Jonas Vingegaard - Vom Fischmarkt aufs Tour-Podium?

Jonas Vingegaard

Tour de France

Jonas Vingegaard - Vom Fischmarkt aufs Tour-Podium?

Von Michael Ostermann (Carcassonne)

Jonas Vingegaard war bei der Tour de France bislang der einzige Fahrer, der Tadej Pogacar mit einer Attacke in Schwierigkeiten bringen konnte. Vor drei Jahren arbeitete der Däne noch auf einem Fischmarkt - jetzt hat er das Podium in Paris im Visier.

In all dem Trubel um den Rekordsprint von Mark Cavendish erreichte Jonas Vingegaard das Ziel in Carcassone am Freitag (09.07.2021) weitgehend unbemerkt, aber vor allem unversehrt. Als 31. rollte er zeitgleich mit dem Sieger und all den anderen Klassementfahrern über den Zielstrich.

Auch auf der 13. Etappe hatte es ja wieder einen schweren Sturz gegeben und einige Radprofis waren einen Abhang hinuntergestürzt. Drei Fahrer mussten das Rennen beenden, darunter der Berliner Roger Kluge. Vinegaard und sein Team Jumbo-Visma, das im Verlauf der ersten zwei Wochen schon drei Fahrer verloren hat, entgingen auf dieser wieder einmal nervösen Flachetappe dem Unglück.

Cavendish egalisiert in Carcassonne den Merckx-Rekord

Sportschau Tourfunk 09.07.2021 14:59 Min. Verfügbar bis 10.07.2031 ARD


Download

Tourfinale in den Pyrenäen

Am Wochenende erreicht das Peloton für das Tourfinale in der dritten Woche nun wieder bergiges Terrain. Am Samstag (10.07.2021) geht es bereits in die Pyrenäen, die beiden entscheidenden Etappen dort stehen am Mittwoch und Donnerstag an. Dann stehen Berge wie der Col de Peyresourde und der Tourmalet auf dem Programm. Beide Etappen enden mit einem Schlussanstieg.

Nach Lage der Dinge wird Tadej Pogacar sein Gelbes Trikot dort verteidigen. Der Slowene sitzt mit einem komfortablen Vorsprung von mehr als fünf Minuten an der Spitze des Klassements. Und bisher hat ihn im Hochgebirge niemand wirklich in Bedrängnis bringen können.

"Eine Inspriration für die anderen"

Der einzige, der zumindest einen kleinen Riss in Pogacars Rüstung der Unantastbarkeit entdeckt hat, ist Vingegaard. Der 24 Jahre alte Däne war am Mont Ventoux in der Lage, den Vorjahressieger mit eine Attacke abzuschütteln und eine Lücke zu reißen, die auf dem Gipfel allerdings nicht groß genug war, so dass Pogacar gemeinsam mit Rigoberto Uran und Richard Carapaz in der Abfahrt wieder aufschließen konnte.

"Es ist ein bisschen verrückt, Pogacar wegzufahren", erklärte Vingegaard nach seinem überraschenden Angriff auf den Slowenen. "Ich wollte einfach meine Chance ergreifen. Ich habe mein Bestes getan. Das hat gereicht, um davonzufahren, und das hat sehr viel Spaß gemacht." Auch das Publikum hatte seinen Spaß daran, weil die Attacke ein wenig Hoffnung machte darauf, dass in den Kampf um das Gelbe Trikot vielleicht doch noch ein wenig Schwung kommt.

Doppelte Überraschung am doppelten Ventoux

Sportschau Tourfunk 07.07.2021 13:47 Min. Verfügbar bis 08.07.2031 ARD


Download

Bei seinem Team waren sie danach allerdings sehr schnell darum bemüht, zu verhindern, dass man Vingegaard, der als Gesamtdritter 5'32 Minuten Rückstand hat, nun zum ersten Herausforderer für Pogacar erklärt. "Wir machen uns keine Hoffnung, dafür liegt er zu weit zurück", erklärte Merijn Zeeman, der Teamchef von Jumbo-Visma. "Aber vielleicht ist es eine Inspiration für die anderen."

Unverhofft im Fokus beim Tourdebüt

Die anderen, dass sind vor allem der Zweitplatzierte Uran (+ 5'18 Min.) und der Viertplatzierte Carapaz (+5'33). Aber im Gegensatz zu dem jungen Dänen haben sie Pogacar bisher nicht in Bedrängnis bringen können.

Vingegaard fährt zum ersten Mal bei der Tour de France. Es ist überhaupt erst seine zweite Rundfahrt über drei Wochen, nachdem er im vergangenen Jahr die Spanien-Rundfahrt bestritten hat. Nach Frankreich war Vingegaard als Helfer für Primoz Roglic angereist, der die Tour gewinnen sollte. Nun ist Roglic wegen der Folgen eines Sturzes aber bereits vorzeitig ausgeschieden.

Der im Gesicht schon ausgemergelt wirkende junge Mann ist damit unverhofft in den Fokus gerückt, dabei sollte er die Tour eigentlich erstmal in Ruhe kennenlernen. "Wir schauen bei ihm auf lange Sicht. Er fährt sehr gut, nur hat er überhaupt keine Erfahrung", sagt sein Teamchef Zeeman, in dessen Team Vingegaard seit 2019 unter Vertrag steht.

Fische ausnehmen auf dem Fischmarkt

Als die Scouting-Abteilung der niederländischen Équipe vor vier Jahren auf ihn aufmerksam wurde, arbeitete Vingegaard noch auf einem Fischmarkt und nahm frühmorgens um fünf Uhr Fische aus, bevor er nachmittags zum Training aufbrach.

"Das sagt auch etwas über seine Mentalität und seine Persönlichkeit aus", sagte Zeeman damals der niederländischen Website Wielerflits: "Es steckt ein sehr großer Motor in diesem Jungen. Jetzt liegt es an uns, ihn so gut wie möglich zu führen, damit er sein volles Potenzial erreichen kann."

Wie groß dieses Potenzial ist, deutete Vingegaard erstmals in diesem Frühjahr an, als er die schwere Baskenland-Rundfahrt auf Rang zwei hinter seinem Teamkapitän Roglic beendete und die einwöchige Rundfahrt Settimana Internazionale Coppi e Bartali gewann.

Die Dinge nehmen Fahrt auf

Die guten Ergebnisse und die längere Pause von Tom Dumoulin, dem Giro-Sieger von 2017, wegen mentaler Probleme, sicherten Vingegaard seinen Platz im Tour-Team von Jumbo-Visma. Das führt er nun sogar an, dabei war Vingegaard eigentlich ein Versprechen auf die Zukunft. "Wir glauben, dass er weit kommen kann", sagt Zeeman. "Jetzt nehmen die Dinge Fahrt auf, das ist alles ganz neu für ihn."

Eine neue Erfahrung machte auch Tadej Pogacar bei Vingegaards Attacke am Ventoux. Und egal, ob der Däne so einen Angriff noch einmal wiederholen kann oder nicht, das Podium in Paris ist in Reichweite.

Stand: 10.07.2021, 07:08

Darstellung: