Odd Christian Eiking - das Rote Trikot verleiht dem Norweger "extra Kraft"

Odd Christian Eiking

Vuelta

Odd Christian Eiking - das Rote Trikot verleiht dem Norweger "extra Kraft"

Von Tom Mustroph

Odd Christian Eiking verteidigt seit einer Woche überraschend solide das rote Führungstrikot bei der Vuelta. In den asturischen Bergen am Mittwoch (01.09.2021) und Donnerstag möchte er das fortsetzen und das Establishment der Klassementfahrer weiterhin ärgern.

Das rote Trikot fühlt sich offenbar gut an. Odd Christian Eiking, seit einer Woche stolzer Träger dieses Führungsleibchens, findet von Etappe zu Etappe immer mehr Gefallen an dem Textil. „Wir sind gewachsen in den letzten Tagen, ich und meine Teamkollegen auch. Wir hatten zuvor nicht so viel Gelegenheit zu zeigen, dass wir ein Trikot einer großen Landesrundfahrt verteidigen können. Jetzt demonstrieren wir aber, dass wir das können“, sagte der Profi des Rennstalls Intermarche Wanty Gobert am Ruhetag.

Auch tags darauf, nach der 16. Etappe, war Eiking weiter in Rot. Aufmerksam folgte er der Tempoverschärfung von Team UAE auf dem hügligen Parcours. „Ich gewöhne mich immer mehr an meine Rolle. Und das Trikot gibt mir extra Kraft und Motivation“, erzählte er munter.

Von der Loipe über den Rasen aufs Rad

An der Wiege wurden dem mittlerweile 26-Jährigen solche Erlebnisse nicht gesungen. „Ich begann wie alle Norweger erst mit dem Skifahren. Da war ich aber nicht so gut, und probierte etwas anderes“, gab er erfrischend offen zu. Das andere war zunächst Fußball, bis er schließlich im Alter von 14 Jahren beim Radsport hängen blieb. Er zeigte Talent, wurde vom Team Joker, damals der besten Nachwuchsschmiede Norwegens, aufgenommen. Auch Tobias Foss, 9. des Giro d’Italia 2021 und vor zwei Jahren Gewinner des prestigeträchtigen Nachwuchsrennens Tour de l’Avenir, und Klettertalent Carl Fredrik Hagen, ebenfalls mit einem Top-10-Ergebnis bei einer Grand Tour, wuchsen bei Joker heran.

Aus Norwegen stammt mit Tobias Halland Johannessen auch der diesjährige Gewinner der Tour de l’Avenir. Eine echte Leistungsträgerwelle aus dem kalten Norden für den Sommersport. Um die Tour de l’Avenir einzuordnen: Unmittelbar vor Foss und Johannessen trugen sich die späteren Toursieger Tadej Pogacar und Egan Bernal in die Siegerliste dieser „kleinen Tour de France“ ein.

Vorn dank einer Massenflucht

Bernal ist auch bei dieser Vuelta. Er gesteht, dass es nicht einfach sei, den Wikinger Eiking aus dem Roten Trikot zu fahren. „Er trägt es, weil er stark ist und sehr solide fährt“, meinte Bernal. Eiking verdankt seine Führungsposition ursprünglich zwar nur einem erfolgreichen Ausreißversuch. Auf der 10. Etappe fuhr eine 31 Mann starke Fluchtgruppe über elf Minuten Vorsprung heraus. Danach hielt er aber wacker mit, wenn Top-Favoriten wie Primoz Roglic oder Miguel Angel Lopez attackierten.

Die härtesten Prüfungen stehen dem Überraschungsmann aber mit dem Lagos de Covadonga am Mittwoch und dem Alto d`El Gamoniteiro am Donnerstag noch bevor. Den Covadonga immerhin kennt Eiking. Vor fünf Jahren fuhr er ihn bei seiner ersten Grand Tour überhaupt. „Ich erinnere mich gut an ihn. Ein harter Brocken, vorher müssen wir jetzt auch gleich zwei Mal über die Collada Llomena. Es wird ein sehr schwieriger Tag“, blickte er voraus. Die Collada Llomena weist Maximalsteigungen von 14 Prozent, der Covadonga gar von 20 Prozent auf.

Den finalen Berg am nächsten Tag, den Alto d‘ El Gamoniteiro, kennt noch niemand vom Wettkampf her. Der knapp 15 km lange Anstieg ist zum ersten Mal im Vuelta-Programm. Er gilt als neuer ikonischer Berg des Radsports, in einer Liga mit dem Zoncolan in Italien und dem Tourmalet in Frankreich. „An beiden Tagen kann ich, wenn es schlecht läuft, sicher jeweils 10 Minuten verlieren. Aber freiwillig werde ich das Trikot auch nicht hergeben“, meinte Eiking.

Biereskapade bei der Vuelta 2017

Eines wird ihm dieser Tage sicher nicht passieren: Wegen des Genusses von zu viel Bier vom Rennen ausgeschlossen zu werden. Das passierte ihm bei seiner zweiten Vuelta im Jahr 2017. FDJ-Teamchef Marc Madiot nahm damals selbst den Norweger aus dem Rennen. „Es waren sicher mehr als nur zwei Bier“, meinte der Franzose. Eiking sah sich damals als Sündenbock behandelt. „Wir hatten zuvor im Team Wein getrunken. Dann sind wir noch an eine Bar für ein paar Bier gegangen. Das war nicht das erste Mal. Wir sind dann auch etwas später als elf Uhr ins Hotel gekommen. Ich hatte keinen Vertrag fürs nächste Jahr. An mir hat man ein Exempel statuiert“, erklärte er die Situation.

In diesem Jahr bewahrt ihn die Hygieneblase der Vuelta davor, in einer der wieder geöffneten Bars in Spanien einzukehren. Manch ein auf Disziplin versessener Teamchef könnte daran auch in der Zukunft, ganz ohne Covid 19, Gefallen finden.

Eiking der neue Pereiro?

Aktuell will Odd Christian Eiking vor allem durch Leistung überzeugen. Vor Augen hat er auch das Beispiel des Oscar Pereiro. Der fuhr 2006 dank einer Massenflucht ins Gelbe Trikot der Tour de France. Der Spanier allerdings wurde erst nachträglich zum Tour-Sieger erklärt, weil der auf den Champs Elysees noch zum Sieger gekrönte US-Amerikaner Floyd Landis neben Bier und Whisky - was er zugab - noch mehr Testosteron als von den Antidopingregeln erlaubt im Körper hatte. Aber Doping ist gerade gar kein Thema im Radsport - trotz der vom Portal Procyclingstats errechneten höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit von World-Tour-Rennen in einer Saison seit dem Jahr 2008.

Stand: 01.09.2021, 09:33

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