Tourreporter

5. Etappe der Tour de France Auf Kopfsteinpflaster ist es mit der Ruhe vorbei

Stand: 06.07.2022 09:46 Uhr

Die 5. Etappe führt über das gefürchtete Pavé in Frankreichs Norden. Die Tour de France wird dort nicht entschieden, aber man kann sie dort verlieren.

Von Michael Ostermann, Calais

Es sind seltsame Namen, bei denen die einen ins Schwärmen, die anderen ins Schwitzen geraten: Wasnes-au-Bac à Barcq-en-Ostrevent, Aubergicourt à Émericcourt oder Erre à Wandignies-Hamage. So heißen einige der Kopfsteinpflaster-Passagen, die das Fahrerfeld der Tour de France heute auf der 5. Etappe in Angriff nimmt (wir berichten im Live-Ticker ab 14 Uhr auf sportschau.de).

19,4 Kilometer Kopfsteinpflaster

Von den 157 Kilometern der Etappe (wegen einer kurzfristigen Streckenänderung wurde die Etappe um 3,3 Kilometer verlängert) führen 19,4 Kilometer über die gefürchteten Pavés des französischen Nordens. Elf Sektoren, die sonst beim Klassiker Paris-Roubaix auf dem Programm stehen, haben die Streckenplaner in den Kurs eingebaut. Es ist eine Etappe, auf die sich die Spezialisten freuen - und die die Klassementfahrer fürchten.

Die Streckenanimation der 5. Etappe

Sportschau, 23.06.2022 19:37 Uhr

Es war in den Tagen vor dem Start der Tour de France viel die Rede davon, dass man heil durch die erste Woche kommen müsse. Und nicht allen war die Streckenführung der ersten Tage recht. Viele kleine Straßen, viele Richtungswechsel, der Wind - das alles galt im Vorfeld als gefährlich.

Die ersten vier Etappen verliefen dann aber viel ruhiger als erwartet: kleine Ausreißergruppen, die leicht zu kontrollieren und deren Besetzung wenig umkämpft waren. Die Etappen zwei bis drei endeten mit einem Massensprint, aber zum Glück ohne folgenschweren Massensturz. Auf der 4. Etappe sorgte Wout van Aert im Gelben Trikot mit einer Attacke kurz vor Schluss für etwas Aufregung.

Auf dem Teilstück von Lille nach Arenberg dürfte es mit der Ruhe nun aber endgültig vorbei sein. "Über die Pavés zu fahren ist bei der Tour etwas ganz anderes als bei Paris-Roubaix", sagt der Belgier Philippe Gilbert. "Bei Paris-Roubaix fahren wir gegen die anderen Spezialisten. Bei der Tour fahren dagegen eine Menge Fahrer, die nicht wissen, wie man sein Rad über diese Straßen steuert."

Moritz Cassalette, Sportschau, 06.07.2022 09:32 Uhr

Manche Spezialisten haben freie Fahrt, andere nicht

Gilbert, der am Dienstag (05.07.2022) seinen 40. Geburtstag feierte, zählt definitiv zu den Spezialisten. 2019 gewann er den Frühjahrsklassiker in Roubaix. Auch John Degenkolb hat ein ausgewiesenenes Faible für das Kopfsteinpflaster. Paris-Roubaix gewann der deutsche Radprofi vom Team DSM im Jahr 2015.

Drei Jahre später feierte er in Roubaix einen emotionalen Etappensieg, als die Tour zuletzt das Feld über die Pavés jagte. "Wenn man da schon mal gewonnen hat, will man natürlich wieder vorne mit dabei sein", sagt Degenkolb. "Meine persönlichen Erwartungen sind, glaube ich, größer als die des Teams."

Gilbert (Lotto-Soudal) und Degenkolb werden genau wie der Niederländer Mathieu van der Poel (Alpecin-Deceuninck) von ihren Mannschaften sicher freie Fahrt bekommen. Ihre Teams haben keinen Fahrer für die Gesamtwertung dabei. Andere Spezialisten werden dagegen in erster Linie ihre Kapitäne heil über die Pflastersektoren geleiten müssen.

Politt sind "die Hände gebunden"

Das gilt aller Voraussicht nach auch für den deutschen Meister Nils Politt vom Team Bora-hansgrohe, dessen Kapitän Alexander Vlasov bei der Tour de France um den Sieg mitfahren will. "Da sind mir dann die Hände ein bisschen gebunden. Es geht darum, dass wir ihn sicher ins Ziel bringen", sagt der Kölner, der Paris-Roubaix 2019 hinter Gilbert auf Platz zwei beendete.

Auch bei anderen Spezialisten wird die Teamtaktik entscheidend dafür sein, ob sie sich an einem Etapensieg versuchen dürfen oder nicht. Dylan van Baarle etwa, der Sieger der diesjährigen Ausgabe von Paris-Roubaix, bei Ineos-Grenadiers im Team ebenfalls Anwärter auf das Podium in Paris. Allerdings stehen dort mit dem jungen Thomas Pidcock und dem erfahrenen Luke Rowe zwei weitere Fahrer im Tourkader, die sich auf diesem Terrain ebenfalls wohlfühlen. Und Geraint Thomas, einer der Teamleader der britischen Équipe, beherrscht das Kopfsteinpflaster ebenfalls.

Nils Politt - Deutscher Meister und Etappensieger

Sportschau, 27.06.2022 19:52 Uhr

Immer wiederkehrende Diskussion

Andere Kapitäne sind da eher in Gefahr. Und die Diskussionen darüber, ob die Pavé-Abschnitte Teil der Tour de France sein sollten oder nicht, kehrt regelmäßig wieder, wenn die Streckengestalter sie in den Parcours einbauen. Die Organisatoren argumentieren damit, dass der Fahrer, der das schwerste Radrennen der Welt gewinnen will, eben alles können muss. "Für die Favoriten sind eine gute Vorbereitung und volle Konzentration die besten Waffen gegen Nervosität vor dieser Prüfung", meint Tourdirektor Christian Prudhomme.

Tatsächlich haben die Teams den Transfertag am Montag genutzt, um sich die elf Kopfsteinpflaster-Abschnitte noch einmal anzuschauen. Fest steht, dass man die Tour de France dort nicht gewinnen, aber durchaus verlieren kann. "Ich erinnere mich noch an 2018", sagt Nils Politt. "Da lagen einige schon vor dem Kopfsteinpflaster. Einer von den Großen überlebt es meistens auch nicht, weil er durch einen Sturz zurückgeworfen wird."

Prominente Opfer der Vergangenheit

So erging es 2010 dem Luxemburger Fränk Schleck, damals ein Mitfavorit auf Gelb, der auf einem der Pavé-Sektoren zu Fall kam und das Rennen mit einem dreifachen Schlüsselbeinbruch aufgeben musste. Sein Teamkollege Jens Voigt wütete danach in die Mikrofone und warf den Organisatoren "Rücksichtslosigkeit" und "Spielchen" vor. In einem Interview vor der Tour in diesem Jahr sprach er von "modernem Gladiatorentum".

Auch 2014 und 2018 forderten die Kopfsteinpflasteretappen mit Christopher Froome bzw. Richie Porte prominente Opfer. Beide stürzten aber nicht etwa auf den Pflastersteinen, sondern auf der Anfahrt dorthin. Denn wie beim Klassiker im Frühjahr kommt es vor allem darauf an, in einer vorderen Position auf die Sektoren zu fahren.

"Das läuft immer nach mehr oder weniger denselben Regeln ab", sagt der deutsche Radprofi Jonas Rutsch. "Du fährst auf das Kopfsteinpflaster drauf, musst aber erst mal bis dahin sprinten, so dass du in einer möglichst guten Position drauf kommst. Und dann fährst du in einer Reihe darüber. So wird es auch bei der Tour ablaufen."

Zwei Rennen in einem, zwei Ambitionen

Es wird also diesmal sicher hektisch zugehen. Und es wird zwei Rennen in einem geben. Eines um den Etappensieg und eines der Klassementfahrer, die möglichst keine Zeit verlieren dürfen. Das gilt vor allem für die Topfavoriten - den beiden Slowenen Tadej Pogacar, Primoz Roglic und den Dänen Jonas Vingegaard.

Pogacar hat im Frühjahr als Vierter der Flandern-Rundfahrt schon unter Beweis gestellt, dass er auch dieses Terrain beherrscht. Roglic und Vingegaard haben mit Wout van Aert, Tiesj Benoot, Christophe Laporte und Nathan Van Hooydonk gleich vier Klassikerfahrer an ihrer Seite.

Van Aert muss nach seinen bisherigen Auftritten dennoch als einer der Anwärter auf den Etappensieg gelten. Schließlich soll er das Grüne Trikot des Punktbesten nach Paris tragen. Diese Wertung führt er nach drei zweiten Plätzen und einem Etappensieg bereits an. "Wir freuen uns darauf, die beiden Ambitionen Grün und Gelb zu kombinieren", sagt van Aert. Dafür müssen aber auch die beiden Kapitäne am Mittwoch heil durchkommen.

Das Team Jumbo-Visma setzt auf der 4. Etappe einen überraschenden Angriff. Wout van Aert gelingt der Sieg, aber der Plan geht trotzdem nicht ganz auf.