NDR-Sport Per Zufall zum Marathoni: Hafton Welday träumt von Olympia

Stand: 28.06.2022 16:35 Uhr

Seine Liebe zum Laufen entdeckte Haftom Welday vor einigen Jahren zufällig. Er musste schnell rennen, um den Bus nicht zu verpassen. Inzwischen ist der gebürtige Äthiopier ein ausgezeichneter Langstreckler und träumt von Olympia 2024.

Von Hanno Bode

Viel Landwirtschaft und über 100 Jahre alte Häuser prägen das Bild der niedersächsischen Kleinstadt Pattensen. Bushaltestationen gibt es in dem rund 15.000 Einwohner zählenden Ort südlich von Hannover auch - allerdings nicht wie in Metropolen an jeder Ecke. Ein Umstand, der Welday sozusagen Beine machte. "Dass ich schnell laufen kann, merkte ich, als ich drei Kilometer rennen musste, um einen Bus zu kriegen", schreibt der heute 32-Jährige auf seiner Homepage.

Nach Weldays Flucht 2014 aus Äthiopien war Pattensen vorübergehend seine neue Heimat geworden. Im niedersächsischen Flachland begann er mit Billig-Turnschuhen aus dem Discounter täglich seine Runden zu drehen und steigerte sein Pensum kontinuierlich. Mit der Zeit änderte sich nicht nur das Schuhwerk: Hatte der dreifache Familienvater zunächst an kleineren regionalen Wettkämpfen über Kurzdistanzen teilgenommen, folgte im vergangenen September sein Debüt beim Marathon in Berlin. In 2:13:47 Stunden überquerte Welday die Ziellinie als 13.

Beim Laufen vergisst Welday die gefährliche Flucht

Er wisse, dass er noch schneller laufen könne und wolle herausbekommen, wo seine Grenzen liegen, verkündete der aus Tigray im Norden Äthiopiens stammende Leichtathlet danach. Nach seinem Umzug Ende 2021 nach Hamburg intensivierte Welday sein Training. Bis zu 60 Kilometer spult er täglich ab. "Wenn ich laufen gehe, fühle ich mich frei. Das ist unbezahlbar für mich", sagte er dem NDR und sprach damit auf seine bedrückende Lebensgeschichte an. Denn die Flucht aus Tigray, wo seinerzeit Bürgerkrieg herrschte, war gefährlich. Sie führte Welday nach eigenen Angaben zunächst drei Nächte lang durch die Sahara nach Libyen. Von dort aus sei es viele Wochen später dann über das Mittelmeer nach Europa gegangen.

Etliche Menschen haben auf dieser Fluchtroute ihr Leben gelassen. Welday kam unversehrt, aber von den Eindrücken der Reise psychisch schwer mitgenommen in seiner neuen Heimat, seinem neuen Leben an.

Beim Comeback Sechster beim Hamburg-Halbmarathon

Beim Laufen kann der 32-Jährige abschalten. Und auch beruflich hat er inzwischen Fuß gefasst. Jens Gauger, sein Trainer und Inhaber des Hamburger Laufladens, hat ihn in seinem Geschäft eingestellt, das praktischerweise nur einen Katzensprung vom Stadtpark entfernt ist. Dort dreht Welday, der zudem inzwischen durch Sponsoren unterstützt wird, täglich auf der Jahnkampfbahn oder im Schatten des Planetariums seine Runden. Eigentlich hatte er bereits beim Hamburg-Marathon im vergangenen April antreten wollen. Doch wegen einer durch einen Vitamin-D-Mangel ausgelösten Überbelastung der Oberschenkelmuskulatur sowie des Beckenbereichs musste er passen.

Erst jetzt, neun Monate nach seinem Debüt in Berlin, feierte Welday sein Wettkampf-Comeback. Beim Halbmarathon am vergangenen Sonntag in der Hansestadt wurde er in 63:44 Minuten Sechster.

Welday träumt von Olympia-Teilnahme in Paris

Im Ziel wartete bereits seine Frau Brtukan auf ihn. Beide strahlten mit der Sonne um die Wette, obwohl Welday sein Ziel, den Hamburger Rekord von Arne Gabius aus dem Jahr 2015 zu knacken, verfehlt hatte. Bei Temperaturen über 30 Grad und nach der langen Wettkampfpause war dies für den passionierten Langstreckler aber nebensächlich. "Es war sehr hart und ich bin gücklich, dass ich durchgelaufen bin", sagte der 32-Jährige.

Sein großes Ziel ist Olympia 2024 in Paris. Dafür benötigt er allerdings die deutsche Staatsbürgerschaft. Einen Antrag auf Einbürgerung hat Welday, der aktuell den Status als Staatenloser hat, im März gestellt. Nun wartet der Vater von Matheus und den Zwillingstöchtern Hana und Hyab auf eine Antwort: "Dann ist alles möglich - auch eine Olympia-Teilnahme 2024 für mein neues Heimatland."

Sollte sein Traum in Erfüllung gehen, wird er sicherlich noch einmal an damals zurückdenken. An Pattensen und den Bus, zu dem er immer drei Kilometer unter Zeitdruck laufen musste...

Dieses Thema im Programm:
Hamburg Journal | 26.06.2022 | 19:30 Uhr