Stürze bei der Tour de France - Verheerendes Bild

Tour de France: Die Fahrer stoppen

Debatte um Sicherheit im Radsport

Stürze bei der Tour de France - Verheerendes Bild

Von Michael Ostermann (Fougères)

Die ersten Tage der Tour de France wurden von zahlreichen Stürzen überschattet. Das forciert die Sicherheitsdebatte im Radsport. Doch statt Dialog gibt es gegenseitige Schuldzuweisungen.

Die Protestnote hatte zwei Stufen: zehn Kilometer im Bummeltempo, eine Minute Stillstand. Darauf hatten sich die 177 verbliebenen Fahrer einigen können, um auf der 4. Etappe von Redon nach Fougères ihren Unmut zu äußern über die aus ihrer Sicht mangelhaften Sicherheitsbedindungen bei der Tour de France.

André Greipel, mit fast 39 Jahren der zweitälteste Fahrer im Peloton der Tour, hatte die Aufgabe übernommen, das Feld auf dem Weg von Redon nach Fougères etwa einen Kilometer nach dem scharfen Start zu stoppen. Greipel war auch einer derjenigen Radprofis gewesen, die sich schon nach dem Ende der 3. Etappe lautstark über die Anfahrt ins Ziel beschwert hatten. Einer Etappe, die erneut von schweren Stürzen überschattet worden war.

Debatte über das Image des Radsports

"Wer auch immer dieses Finale designt hat, sollte es selbst mal probieren mit 180 Fahrern hier um den Etappensieg zu fahren. Mir fehlen die Worte", schimpfte Greipel. Sein Teamkollege Rick Zabel hatte gar "ein Schlachtfeld" ausgemacht angesichts der auf der Straße liegenden Fahrer und Räder.

Der Ärger über die Streckenführung und der Schock über die verheerenden Stürze wichen am Morgen danach schnell einer Debatte über das Bild, das der Radsport derzeit abgibt angesichts von auf den Asphalt schmetternder Körper. Und das auf der größten Bühne, die dieser Sport zu bieten hat: der Tour de France.

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"Ich bin Vater. Wenn ich so etwas sehe, möchte ich nicht, dass mein Kind Radprofi wird. Das ist kein Radsport mehr. Welche Mutter wird ihr Kind jetzt noch zum Radsport schicken?", fragte der Teamchef der französischen Equipe FDJ-Groupama, Marc Madiot. Sein Team hat mit Ignatas Konovalovas bereits am ersten Tag einen Fahrer verloren. Der Litauer liege immer noch im Krankenhaus, berichtete Madiot.

Schuldzuweisungen statt Dialog

"Das ist nicht das Bild, dass der Radsport aussenden sollte", meint auch Merijn Zeeman, Sportdirektor beim Team Jumbo-Visma, mit Blick auf die vielen Stürze in den ersten Tourtagen. Auch seine Equipe hat schon einen Ausfall zu beklagen. Der Niederländer Robert Gesink musste das Rennen nach einem Sturz in der Frühphase der 3. Etappe aufgeben. Schwerer wiegt jedoch, dass auch der Kapitän der Mannschaft, Primoz Roglic, im hektischen Finale der 3. Etappe auf engen Straßen stürzte und Zeit einbüßte.

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Zeeman forderte ebenso wie viele Fahrer eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Sicherheit im Radsport. "Alle Beteiligten müssen sich zusammensetzen und einander zuhören", sagte der Niederländer am Start der 4. Etappe in Redon.

Ein solcher Dialog von Fahrern, Teams, Rennveranstaltern und Weltverband UCI scheint jedoch ein frommer Wunsch zu bleiben. Stattdessen gab es nach der von Stürzen überschatteten 3. Etappe erst einmal gegenseitige Schuldzuweisungen: UCI-Präsident David Lappartient, in dessen Geburtsort Pontivy die umstittene Zielankunft der 3. Etappe lag, erklärte, die Stürze seien nicht der Streckenführung geschuldet gewesen, sondern der "Unaufmerksamkeit" der Fahrer und der "Nervosität" im Feld.

Suche nach geeigneten Strecken wird schwieriger

Auch der Streckenchef der Tour de France, Thierry Gouvenou, wies die Kritik zurück. "Es ist immer einfach zu sagen, dass es gefährlich ist, aber man muss erkennen, dass es immer schwieriger wird, Zielorte zu finden", sagte Gouvenou der französischen Sportzeitung "L'Équipe".

Tatsächlich ist es für die Streckendesigner schwieriger geworden, geeignete Wege zu finden. In Ortschaften und Städten stellen Verkehrsinseln, Temposchwellen und Kreisverkehre, die den Autoverkehr entschleunigen sollen, Hindernisse dar, die für ein Radrennen störend sind.

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Doch in Pontivy waren es vor allem die engen Straßen und eine Abfahrt wenige Kilometer vor dem Ziel, die für Unmut sorgten. "Viel zu wenig Platz für alle Fahrer, die vorne sein wollen", bemängelte der deutsche Sprinter Max Walscheid. "180 Fahrer wollen dort fahren, wo nur für zwanzig Platz ist. Und mit einer solchen Streckenführung verschärft sich das Problem noch."

Es habe sicher auch andere Wege nach Pontivy gegeben, vermutete auch Radprofi Roger Kluge, dessen australischer Teamkollege Caleb Ewan zwar unbeschadet bist zum Sprint kam, dort aber 150 Meter vor dem Ziel schwer stürzte und sich das Schlüsselbein brach.

Radprofis finden keine gemeinsame Stimme

Fahrer und Teams fordern seit längerem eine unabhängige Instanz, die die Strecken im Vorfeld prüft und gegebenenfalls Änderungen vorschlägt - am besten besetzt mit ehemaligen Radprofis. Tourveranstalter ASO verweist darauf, dass Streckenchef Thierry Gouvenou selbst ein ehemaliger Radprofi ist, und ihr die Sicherheit der Fahrer natürlich am Herzen liege.

"Wir Fahrer sind das schwächste Glied in der Kette", sagt Rick Zabel. Aber der Versuch, die Kräfte zu bündeln und mit einer Stimme zu sprechen, scheitert bislang jedoch. Die offizielle Fahrervertretung CPA ist vielen Radprofis zu eng mit der UCI verbandelt. Die Gründung einer eigenen Riders Union, die sich im März konstituierte, könnte ein Schritt in diese Richtung sein, bleibt bislang aber noch ohne Wirkung.

So bleiben am Ende nur schwache Gesten wie jene am Start der 4. Etappe. Doch auch diese Form des Protests war offenbar nur mit Mühe durchzusetzen. "Auch da sieht man wieder, wie uneinig sich Teams und Fahrer sind", berichtete Radprofi Tony Martin über die Diskussionen im Vorfeld. Es gebe zu viele verschiedene Meinungen und wohl auch Profiteure von Situationen, wie denen in den ersten Tagen der Tour. "Das ist auch der Grund dafür, warum wir in der Sicherheitsfrage nicht weiterkommen."

Stand: 29.06.2021, 15:02

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