Das Team Bora-hansgrohe bei der Teampräsentation der Tour de France in Kopenhagen
Tourreporter

Nachwuchssorgen Die Basis des deutschen Radsports bröckelt

Stand: 04.07.2022 14:30 Uhr

Neun deutsche Radprofis fahren derzeit die Tour de France - so wenige waren es zuletzt vor 22 Jahren. Und die Zukunft des deutschen Radsports sieht düster aus.

Von Michael Ostermann, Sønderborg

Am Sonntagabend (03.07.2022) hat sich der Tross der Tour de France auf die 905 Kilometer lange Reise von Sønderborg, dem Zielort der 3. Etappe, nach Dünkirchen begeben, wo am Dienstag die 4. Etappe startet.

Der Umzug von Dänemark nach Frankreich ist mit großem Aufwand verbunden. Die Fahrer und ihre Entourage wurden mit fünf Charterfliegern ins Mutterland der Tour verfrachtet. Der Rest der gigantischen Reisegruppe begab sich auf der Autobahn über Hamburg und das Ruhrgebiet in Richtung Frankreich.

Sebastian Krause, Sportschau, 04.07.2022 14:04 Uhr

Nur neun deutsche Tourstarter

Der Weg führt durch ein Land, das große Sorgen hat, wenn es um den Radsport geht. Neun deutsche Radprofis gehören zum Tross der 109. Ausgabe der Tour. So wenige waren es zuletzt im Jahr 2000, sieben Jahre später waren 19 Deutsche dabei - ein Spitzenwert. "Ich glaube, dass das schon Teil einer Entwicklung ist", sagt Jonas Rutsch vom Team EF Education-Easy Post, einer der neun aktuellen Tourstarter.

Die neun deutschen Tour-Starter und ihre Ziele

Sportschau, 02.07.2022 14:13 Uhr

Es gab jedoch seit 2007 Jahre, in denen auch mal nur zehn deutsche Fahrer in Frankreich unterwegs waren. Ein Trend lässt sich also nicht zwangsläufig an der Anzahl der Fahrer mit deutschem Pass ablesen. Wo genau also steht der Radsport hierzulande? Woran fehlt es? "Grundsätzlich fehlt es uns in der Breite", sagt Ralph Denk, der Teamchef des deutschen World-Tour-Teams Bora-hansgrohe. "In der Spitze sieht es noch ganz gut aus."

Generation Jan Ullrich

Die aktuelle Generation deutscher Radprofis hat zu einem großen Teil in ihrer Kindheit und Jugend noch die Ausläufer des Radsport-Booms miterlebt, den der Toursieg von Jan Ullrich vor 25 Jahren auslöste. "Jan Ullrich hat meine Kindheit geprägt", sagt der deutsche Meister Nils Politt, 28.

Vielen Kindern und Jugendlichen ging es damals wie John Degenkolb. "Jan Ullrich war mit einer der Gründe, warum ich mit dem Radfahren angefangen habe", sagt der 33 Jahre alte Profi vom Team DSM. Die von Ullrichs Erfolg zum Radsport gelockten Nachwuchsfahrer fanden zahlreiche Rennen vor, wo sie sich von Beginn an messen konnten.

Immer weniger Jugendfahrer

Doch mit den großen Dopingskandalen 2006 bis 2008 und dem Sturz des nationalen Radsporthelden Ullrich wandte sich nicht nur ein Großteil des Publikums von der Tour de France ab, sondern auch viele Sponsoren, die zuvor lokale Rennen unterstützt hatten. Und der Radsport verlor dazu seine Faszination. Nach Angaben des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) betrug die Zahl der Rennlizenzen im Jahr 2006 allein in der U19-Klasse noch 1.054. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 369. Ein dramatischer Rückgang.

Natürlich wäre es zu einfach, den Rückgang an jungen Radsportlern alleine auf die Dopingskandale im Profiradsport zu schieben. Radsport ist teuer, zeitintensiv und schmerzhaft. "Es ist ein harter Sport. Und ich beobachte in meinem Umfeld, dass es heutzutage oft so ist: Wenn es ein bisschen wehtut, lasse ich es lieber und mache vieleicht eine andere Sportart", sagt Rutsch. "Es fehlt der Biss."

Der Radsport ist mit seinen Nachwuchssorgen jedoch nicht alleine. Viele Sportarten klagen schon lange darüber, dass sie die Jugendlichen nicht mehr erreichen. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, Ganztagsschule und Ablenkung durch digitale Angebote gehören dazu. Die Corona-Pandemie und die vorübergehende Schließung des Vereinssports haben diese Nöte noch vergrößert.

30 Prozent weniger Rennen

Hinzu kommt eine gesellschaftliche Entwicklung, in der der organisierte Sport ganz allgemein an Boden verliert. Im Mai konstatierte der Vorstandsvorsitzende des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT), Prof. Martin Engelhardt, dass "die Begeisterung für den Sport und den Hochleistungssport wieder in die Gesellschaft getragen werden" müsse. Diesbezüglich haben wir große Probleme im Vergleich zu anderen Nationen".

Diese Begeisterung zu erzeugen, geht aber nur, wenn dafür Möglichkeiten geschaffen werden können. Fast jeder, mit dem man über den Zustand des deutschen Straßenradsports spricht, beklagt, dass es zu wenige Rennen gibt. "Als ich jung war, konnte ich an jedem Wochenende im Umkreis von 100 Kilometern drei Rennen fahren. Heute gibt es manchmal im Umkreis von 300 Kilometern gar kein Rennen", sagt der Sportschau-Experte Fabian Wegmann. Das deckt sich mit den Zahlen des BDR. Dort schätzt man, dass die Zahl der Rennveranstaltungen in den vergangenen 15 Jahren um rund 30 Prozent zurückgegangen ist.

Hoher Aufwand für Radrennen

Wegmann weiß aus eigener Erfahrung auch, wie schwer es ist, in Deutschland ein Radrennen auf die Straße zu bringen. Der 42 Jahre alte ehemalige Radprofi ist auch Direktor der Deutschland-Tour und kämpft Jahr für Jahr darum, eine Strecke zu entwerfen. Viele Kommunen scheuen den Aufwand, den es erfodert, Straßen für ein Radrennen abzusperren.

"Das größte Problem sind die Kosten", sagt Wegmann. "Es gab in den letzten Jahren immer höhere Sicherheitsauflagen, das kostet Geld, und viele Kommunen können das nicht bezahlen. Und dann gibt es das Problem der Haftbarkeit, das Risiko wollen viele nicht eingehen." Das gilt auch für kleinere, lokale Rennen. Für die habe sich das nötige Budget teilweise verzehnfacht, weiß Wegmann.

Hilferuf an die Politik

Auch Ralph Denk beklagt die hohen Hürden, denen Veranstalter von Straßenrennen heutzutage ausgesetzt sind. "Ich war vergangene Woche bei einem regionalen Kids-Cup im Mountainbike. Da waren 300 Teilnehmer im Alter von sieben bis 15", erzählt Denk. "Das ist natürlich viel einfacher zu organisieren als ein Straßenrennen, aber ich bin schon der Meinung, dass der Verband gemeinsam mit der Politik Lösungen finden muss, dass auch Straßenrennen wieder einfacher zu organisieren sind." BDR-Präsident Rudolf Scharping hat schon einen Vorstoß bei der Bundesinnenministerkonferenz gemacht. Ohne Ergebnis. "Wir brauchen die Politik", sagt auch Wegmann.

Hindleys Giro-Sieg weckt Sponsoren-Interesse

Teammanager Denk hat zumindest für den Profiradsport einen Hoffnungsschimmer ausgemacht. Nach dem Geamtsieg seines Fahrers Jay Hindley beim Giro d'Italia hätten auch deutsche Firmen bei ihm angeklopft und ihr Interesse an Sponsoring im Radsport angemeldet. Obwohl Hindley als Australier sich nicht zwingend auch in Deutschland gut vermarkten lässt.

Viele Firmen, die als potenzielle Sponsoren infrage kommen, sind international tätig. So wie auch die beiden derzeitigen Geldgeber, die Denks Team unterstützen. Entsprechend ist auch seine Équipe nicht nur national ausgerichtet. "Der deutsche Radsport ist wichtig, die besten deutschen Fahrer sollen für Bora-hansgrohe fahren", sagt Denk. "Aber ich will trotzdem betonen, dass wir keine Nationalmannschaft sein wollen."

Sportschau Tourfunk, 03.07.2022 19:16 Uhr

Ein deutscher Profi, der bei der Tour de France um den Gesamtsieg mitfahren könnte, würde natürlich helfen, dem Radsport hierzulande wieder auf die Beine zu kommen. Doch ein solcher ist nicht in Sicht. "Ich sehe keinen um die Ecke kommen, der sich da aufdrängt", sagt Denk, dessen Team bei der Tour vom Russen Alexander Vlasov angeführt wird. Angesichts der Nachwuchssorgen des Radsports hierzulande ist auch nicht zu erwarten, dass sich das bald ändern wird. "Wir fischen", sagt Denk, "in einem kleinen Becken."

Jan Ullrich fährt in seinem Geburtsort Rostock die ersten Meter als Radsportler. 1993 gewinnt er mit 19 überraschend den WM-Titel. Er wird als Jahrhunderttalent gehandelt – hat aber Anlaufschwierigkeiten bei den Profis.

Die erste Tour de France - und gleich zeigt Jan Ullrich, warum er als größtes Talent im Radsport gilt. Im Sommer 1997 gelingt ihm dieser Coup. Ullrich wird prophezeit, die Tour noch mehrfach zu gewinnen - wenn seine Undiszipliniertheit nur nicht wäre.

Die Tour de France 1998 wird von einem Dopingskandal überschattet. 1999 wird der US-Amerikaner Lance Armstrong zur beherrschenden Tour-Figur. Vom Jahr 2000 an prägt das Duell zwischen Armstrong und Ullrich die Tour.

Vergeblich versucht Ullrich, Armstrong zu schlagen. Dieser tritt 2005 nach sieben Toursiegen zurück. Für Ullrich scheint der Weg frei. Doch sein Name taucht in den Listen des Blutdopingarztes Fuentes auf. Wenig später erklärt er seinen Rücktritt.

Ullrich lebt zurückgezogen in der Schweiz. 2012 werden ihm alle Erfolge seit 2005 wegen Dopings aberkannt. Er gerät in eine Abwärtsspirale aus Alkohol und Drogen. Gute Freunde holen Ullrich nach Merdingen zurück, wo er endlich Ruhe finden soll.