Sportmedizin Der "Wunderheiler" Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wird 80

Stand: 12.08.2022 12:34 Uhr

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist der wohl bekannteste Sportmediziner der Welt - er behandelte Bayern-Stars und Usain Bolt. Seine "Wunderhände" machten ihn zum Mythos - bescherten ihm aber auch Kritik. Am Freitag feiert "Mull" seinen 80. Geburtstag.

Von BR24 Sport

Die 100 Meter, so behauptete Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt einst, sei er früher in elf Sekunden gelaufen. Um ihm das zu glauben, reicht es, den gebürtigen Ostfriesen auch nur einmal in Aktion gesehen zu haben. Wie er im Vollsprint, Arztkoffer in der Hand, mit wehendem Haar über den Rasen lief, während sein Physio verzweifelt versuchte, irgendwie zu folgen.

Genau dieses Bild haben sich wohl auch die meisten Bayern- und Nationalmannschafts-Fans vom "Doc", der am Freitag seinen 80. Geburtstag feiert, eingeprägt.

"Genie" und Phänomen" - Müller-Wohlfahrt

Der frühere FC-Bayern-Coach Jupp Heynckes nennt Müller-Wohlfahrt eine Kultfigur und beschreibt "Mull" als "ein Phänomen als Arzt und als Mensch." Über die Jahre entstand ein echter Mythos um den "Wunderheiler". Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß, der schon in den 1970ern auf den Sportmediziner vertraut hat, sagt über ihn: "In der Erkennung von Muskelverletzungen, aber auch vielen anderen Verletzungen ist er ein Genie."

Hände verlässlicher als Maschinen

Müller-Wohlfahrt sagt selbst über sich, dass er mit den Händen sehen kann - er vertraut seinen Händen mehr als dem Kernspin oder dem Ultraschall. Andere berichten, Verletzungen könne er auf wundersame Weise ertasten. Für seine Diagnosen verzichtet er auf jegliche Maschinen, diese benutzt er nur "für die Versicherung, weil die nicht glaubt, dass man nur mit den Händen diagnostizieren kann".

Für seine Behandlungsmethoden wurde Müller-Wohlfahrt immer wieder kritisiert, Kollegen hinterfragten seine Vorgehensweise. "Das mag ja alles sein, aber wo sind die Beweise, fragen mich die Ärzte," erklärt er selbst in einem Interview mit dem Stern. Am lautesten ist aber die Kritik wegen seiner Vorliebe für das Präparat Actovegin.

Kritik wegen des Medikaments Actovegin

Es fördert Wachstum und Vermehrung von Muskelzellen, ist aber, sofern es nicht intravenös gespritzt wird, nicht illegal. Die Anwendung ist in der Medizin, vor allem in Verbindung mit Spitzensportlern, umstritten. Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur, bezeichnete den Einsatz des Präparats mal als "Frankenstein-Experiment". Müller-Wohlfahrt sagte dem Stern entschieden, er würde niemals Dopingmittel verwenden und habe das auch nie in seinem Leben getan.

Wenn ein Spieler Stimulanzen nehme, sei er nämlich danach erschöpft und erleide im nächsten Spiel einen Leistungsabfall, erklärte Müller-Wohlfahrt 2018 in einem "Zeit"-Interview. Für diese Aussagen wurde er von der Doping-Agentur NADA und dem renommierten Nürnberger Anti-Doping-Experten Fritz Sörgel kritisiert, der sagte klar: "Mull redet Müll."

Der "Doc" der großen Sportstars

Die Kritik minderte aber nicht Müller-Wohlfahrts beruflichen Erfolg: Die Spieler des FC Bayern und zahlreiche Weltstars wie der mehrfache Olympiasieger Usain Bolt setzten und setzen immer noch auf die sehenden Hände des Mediziners: Usain Bolt widmete seinem "wundervollen Arzt" seine olympischen Goldmedaillen 2016 und schenkte ihm auch seine Weltrekordschuhe. Ohne seinen "Doc" wäre die Karriere des Supersprinters wohl schon früher zu Ende gewesen. Auch Sportgrößen wie Boris Becker, Katarina Witt oder Sven Hannawald waren Patienten von Müller-Wohlfahrt.

Zerwürfnis mit Pep Guardiola

Im April 2015, nach fast 38 Jahren beim FC Bayern, warf Müller-Wohlfahrt als Teamarzt hin. Eine Ära endete zumindest vorerst. Der Grund: Zwischen dem Mediziner und dem damaligen Bayern-Trainer Pep Guardiola soll Uneinigkeit über die Behandlung und die Genesungszeiten der Spieler geherrscht haben. Der Spanier monierte wohl, dass Spieler in seiner Heimat deutlich schneller wieder fit wären als in München. Dann zog sich Thiago im Frühjahr 2014 einen Innenbandriss zu. Er sollte maximal zwei Monate ausfallen.

Für Thiago und Guardiola war das nicht schnell genug. Also ließ sich der Spieler ohne Genehmigung von einem spanischen Arzt Kortison und Wachstumsfaktoren ins Innenband spritzen. "Vielleicht ein großer Fehler," wie Guardiola selbst später einräumte. Denn letztendlich verletzte sich Thiago erneut an der selben Stelle und fiel knapp ein Jahr lang aus. Müller-Wohlfahrt fühlte sich vom spanischen Trainer nicht verstanden: "Ich konnte nicht begreifen, dass ein Trainer, der so viele Lebensjahre zählte wie ich Berufsjahre bei den Bayern, mir und meiner Erfahrung keinerlei Gehör schenkte."

Schuldzuweisungen von Pep Guardiola

Mitte April 2015 kam es dann zum endgültigen Zerwürfnis zwischen Müller-Wohlfahrt und Pep Guardiola. Der FC Bayern verlor das Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Porto mit 1:3. Bastian Schweinsteiger, Medhi Benatia, Franck Ribery, Arjen Robben, Javi Martinez und David Alaba fehlten verletzt.

Der spanische Trainer machte die medizinische Abteilung für die Niederlage verantwortlich: "Ich wurde vor versammelter Mannschaft lautstark angegriffen und für die vielen Verletzten verantwortlich gemacht. Ich sei schuld am körperlichen Zustand der Spieler und letztlich an der Niederlage," berichtete Müller-Wohlfahrt.

Das war zu viel, der "Doc" entschied sich dazu den FC Bayern nach knapp vier Jahrzehnten zu verlassen. Doch die Geschichte zwischen den Münchner Kickern und Müller-Wohlfahrt war noch nicht zu Ende geschrieben. 2017, nachdem Guardiola weiter nach Manchester gezogen war, kehrte der "Wunderheiler" mit Trainer Jupp Heynckes noch einmal zurück. Für ihn war das Comeback "wie die Rückkehr zu einer Familie."

Endgültiger Abschied vom DFB-Team und dem FC Bayern

2018 beendete Müller-Wohlfahrt nach 23 Jahren seine Karriere in der Nationalmannschaft, zwei Jahre später zog er sich dann auch endgültig vom FC Bayern zurück. Seine Praxis in der Münchner Altstadt betreibt er bis heute. Er sei "getrieben", erklärte der Mann mit den sehenden Händen einmal. Ruhestand habe "keinen Sinn", solange er gefragt sei. Für ihn gehe es "immer vorwärts". Auch mit 80 Jahren noch im Vollsprint.

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt

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Quelle: BR24 12.08.2022 - 09:54 Uhr