NDR-Sport Teamcheck Eintracht Braunschweig: Wer ist reif für die Zweite Liga?

Stand: 10.05.2022 14:45 Uhr

Der Aufstieg in die Zweite Liga ist geschafft. Nun muss Eintracht Braunschweig eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenstellen. Wo besteht Bedarf? Wer kann auch in Liga zwei mithalten? Der Kader im Datencheck.

Aufstiegserfahrung hat Eintracht Braunschweig reichlich, doch noch nie war der Sprung in eine höhere Liga so unspektakulär wie am Sonntag: Da Kaiserslautern bei Viktoria Köln unterlag, stiegen die Niedersachsen "auf dem Sofa" in die Zweite Bundesliga auf. Gefeiert wurde trotzdem mit den Fans im Stadion. Mittendrin auch Sportchef Peter Vollmann und Trainer Michael Schiele.

Sie genossen den etwas unerwarteten Erfolg. Doch nun müssen die Planungen intensiviert werden, um ein Team zusammenzustellen, das in der kommenden Saison die Klasse halten kann.

Kein großer Umbruch, aber Investitionen geplant

Dabei steht die Eintracht vor Fragen, die alle Aufsteiger beantworten müssen: Wer soll gehalten werden? Wie viele neue Spieler kann ein Team integrieren? Wie hoch sind überhaupt die finanziellen Mittel?

Einigkeit besteht darin, dass es keinen großen Umbruch geben soll. Punktuell soll aber natürlich die Qualität gesteigert werden, wie Vollmann im NDR Interview bekräftigte: "Teile dieser Mannschaft sind absolut zweitliga-tauglich. Es wäre aber vermessen zu sagen: Alle sind zweitliga-tauglich. Natürlich wird es die eine oder andere Veränderung geben."

Dabei wollen die Niedersachsen ihre wirtschaftlichen Mittel durchaus ausschöpfen. "Wir müssen deutlich mehr investieren als beispielsweise beim Aufstieg vor zwei Jahren", unterstrich Vollmann bei der Aufstiegsfeier am Sonntag. Acht neue Profis sollen laut Braunschweiger Medien kommen.

Im Vergleich zu anderen Clubs werden die Ausgaben aber überschaubar bleiben. "Wenn ich das Mittelfeld der Zweiten Liga sehe, dann sind wir auch da noch sehr weit hinterher. Wir müssen versuchen, dies so gut wie möglich zu kompensieren und versuchen, auf allen Ebenen maximal gut arbeiten, um diese wirtschaftlichen Defizite auszugleichen", erklärte Vollmann.

Zwölf Verträge laufen im Sommer aus. Vollmann hat deshalb ein wenig Spielraum, auch wenn einige dieser Kontrakte verlängert werden sollen. Doch wer sollte bleiben? Wer besser nicht gehalten werden? NDR.de blickt mit Hilfe der GSN-Daten auf die einzelnen Mannschaftsteile.

Tor

Jasmin Fejzic ist seit Jahren die Nummer 1 bei der Eintracht und Kapitän der Aufstiegsmannschaft. Doch laut GSN-Daten sollten sich die "Löwen" im Tor nach einem neuen Stammkeeper umsehen. Fejzics GSN-Index, der die Leistungsfähigkeit eines Spielers beschreibt, liegt bei 51,73 und damit knapp unter Zweitliga-Niveau.

Das steckt hinter dem GSN-Index

Vier-Säulen-Prinzip:

  • 1. "fußballerische Eigenschaften": Technik, Spielübersicht oder der erste Kontakt: Einschätzungen über 130 fußballspezifische Eigenschaften von mehr als 300 Scouts weltweit.
  • 2. "fußballerisches Potenzial": Wo werden Spieler besser, wo stagnieren sie oder entwickeln sich zurück? Ein Algorithmus analysiert Daten aus der ersten Säule und vergleicht Spielertypen.
  • 3. "Performance auf dem Spielfeld": Tore, Pässe, Fouls, Schüsse oder auch Abseitspositionen: die Spiel-Basisdaten und weiterführende Analysen wie "Expected goals" oder "Action scores" werden durch einen Algorithmus in einen übergeordneten Kontext gesetzt - zum Beispiel positionsbezogen.
  • 4. "Spielniveau": Jede Mannschaft oder Liga hat einen Zahlenwert, der ihre Stärke bemisst. Oberliga oder Champions League: Umso höher das Spielniveau des Gegners, desto positiver wirkt es sich auf den GSN-Index aus.

Bewertungs-Skala:

  • 85 - 100: Weltklasse
  • 70 - 85: internationale Klasse
  • 60 - 70: Durchschnitt Bundesliga bzw. der Top 5 Ligen
  • 50 - 60: Durchschnitt 2. Bundesliga
  • 40 - 50: Durchschnitt 3. Liga
  • 30 - 40: Durchschnitt Regionalliga

Zwei GSN-Index-Werte:

  • aktueller GSN-Index: zeigt die aktuelle, allumfassende Qualität eines Spielers basierend auf den Daten der vier Säulen und Algorithmus-Berechnungen.
  • möglicher GSN-Index: Künstliche Intelligenz ermittelt anhand der Daten das bestmögliche, zukünftige Leistungsniveau eines Spielers.

Hier stehen Vollmann und Schiele vor der schwierigen Frage, ob sie weiter einem sehr verdienten Profi vertrauen, der möglicherweise nicht den gehobenen Ansprüchen in der Zweiten Liga gerecht wird - und bereits 35 Jahre alt ist - oder einen frischen Impuls setzen.

Innenverteidiger

Brian Behrendt ist ein Führungsspieler der Braunschweiger und wird dies laut GSN-Index auch in der Zweiten Liga sein. Er ist allerdings der einzige Innenverteidiger im aktuellen Kader, der die Voraussetzungen für die höheren Aufgaben erfüllt.

Im Abwehrzentrum muss die Eintracht personell nachlegen und wohl mindestens zwei neue Spieler verpflichten.

Außenverteidiger

Niko Kijewski und Lasse Schlüter sind auf der linken Defensivseite bewährte Kräfte, die auch in Liga zwei eine gute Rolle beim Aufsteiger spielen können. Bei beiden laufen die Verträge aus, sie dürften aber neue Angebote von den Niedersachsen erhalten. Kijewski erklärte bereits in der "Braunschweiger Zeitung": "Wir werden uns zeitnah mit dem Verein zusammensetzen und eine Lösung finden."

Auf der Rechtsverteidiger-Position sollte sich die Eintracht hingegen auf dem Transfermarkt umsehen. Jan-Hendrik Marx war zuletzt auf dieser Position gesetzt. Die GSN-Daten weisen ihn aber nur als guten Drittliga-Spieler aus.

Defensives Mittelfeld

Das Prunkstück der Eintracht und auch ohne Verstärkungen absolut zweitliga-tauglich. Jannis Nikolaou und Robin Krauße sind eine bewährte "Doppelsechs" und werden dies wohl auch in Liga zwei sein.

Bryan Henning komplettiert das Mittelfeldzentrum in einer offensiveren Rolle. Als gelernter defensiver Mittelfeldspieler ist er aber auch jederzeit eine Alternative für Krauße oder Nikolaou.

Offensives Mittelfeld

Schiele lässt sein Team im 4-2-3-1-System spielen. Die zentrale offensive Mittelfeldposition wurde in dieser Formation - wie schon erwähnt - meist von Henning besetzt, weil dieser mit seinen Defensiv-Qualitäten für Stabilität sorgt.

Interessant ist ein Blick auf die Außenpositionen im Mittelfeld: Jomaine Consbruch hat großes Potenzial und laut GSN das Zeug zum Bundesliga-Spieler. Er ist allerdings von Arminia Bielefeld ausgeliehen und dürfte nur schwer zu halten sein. Eine Stütze bleiben dürfte hingegen Maurice Multhaup, nicht zuletzt aufgrund seiner Variabilität.

Hartmann mit Potenzial, Kobylanski vor dem Abschied

Noch keine bedeutende Rolle hat bislang der von RB Leipzig ausgeliehene Fabrice Hartmann gespielt. Dies sollte er aber tun. 55,54 beträgt sein derzeitiger GSN-Index, Potenzial hat der Außenspieler aber für einen Wert von 68,26. Sein Entwicklungspotenzial ist also groß. Der Leihvertrag läuft aus, die Eintracht wäre gut beraten, sich um eine Verlängerung zu bemühen.

Und dann gibt es noch die Personalie Martin Kobylanski: Der Pole (GSN-Index von 59,48) ist ein Beispiel dafür, dass individuelle Fähigkeiten nicht in jedem System voll zur Geltung kommen. Kobylanski hat überdurchschnittliche fußballerische Qualitäten, mit denen er auch in Liga zwei locker mithalten könnte.

Doch da er als offensiver Mittelfeldspieler defensiv zu schwach ist, lief er unter Schiele, wenn überhaupt, fast ausschließlich als "Joker" auf. Sein Vertrag endet im Sommer, eine Verlängerung wäre eine Überraschung.

Selbst wenn Kobylanski in Braunschweig bleiben sollte, braucht die Eintracht im offensiven Mittelfeld Verstärkung. In diesem Bereich ist der Kader recht dünn besetzt.

Angriff

Lion Lauberbach ist mit zwölf Treffern bester Torschütze der Eintracht und eigentlich nicht aus der Mannschaft wegzudenken. Oder doch? Sein GSN-Index liegt bei lediglich 49,74, sein Potenzial reicht für einen Wert von 52,05.

Lauberbach dürfte also in der Zweiten Liga Probleme bekommen. Die Eintracht wäre deshalb gut beraten, sich im Angriff nach Verstärkungen umzusehen, zumal es kaum Alternativen gibt.

Die GSN-Datenanalyse weist dem bis zum Saisonende ausgeliehenen Luc Ihorst das größte Potenzial im Eintracht-Sturm zu. Er passt aber ähnlich wie Kobylanski nicht in Schieles System. Und Benjamin Girth dürfte bestenfalls eine Rolle als Einwechselspieler ausfüllen.

Fazit

Die Eintracht hat vor allem im Defensivzentrum mit Behrendt, Krauße, Nikolaou und Henning ein gutes Fundament für eine konkurrenzfähige Zweitliga-Mannschaft. Handlungsbedarf besteht allerdings in allen Mannschaftsteilen.

Vollmann und Schiele müssen zudem die (schwierige) Entscheidung treffen, ob sie weiterhin auf Drittliga-Leistungsträger wie Fejzic und Lauberbach setzen und hoffen, dass diese besser spielen, als es ihr Potenzial eigentlich hergibt. Oder ob sie durch Neuzugänge ersetzt werden.

Dies ist nicht zuletzt eine finanzielle Frage. "Die Qualität von Spielern richtet sich letztlich über den Preis. Und da stehen wir in dieser Liga wirtschaftlich an letzter Stelle", so Vollmann. Alle Wünsche wird er seinem Trainer nicht erfüllen können.

Eine Mannschaft ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile

Es wird für den Aufsteiger darum gehen, genau das zu tun, was der Sportchef selbst formuliert hat: maximal gut zu arbeiten. Spieler zu finden, die ins gut funktionierende System von Schiele passen. Eine homogene Mannschaft zu formen, die mit Euphorie in die Saison geht.

Denn auch das zeigt sich im Fußball immer wieder: Manchmal spielen Mannschaften besser, als es die Einzelspieler vermuten lassen. Und darin liegt die Chance von Eintracht Braunschweig.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 08.05.2022 | 22:50 Uhr