Start in die neue Spielzeit Vier Geschichten, die den regionalen Fußball prägen werden

Stand: 15.08.2022 17:17 Uhr

Mit dem Verein Delay Sports versuchen junge Sportler, ihren Erfolg im Netz auch auf den Rasen zu bringen. Es ist aber nur eines von mehreren ungewöhnliche Projekten, auf die es sich in der kommenden Saison zu schauen lohnt.

Der Ball rollt wieder in Berlin und Brandenburg. Und wenn der Ball rollt, sind interessante Geschichten nicht weit. Wir haben vier solcher Geschichten gesammelt, über die noch viel geredet werden wird.

Der Spandauer SV ist wieder da, wenn auch klein

Mit einer seltsamen Mischung aus Scham und Stolz schauen fußballbegeisterte Spandauer auf die ewige Tabelle der 2. Bundesliga. Diese Statistik ist gnadenlos und weist den Spandauer SV als schlechtestes der mittlerweile 127 Teams aus, die je in der zweithöchsten Liga des Landes an den Start gingen. In der Saison 1975/76 versuchte sich der SSV im Unterhaus und lieferte dort mit gerade mal zwei Siegen, dafür aber 115 Gegentoren, eine verheerende Bilanz ab. Aber immerhin war der Spandauer SV dabei und hat seinen Namen so in den Annalen des deutschen Profifußballs verewigt.

Im Berliner Fußball blieb der Spandauer SV trotz des wenig erbaulichen Ausflugs in die 2. Liga über Jahrzehnte eine renommierte Größe und war zum Ende des vorigen Jahrtausends sogar in der damals drittklassigen Regionalliga unterwegs, ehe die finanziellen Probleme nicht mehr zu bewältigen waren. 2014 wurde endgültig der Stecker gezogen und der Verein aufgelöst.
 
Doch acht Jahre später feiert der SSV seine Wiederauferstehung. Dieses "Comeback des Jahres" – so das Amateurfußball-Portal "Fupa" - ist vor allem der Initiative Spandauer Fußballenthusiasten zu verdanken. Die gingen auf den Klub Türkspor FK zu, der zwar als Verein registriert war, aber keine Mannschaften für den Spielbetrieb stellte. Und so wurde für eine Bearbeitungsgebühr von 130 Euro eben jener Türkspor FK auf den traditionsreichen, aber markenrechtlich nicht geschützten Namen Spandauer SV umgetauft.
 
Die Macher wollen ihr Projekt klein beginnen und meinen das durchaus wörtlich. Zunächst geht es nämlich darum, eine Nachwuchsabteilung aufzubauen und G-, F- und E-Jugendmannschaften zu melden. Vom Herrenfußball will der SSV noch die Finger lassen.

"Aus einem Brauereipferd macht man keinen Galopper"

Der ewige Trainer von Optik Rathenow, Ingo Kahlisch, hat mit dem Verein von Aufstieg bis Abstieg alles erlebt. Auch in dieser Saison kämpft seine Mannschaft wieder um den Klassenerhalt - und bewegt sich dabei am Rande ihrer Möglichkeiten.mehr

Die schwerste Aufgabe des ewigen Ingo Kahlisch

Als Ingo Kahlisch Trainer des FSV Optik Rathenow wurde, hieß der Klub noch BSG Motor, die Berliner Mauer stand noch und die Spitze der (west-)deutschen Single Charts führte Roxette mit "The Look" an. Mit anderen Worten: Ingo Kahlisch ist schon verdammt lange Trainer in Rathenow, nämlich seit dem 1. Juli 1989. Fast die Hälfte seines Lebens hat der mittlerweile 66-Jährige auf der Trainerbank des FSV Optik verbracht, und selbst eine Gehirnblutung konnte Kahlisch nur kurzzeitig am Ausüben seiner Lebensaufgabe hindern.

Vor diesem Hintergrund haben Kahlischs Worte durchaus Gewicht, wenn er der "Fußball-Woche" mit Blick auf die gerade begonnene Saison sagt: "So schwer war es noch nie". Nach dem Abstieg aus der Regionalliga verstreute sich der Rathenower Kader in alle Winde, sodass Kahlisch einmal mehr einen Neuaufbau gestalten muss. Dabei stehen ihm vornehmlich junge, unerfahrene Spieler zur Verfügung, die sich erst an die Härte und die Abgezocktheit in der Oberliga gewöhnen müssen. Die Saisonziel ist daher klar umrissen: Klassenerhalt. Wir schwer diese Mission werden wird, zeigt der Saisonstart. Nach zwei 1:4-Niederlagen gegen den SC Staaken und Eintracht Stahnsdorf findet sich Optik auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder.

Wachablösung im regionalen Frauenfußball?

Der weibliche Fußball in der Region wird seit Jahrzehnten dominiert und geprägt vom 1. FFC Turbine Potsdam, der 2010 sogar die Champions League gewann. Doch während die Landeshauptstädterinnen einer ungewissen Zukunft entgegensehen, wollen nun der 1. FC Union und Viktoria Berlin den regionalen Frauenfußball aufmischen.
 
Union, derzeit in der drittklassigen Regionalliga unterwegs, will "perspektivisch den Aufstieg in die Bundesliga in Angriff" nehmen und setzt dabei auf die Kompetenz von Ailien Poese. Die 37-Jährige spielte einst selbst für Union, ist ausgebildete Fußballlehrerin und war bei der jüngsten Europameisterschaft damit beschäftigt, die Gegnerinnen der deutschen Mannschaft zu analysieren. An die Aufgabe bei ihrem Heimatverein geht sie voller Vorfreude und findet Unions Vorhaben "superspannend".

Ailien Poese
Auf dieses Know-how darf sich Union Berlin freuen

Ailien Poese analysiert als Match-Scout die deutschen Gegner bei der Fußballl-EM der Frauen. Vor dem anstehenden Halbfinale kann sie Schwächen der formstarken Französinnen ausmachen. Nach dem Turnier soll sie das Frauenteam von Union Berlin nach oben führen.mehr

Am ersten Spieltag der Regionalliga-Saison (Sonntag, 28. August) müssen die Unionerinnen gegen Viktoria Berlin antreten. Eine interessante Paarung, denn auch beim Verein aus Lichterfelde tut sich einiges in Sachen Frauenfußball. Sechs Gesellschafterinnen haben sich des Teams angenommen, um es langfristig in der Bundesliga zu etablieren. Dafür hat Viktoria Anfang Juni der Ausgliederung der Frauenabteilung in eine eigene Fußball-GmbH einstimmig zugestimmt. Ein Klub von Frauen für Frauen ist das Ziel der Investorinnen, zu denen auch die frühere National- und Turbine-Potsdam-Spielerin Ariane Hingst gehört. "Ich glaube, dass in Berlin wirklich Großes möglich ist", sagt sie und ergänzt: "Es wird eine spannende Reise, aber was am Ende rauskommt, weiß nur die Zukunft."

Delay Sports: Aus dem Netz auf den Platz

Im wenig hippen Lankwitz im Süden der Hauptstadt erfindet sich der Fußball gerade neu. Dort, genauer gesagt im Preussen-Stadion, sonst die berufliche Heimat von Welt- und Europameister Thomas Häßler als Coach des altehrwürdigen Berlinliga-Aufsteigers BFC Preussen, ist seit ein paar Wochen Delay Sports zuhause. Hinter dem neuen Verein stecken der E-Sportler Elias Nerlich und der ehemalige Hertha-Profi Sidney Friede, die es als Influencer über ihre Streaming-Kanäle zu enormem Ruhm unter Heranwachsenden gebracht haben. Mit Delay Sports wollen Nerlich und Friede diesen Ruhm aus der digitalen Welt nun in die etwas konservative Welt des realen Fußballs transportieren.

Influencer Elias Nerlich (rbb/Johannes Mohren)
Wenn Influencer die Kreisliga aufmischen

Delay Sports startet ab August in der Kreisliga C. Schon jetzt folgen dem Klub bei Instagram mehr Menschen als Hertha und Union. Der Influencer-Verein verändert den (Amateur-)Fußball. Das könnte auch eine Chance sein. Von Johannes Mohrenmehr

Auch der Berliner Fußball-Verband (BFV) verspricht sich etwas davon und erteilte Delay Sports eine Ausnahmegenehmigung. Denn eigentlich müssen neugegründete Vereine zunächst drei Jahre am Stück in der Berliner Freizeitliga mitkicken, bevor sie am geregelten Liga-Spielbetrieb teilnehmen können.
 
Bislang geht der Plan auf, die Fans ziehen mit. Das sportlich bedeutungslose Testspiel bei Fünftligist Tasmania Berlin wollten Ende Juli 4.500 Menschen sehen, dem ersten Pflichtspiel gegen den 1. Traber FC wohnten mehr als 1.000 Interessierte bei, die teilweise sogar aus München angereist waren und einen souveränen 5:1-Erfolg ihrer neuen Helden erlebten. Nerlich selbst lief wegen einer Verletzung nicht auf, nahm sich stattdessen aber ausgiebig Zeit für Fotos mit seinen Fans. Es sind die Bilder einer neuer Fußballzeit.

Sendung: rbb24, 15.08.2022, 18:00 Uhr