

1933: Jüdische Vereinsaustritte

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann 1933 auch sportlich eine Zäsur. Der Verein deutscher Faustkämpfer erklärte am 3. April den Ausschluss jüdischer Sportler, der Tennis Bund folgte diesem Beispiel wenige Tage später. Am 11. April wurden dem TeBe-Boxer Erich Seelig vom Verband seine Titel im Mittel- und Halbschwergewicht aberkannt. Am gleichen Abend erklärten mit 40 jüdischen Mitgliedern rund zehn Prozent aller TeBe-Mitglieder ihren Vereinsaustritt – darunter mit Alfred Lesser auch einer der Vereinsgründer.

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Mit dem Sieg im Finale des Brandenburger Landespokals verabschiedet sich Energie Cottbus aus dieser Saison. Es war das Ende einer ordentlichen Spielzeit, die mit etwas mehr Konstanz sogar mit der Meisterschaft hätte gekrönt werden können. Von Andreas Friebelmehr

1950-1958: Die goldenen Fünfziger

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ging TeBe in einer neuen Berliner Stadtliga an den Start. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Auf die erste Meisterschaft 1947 folgten glorreiche Fünfzigerjahre für die Berliner. Vier weitere Titel in den Jahren 1950, 1951, 1952 und 1958 machten TeBe zum erfolgreichsten Berliner Klub der Fünfziger und ließen den damaligen Vereinschef Carl Helfert im Jahr 1952 erklären: "Es steht gut um Tennis Borussia".

1952: Der blanke Deinert

An Ostern 1952 empfing TeBe zum 50. Jubiläum den FC Schalke. Aber es gibt Ärger: Bereits nach wenigen Minuten beschwerten sich die 75.000 Zuschauer im Olympiastadion über die ähnlich farbigen Trikots und Hosen der blau-weißen Schalker und der lila-weißen Berlin. Auch TeBes Rudolf Deinert musste anschließend auf dem Platz beim großen Hosentausch mitmachen. Einziges Problem: Der knallharte Verteidiger, bei dem Genie und Wahnsinn eng beieinanderlagen, hatte nichts drunter. Augenzeugen berichteten von einem vor Lachen erzitternden Olympiastadion.

Ein Spieler von Tennis Borussia während eines Trainings. Quelle: imago images/opokupix
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1998: Pokalsensation gegen Hertha

"Das war der Wahnsinn", sagt Carsten Bangel über diesen Mittwoch, den 28. Oktober 1998. Als Zweitligist traf TeBe im Achtelfinale des DBF-Pokals auf Hertha BSC. Rund 40.000 Zuschauer sahen, wie Andreas Thom Hertha früh in Führung brachte. Aber dann kam TeBe: Noch vor der Pause drehte die Borussia das Spiel. Per Doppelschlag von Kovacec und Aracic erhöht TeBe bis zur 60. Minute auf 4:1. Ivica Olic kam bei Hertha noch für Michael Preetz in Spiel, konnte die 2:4-Niederlage aber nicht mehr verhindern. "90 Minuten lang purer Rausch", sagt Bangel heute nachhaltig beeindruckt.

1999: Der große Name Schäfer

Nachhaltig gut blieb es nach der Pokalsensation allerdings nicht. "Schlimm wurde es unter Winnie Schäfer", erinnert sich Bangel. 1999 übernahm der für Hermann Gerland an TeBes Seitenlinie. Bereits zuvor war TeBes Anhängerschaft unzufrieden mit den durchs große Geld bestimmten Personalentscheidungen des Hauptsponsors. Als der prominente Schäfer dann, so Bangel, "die Spielernamen der Gegner auf den Pressekonferenzen nicht kannte" war es zu viel des Guten. "Das war einfach peinlich, als Zweitligist von der Champions League zu reden", findet Bangel noch heute. Also gingen TeBes Fans fortan eine Weile lang lieber zur zweiten Mannschaft zugucken.

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2006: Mehr Schein als Sein

"Wir hatten ein Spielausfall nach dem nächsten damals" klagt Carsten Bangel angesprochen auf das Jahr 2006. Ein langer Winter setzte dem Rasen in der TeBe-Spielstätte damals zu. "Wir waren alle auf Entzug", sagt Bangel gut 15 Jahre später. Als auch noch das Spiel gegen Babelsberg abgesagt wurde, trafen sich die beiden Fanszenen kurzerhand trotzdem.
 
In den Heim- und Gästekurven des Mommsenstadions stand man sich gegenüber. Während auf den Tribünen gesungen wurde, leitete auf dem Rasen ein befreundeter Schiedsrichter ein imaginäres Spiel. "Leicht parteiisch", vermutet Bangel. Abseits wurde genauso gepfiffen, wie ein Elfmeter. Am Ende standen ein 2:0 für TeBe und das, was Bangel als "südländische Atmosphäre" beschreibt.

Januar 2019: Eine tumultartige Mitgliederversammlung

"Eigentlich schien alles vorbei", sagt Carsten Bangel über TeBes Mitgliederversammlung 2019 sagen. Zwei Jahre zuvor zum Vorstandsvorsitzenden von TeBe gewählt, wollte der Geschäftsführer von Sponsor Crunch Fit, Jens Redlich im Januar 2019 seinen Einfluss im Aufsichtsrat erweitern. Gemeinsam mit "mehreren hundert spontan in den Verein eingeschleusten Mitglieder", so Bangel.
 
Sie stimmen für die von Redlich nominierten Kandidaten und sorgen für eine Farce. "Viele waren betrunken und wussten überhaupt nicht, wo sie sind", so Bangel. Einzig das Hochhalten der Stimmkarte im richtigen Moment funktionierte. TeBe wurde zu einem gekaperten Traditionsklub, die Fans starteten einen Boykott und Bangel sagt heute: "Von TeBe war da nur noch die Hülle übrig."

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2019: Der Caravan of Love

Auf den Boykott folgte eine Tour. 70 bis 100 TeBe-Fans versammelten sich 2019 regelmäßig, um durch Deutschland zu touren und weiter bei Fußballspielen-Stimmung zu machen – nur nicht bei denen der eigenen Mannschaft. Leipzig, Halle, Hannover – überall reiste der Berliner Caravan of Love hin. "Diese Besuche zu machen und die Solidarität zu erleben, war der Hammer", erinnert Bangel sich. Während TeBe im Mai erstmals seit langem im Berliner Pokalfinale steht, wird zeitgleich im Stadion von Tasmania Berlin das Finale of Love gespielt. Der Protest zahlt sich aus: Ende Juli 2019 wird der TeBe-Vorstand neu besetzt.

2020: Der Aufstieg

Ein Jahr später hatten die TeBe-Fans dann auch sportlich wieder Grund zum Feiern. 15 Siege holte ihr Team in der Spielzeit 2019/20 in den ersten 19 Saisonspielen und lag so zwischenzeitlich vor dem Greifswalder SC an der Tabellenspitze der Oberliga. Zwischenzeitlich und später endgültig: Wegen der Coronapandemie wurde die Saison abgebrochen und TeBe zum Aufsteiger erklärt. Im Jahr des 120. Vereinsjubiläum ist TeBe somit zurück auf den Plätzen der Regionalliga Nordost.

Sendung: rbb24 Inforadio, 24.06.2022, 15:15