Bundesliga | Relegation Hertha im Abstiegsfall: Einschnitte auf allen Ebenen

Stand: 17.05.2022 21:54 Uhr

Noch kann Hertha BSC den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga schaffen. Doch sollte auch die Relegation gegen den Hamburger SV verloren gehen, steht Vieles auf dem Prüfstand.

Es werde "natürlich, egal was kommt, einen größeren Umbruch geben", hatte Herthas Geschäftsführer Fredi Bobic bereits vor dem letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga angekündigt. Sollte der Verein nach den Relegationsspielen gegen den Hamburger SV tatsächlich den Gang in die zweite Liga antreten müssen, beträfe dieser Umbruch allerdings nicht nur die Mannschaft von Hertha BSC.

So sagt etwa Herthas Präsidiumsmitglied Christian Wolter gegenüber dem rbb: "Es geht durch den gesamten Verein, bis runter zu den Übungsleiter-Pauschalen im Nachwuchsbereich." Zudem baue man "Personal ab, gerade in der Geschäftsstelle." Wolter weiß, wovon er spricht. Bei Herthas bis dato letztem Abstieg 2012 saß er in Herthas Finanzausschuss. Damals umfasste die Verwaltung des Bundesligisten 60 Mitarbeiter, von denen anschließend 14 gehen mussten. Inzwischen arbeiten "da weit über 100 Leute", so Wolter.

Die Etats sinken drastisch

Wie stark die Einschnitte diesmal wären, vermag Wolter nicht zu sagen. Kein Wunder, schließlich hängt das an zu vielen Unwägbarkeiten. Welche Sponsoren-Verträge gelten zu welchen Konditionen auch für die zweite Liga? Welche Spielerverträge haben auch nach einem Abstieg noch Gültigkeit? Wie sehr leiden die Ticket-Einnahmen? Nach dem Abstieg 2012 etwa lag der Zuschauerschnitt bei für die zweite Liga starken 40.000 verkauften Tickets pro Partie. Dennoch waren das knapp 13.000 verkaufte Eintrittskarten pro Spiel weniger als noch im Jahr zuvor.

Und auch die Einnahmen aus den TV-Rechten sinken in der zweiten Liga, auch wenn selbst hier nicht absehbar ist, in welcher Höhe genau. Schließlich ergeben sich die Erlöse pro Verein je nach den Platzierungen der vergangenen drei Jahre und im Mittelwert. Genaue Zahlen sind also reine Spekulation. Schaut man jedoch auf die Absteiger der vergangenen Saison, ahnt man, wohin die Reise führen konnte. So musste Schalke 04 seinen Etat für die Lizenzspieler kolportiert von 80 auf etwa 25 Millionen Euro eindampfen. Mit-Absteiger Werder Bremen soll von circa 47 Millionen Euro auf etwa 18 Millionen Euro gekürzt haben.

Präsident Gegenbauer hat seinen Rücktritt angekündigt

Klar sind bei Hertha immerhin einige Personalien. So hat Hertha-Präsident Werner Gegenbauer bereits angekündigt, bei einem Abstieg von seinem Amt zurücktreten zu wollen. Allerdings ist ein Rücktritt selbst bei Klassenerhalt nicht gänzlich ausgeschlossen. Immerhin gibt es für die Mitgliederversammlung am 29. Mai einen Abwahl-Antrag. Zwar benötigt der unwahrscheinliche 75 Prozent der Stimmen aller Anwesenden. Doch nicht nur Christian Wolter vermutet, dass ein breites Misstrauens-Votum gegen Gegenbauer zu einem freiwilligen Rücktritt des Präsidenten führen könnte. Fredi Bobic als Geschäftsführer Sport hingegen hat in der Vergangenheit bereits betont, seinen Vertrag auch für die zweite Liga unterschrieben zu haben.

Was macht Investor Lars Windhorst?

Mit welchen Spielern Hertha das Projekt Wiederaufstieg angehen würde, ist noch völlig unklar. Sowohl in Hinblick auf sportlichen Wünsche der Führungsriege als auch in Hinblick der Finanzierbarkeit. Immerhin sagt Christian Wolter: "Ich denke, dass die Mannschaft in der zweiten Liga gehalten werden könnte." Wohl auch, weil Wolter davon ausgeht, dass Investor Lars Windhorst nach einem Abstieg nicht plötzlich aus seinem Investment aussteigt, sondern eher dafür Sorge tragen würde, den vermeintlichen Betriebsunfall so schnell wie möglich zu korrigieren. Wertsteigerung ist in der zweiten Liga jedenfalls kaum möglich.

Dass auch ein starker Kader keine Garantie für den direkten Wiederaufstieg ist, davon kann Peter Niemeyer berichten. Der Ex-Herthaner und heutige Sportdirektor von Preußen Münster spielte 2012 Zweitliga-Fußball für die Hertha und sagt gegenüber dem rbb: "Es ist kein Selbstläufer, wie es damals hieß: Ja, mit Hertha spielst Du ein Jahr zweite Liga und dann steigst Du wieder auf. Das ist schon ein sehr, sehr großer Kraftakt."

Zusammenhalt als Erfolgsformel

Vor allem mental sei die Mannschaft damals gefordert gewesen, so Niemeyer. Man müsse Spiele wie in Sandhausen oder Regensburg, in der vermeintlichen Fußball-Provinz der zweiten Liga, ebenso annehmen wie das Niveau der Liga insgesamt. Um das zu schaffen, so Niemeyer, gehe nichts über Zusammenhalt - zwischen Fans und Verein, zwischen Stadt und Klub. "Wir hatten den Schulterschluss mit den Fans, das war der Schlüssel zum Erfolg", so Niemeyer über den Aufstieg 2013. Aktuell, sagt Peter Niemeyer, habe man als Außenstehender nicht das Gefühl, als wenn bei der Hertha "die Rädchen ineinander greifen. Das nimmt man so wahr und das tut mir total weh." Aber wie sagte Fredi Bobic? Es werde "natürlich, egal was kommt, einen größeren Umbruch geben". Na dann.

Sendung: rbb24, 17.05.2022, 22 Uhr