Stadion soll 2027 fertig sein, der Park nicht Quo vadis, Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark?

Stand: 02.07.2022 18:41 Uhr

Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark soll die Inklusions-Vorzeige-Sportstätte Berlins werden. Vorschläge zum Neu- oder Umbau gibt es schon. Doch während das Stadion 2027 fertig sein soll, ist die Zukunft des Parks ungewiss. Von Stephanie Baczyk

Das Treffen mit Philipp Dittrich fühlt sich an wie ein Déjà-vu. Die Sonne scheint, Dittrich trägt Hemd und ist mit dem Fahrrad gekommen. So wie zum letzten Interviewtermin, im Sommer 2020. Aber vor allem der Ort vermittelt das Gefühl eines bereits erlebten Momentes: Das Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, das der Berliner Senat gerne als inklusives Leuchtturm-Projekt, als Sportstätte für Menschen mit und ohne Behinderung bezeichnet.
 
Vom Eingang der grau betonierten Haupttribüne aus betrachtet sieht es heute immer noch so aus wie vor zwei Jahren.

"Das größte Problem in der ganzen Abfallwirtschaft"

Neu ist das angepeilte Datum für die lange geplanten Fertigstellung des in die Jahre gekommenen, maroden Stadions - nach dessen Neu- bzw. Umbau. 2027 soll es nun endlich soweit sein. Dittrich, Architekt und Mitglied der Bürgerinitiative Jahnsportpark, ist seit einiger Zeit Teil des elfköpfigen Preisgerichts eines offenen, zweiphasigen Realisierungswettbewerbs. "Und es besteht nach wie vor das Interesse des Erhalts einzelner Elemente“, sagt er zufrieden.

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Von Seiten des Senats wurde in der Vergangenheit ein Komplettabriss und Neubau präferiert, doch schon damals wies nicht nur die Bürgerinitiative vehement auf den historischen Hintergrund des Stadions und das Thema Ressourcenschonung hin. Dittrich bezeichnete den Bauschutt als "das größte Problem in der ganzen Abfallwirtschaft". Der Linken-Abgeordneten Michail Nelken fragte konkret nach der Menge an Trümmerschutt, die beim Rückbau der Stadionwälle und dem Abtragen weiterer Aufschüttungen im Bereich des Sportparks anfallen würden. Die damalige Antwort des Senats: "Gemäß geprüftem Bedarfsprogramm vom 08.10.2019 wird von ca. 60.000 Kubikmetern ausgegangen."

Besten 25 Ideen kommen eine Runde weiter

Im Rahmen des Realisierungswettbewerbs bekommen nun laut Ausschreibung auch die Einsendungen von Architekten und Landschaftsarchitekten eine Chance, die Teile des Baubestands erhalten - wie die Haupttribüne des Jahnstadions oder die markanten Flutlichtmasten. Letztere wären nicht mehr in Benutzung, würden aber für das Stadt- und Kiezbild erhalten bleiben.
 
"Wie heißt es immer so schön: unter Bewahrung stilbildender und stilprägender Elemente", bestätigt Martin Pallgen, der Sprecher des Senats für Stadtentwicklung die Vorgehensweise. "Und wer das Stadion im Prenzlauer Berg kennt, der weiß, dass die vier Flutlichtmasten sehr ikonisch sind. Und dass es auch viele Freundinnen und Freunde des Haupttribünengebäudes gibt - mit der roten Kunststofffassade- und Verkleidung. Der Auftrag an die Architektinnen und Architekten ist, zu gucken, ob man Teile davon erhalten kann."

Herausforderung: Barrierefreiheit

Die erste Phase des Realisierungswettbewerbs endete am 1. Juli, die besten 25 Ausarbeitungen und Ideen werden Anfang August bekannt gegeben und bekommen das Go für die zweite Wettbewerbsphase. In der geht es dann auch um die Tragwerksplanung, also die Statik - in dem Fall die angedachte Stadionüberdachung und die technische Gebäudeausrichtung.

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Eine der Herausforderungen ist das Thema Barrierefreiheit. Für Rollstuhlfahrer- und Fahrerinnen sollen 200 Plätze ohne Sichtbehinderung - inklusive der Fluchtwege - an mehreren Orten im Stadion geschaffen werden. Dafür braucht es Aufzüge und Rampen, Rettungswege dürfen sich nicht mit Fluchtwegen kreuzen. "Eine komplexe Aufgabe", weiß Architekt Dittrich. "Weil es drinnen auch sehr kleinteilig strukturiert ist. Man muss sich da sehr mit dem Bestand auseinander setzen."

Streitpunkt Park

97 Millionen Euro sind für das Stadion eingeplant - und dann wären da noch die kalkulierten 113 Millionen Euro für den Rest des Parks, der vom Vereins- und Breitensport genutzt wird. "Leider ist es so, dass das Stadion jetzt im Haushalt veranschlagt ist - und der Sportpark ist auf die nächste Legislaturperiode verschoben. "Auf 2026", kritisiert Dittrich.
 
Die Senatsverwaltung für Sport habe es nicht geschafft, das Bedarfsprogramm für den Park rechtzeitig fertigzustellen. Für die Teilnehmenden des Realisierungswettbewerbes heißt das: Bitte das Stadion und das Drumherum planen, obwohl für Letzteres kein richtiger Auftrag winkt.

Philipp Dittrich

Architekt und Mitglied der Bürgerinitiative Jahnsportpark: Philipp Dittrich

"Nur ein Gestaltungshandbuch erstellen heißt wenig Honorar. Das ist kein Ersatz für einen Planungsauftrag", so Dittrich weiter. "Aus unserer Sicht drückt es nicht die richtige Gewichtung aus. Eigentlich ist der Park der Ort, wo die Musik spielt, wo jeden Tag viele Leute vielen Sportarten nachgehen." Da seien sich die Bürgerinitiative, die sechs im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien und die ansässigen Vereine einig.

"Da werden nicht mal 200 Millionen reichen"

Carsten Maaß ist gleich um die Ecke vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark groß geworden. Er ist in der Gleimstraße aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Heute ist er Geschäftsführer des SV Empor und Präsident des Bezirkssportbundes Pankow. "Je länger das Ganze hinausgezögert wird, desto höher werden auch die Kosten", sagt Maaß. "Ich behaupte mal, da werden am Ende für den Park nicht mal 200 Millionen reichen."
 
Maaß und die anderen Nutzer des Parks, unter anderem der Behindertensportverband und der Verein Pfeffersport, rechnen damit, dass dieser Teil des Projekts 2035 fertig sein könnte - realistisch gesehen. Er betont die Dringlichkeit und die Wartelisten der Vereine, auf der hunderte Kinder stünden.

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Senatssprecher Martin Pallgen begründet das Vorgehen auf Nachfrage des rbb unter anderem mit den veranschlagten Kosten. "Es wird ja zusammen gedacht, aber 97 Millionen bekommen Sie halt leichter im Haushalt beschlossen als 200 Millionen Euro für die Entwicklung eines Sportstandorts", sagt er. "Alles gleichzeitig zu machen und den Jahnsportpark und auch die Nachbarschaft - wir reden von einem ziemlich dicht bewohnten Gebiet mitten in der Innenstadt - über massive Bauarbeiten zu belasten, halte ich auch für den falschen Weg. Erst das Stadion, dann der Sportpark, der ja vorhanden ist. Es ist ja nicht so, als gäbe es da nichts. Es geht darum, dass er qualifiziert werden soll."
 
Carsten Maaß und Philipp Dittrich sind skeptisch ob der Vorgehensweise. Dittrich hofft, dass "der Ehrgeiz nicht erlahmt, wenn man das Stadion fertig hat."
 
Oder anders gesagt: Dass das Déjà-vu des Stadions nicht zum Déjà-vu des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks wird.

Sendung: rbb24 Inforadio, 30.062022, 17:15 Uhr