Polizeirazzia bei Tour-Team Bahrain Victorious

Ein Polizist vor dem Bahrain-Bus bei der Tour de France

Tour de France

Polizeirazzia bei Tour-Team Bahrain Victorious

Von Michael Ostermann (Luz Ardiden)

Die französische Polizei hat bei der Tour de France das Hotel des Teams Bahrain Victorious durchsucht. Festnahmen gab es keine, dafür wurden Trainingspläne sichergestellt. Das Team begleiten schon länger Doping-Gerüchte.

Die Mannschaftsbusse am Place de la Verdun in Pau waren wie immer abgeschirmt hinter Absperrgittern. Seit wegen der Corona-Pandemie eine Blase um die Teams gebildet worden ist, kommen Publikum und Journalisten nicht mehr heran, weshalb der Donnerstagmorgen (15.07.2021) für die Equipe Bahrain Victorious ohne Menschenauflauf und relativ entspannt verlief - trotz der Ereignisse am Abend zuvor.

Räume der Fahrer duchsucht

Nach der 17. Etappe war das Hotel des Teams von der Polizei durchsucht worden. "Im Rahmen der Untersuchung wurden die Räume der Fahrer durchsucht. Obwohl die Untersuchungsgründe nicht bekannt waren, wurde das Team auch aufgefordert, alle Schulungsunterlagen zur Verfügung zu stellen. Diese wurden zusammengestellt und den Beamten wie angefordert vorgelegt", teilte das Team am Morgen in einem Statement mit.

Nach Informationen der französischen Sportzeitung "L'Equipe" wurde die Aktion von der französischen Zentralstelle für die Bekämpfung von Umwelt- und Gesundheitsdelikten (OCLAESP) durchgeführt. Die Behörde beteiligt sich auch am Kampf gegen Doping. Der Mannschaftsarzt des Teams soll demnach nach der Tour de France von der OCLAESP befragt werden.

Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Marseille

Die Razzia ist die Folge eines Ermittlungsverfahrens, das die Staatsanwaltschaft Marseille bereits am 3. Juli wegen "Erwerb, Transport, Besitz, Einfuhr einer verbotenen Substanz oder Methode zur Verwendung durch einen Sportler ohne medizinische Rechtfertigung" gegen das Team eröffnet hatte.

Das Team ging mit der Razzia offen um und veröffentlichte am Tag der letzten Pyrenäen-Etappe ein eigenes Statement auf seiner Homepage. Man verpflichte sich "zu höchster Professionalität und Einhaltung aller regulatorischen Anforderungen" und werde "stets professionell zusammenarbeiten", versprach Bahrain Victorious. Die Durchsuchungen hätten die Regeneration und Essensplanung beeinträchtigt. "Das Wohlbefinden unseres Teams ist eines unserer Hauptanliegen."

Colbrelli spricht von "Eifersucht"

Vor dem Start der 18. Etappe in Pau stellten sich sowohl der Pressesprechers des Teams, Rayan Ajali, als auch die Fahrer des Teams am Startort der 18. Etappe in der Mixed Zone den Fragen der Journalisten. "Das ist offenbar der Preis, den man zahlen muss", sagte der italienische Sprinter Sonny Colbrelli. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, wir haben so viel investiert, haben uns in die Höhe zurückgezogen, haben tolles Material. Und dann ist es doch Eifersucht, so etwas aufzuführen."

Colbrelli: Razzia "reine Eifersucht" Sportschau 15.07.2021 01:23 Min. Verfügbar bis 15.07.2022 Das Erste

Tatsächlich hat Bahrain Victorious bislang eine sehr erfolgreiche Tour auf die französischen Straßen gelegt, obwohl der Kapitän des Teams, Jack Haig, das Rennen nach einem Sturz verlassen musste.

Dem Team gelangen bereits zwei Etappensiege durch den Slowenen Matej Mohoric und den Belgier Dylan Teuns. Colbrelli, eigentlich ein Sprinter, verblüffte zudem als Drittplatzierter bei der Alpenetappe nach Tignes. Zudem trägt der Niederländer Wout Poels vor der 18. Etappe das gepunkte Trikot des besten Bergfahrers.

"Es war nichts Besonderes, wir hatten Besuch von der Polizei, sie fragten nach den Trainingsakten der Fahrer, sie checkten den Bus, und das war's", versuchte Teamchef Milan Erzen die Razzia gegenüber dem Radsport-Portal "Cyclingnews" herunterzuspielen.

Bahrain Victorious zu Razzia: "Argerlich, vor so einer schweren Etappe" Sportschau 15.07.2021 00:53 Min. Verfügbar bis 15.07.2022 Das Erste

Anonyme Vorwürfe im Juni

Die guten Leistungen des Teams sind allerdings schon in den vergangenen Wochen angezweifelt worden. Bereits im Juni hatte die französische Zeitung "Le Parisien" anonyme Dopingverdächtigungen gegen Bahrain Victorious veröffentlicht, unter anderem vom Chef einer anderen Mannschaft. Beweise konnten aber weder die Zeitung noch die von ihr zitierten Personen vorlegen.

Die Vorwürfe wurden erhoben, nachdem der Italiener Damiano Caruso, 33, überraschend auf Rang zwei des Giro d'Italia gefahren war und der Ukrainer Mark Padun zwei aufeinanderfolgende Bergetappen bei der Dauphiné-Rundfahrt gewonnen hatte.

Teamchef Erzen und die Operation "Aderlass"

Teamchef Erzen gilt als Grandseigneur des slowenischen Radsports und als Entdecker von Primoz Roglic. Es heißt, niemand im slowenischen Radsport sei ohne Verbindungen zu dem ehemaligen Radsportler. Erzen war in der Vergangenheit auch mit der Operation "Aderlass" in Verbindung gebracht worden, hatte aber stets bestritten, mit dem inzwischen zu einer Haftstrafe verurteilten Arzt Mark S. zusammengearbeitet zu haben.

Im Prozess gegen den Erfurter Arzt hatte ein Ermittler ausgesagt, dass Erzen mit S. in Verbindung getreten sei. Das habe S. bei einer seiner Vernehmungen nach dem Auffliegen des Dopingrings erzählt. "Er wollte eine Geschäftsbeziehung eingehen", sagte der Zollbeamte vor dem Landgericht München. Demnach habe Erzen bei Mark S. unter anderem nach "einer Maschine" - offenbar zur Aufbereitung von Blut - gefragt. Mark S. habe eine Zusammenarbeit mit Erzen aber abgelehnt.

Der Radsportweltverband UCI hat Slowenien schon länger im Visier. Es gebe eine "strenge Beobachtung. Ich hoffe, die nationalen Anti-Doping-Agenturen helfen uns und investieren mehr Geld und Ressourcen", hatte UCI-Präsident David Lappartient bereits am Rande des Giro d'Italia 2019 in der "Gazzetta dello Sport" erklärt.

Razzia auch bei der Tour 2020

Auch im vergangenen Jahr hatte es im Rahmen der Tour de France eine Razzia gegeben. Damals war war das französische Team Arkea-Samsic um den Kolumbianer Nairo Quintana betroffen. Die Ermittlungen waren aber ohne Ergebnis geblieben.

Stand: 15.07.2021, 15:58

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